17 Erzählungen über Sex und Macht

Ein kluger Storyband in Nach-MeToo-Zeiten fragt, was zwischen Männern und Frauen beim Sex falsch läuft. Einige der besten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur erzählen: Wenn sich Kopf und Körper trennen.

Bernadette Conrad
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Lina Muzur hat 17 Erzählungen zum Thema Sex und Macht gesammelt. (Bild: Imago)

Lina Muzur hat 17 Erzählungen zum Thema Sex und Macht gesammelt. (Bild: Imago)

Es passiert auf dem Zahnarztstuhl. Mira erstarrt unter den Händen der Zahnärztin und ist von einer Sekunde auf die nächste an einem ganz anderen Ort. Zeit und Raum lösen sich auf, wie das bei traumatischen Ereignissen so ist. Plötzlich ist sie wieder 17, liegt auf dem zurückgeklappten Sitz eines Familienvans und wird vergewaltigt. Wie in dieser Geschichte von Margarete Stokowski kommt die traumatische Erfahrung Vergewaltigung auch in anderen Texten des beeindruckenden Storybandes «Sagte sie» vor. Als tiefe seelische Verletzung, die verdrängt werden muss; so eingreifend, dass man als Frau mit eigenen Scham- und Schuldgefühlen daraus hervorgeht statt mit mörderischer Wut. «Mein Kopf trennte sich vom Körper Marias», schreibt Annett Gröschner in «Maria im Schnee». «Irgendwann würde es vorbei sein, in 1000 Jahren oder in zwei Minuten.» Was bleibt, ist eine «Bürde, die an Gewicht nicht verliert. In meinem Kopf eine verwüstete Landschaft.»

«Hat sie nicht seine Aufmerksamkeit genossen?»

Verwüstungen: Die werden durch das komplettiert, was sich an Last auf das erlebte Trauma noch draufsetzt. Die «genüsslichen Fragen des Polizisten» etwa, der wissen will, warum sie «mitgemacht» hat. Antonia Baums Ich-Erzählerin imaginiert in «Setzen Sie sich!» eine Art Tribunal, in dem sie öffentlich über ihre Schuld abstimmen lässt. An diesem Abend vor sechs Monaten, als C, der «an sich nette Typ», der ihre Abteilung leitet, mit ihr zusammen ein Taxi zu einer nächsten Party genommen hatte. Sie hatte nicht gewollt, dass er sie küsst und ihr überallhin fasst. Aber hatte sie nicht eine Art «Vertrag» unterschrieben, als sie sein glitzerndes Lächeln beantwortet, seine Aufmerksamkeit genossen hatte? «Ich wollte irgendwie höflich bleiben und C. nicht beschämen. Er sollte nicht dastehen wie … ein Vergewaltiger aus dem Fernsehen ...». Und dann, als alles vorbei und sie zu Hause ist, gibt das Tribunal in ihrem Kopf keine Ruhe: «Glauben Sie denn, Sie und Ihre Opfermentalität gehen uns nicht auf die Nerven?»

Längst nicht in allen Geschichten ist Sex ein explizites Thema. Wohl aber der Pakt zwischen Sex und Macht, der auf sehr vielfältige Weisen eine Frau ins Aus setzen kann. Denn in den «17 Erzählungen über Sex und Macht» sind Situationen aus weiblicher Perspektive erzählt, die auf bestimmte gesellschaftlich geduldete Weisen aus dem Ruder laufen und überindividuellen Mustern folgen: Da ist Franziska in Anke Stellings «Raus», die in den Jahren der so ersehnten Ehe mit Varut kleiner und kleiner wird, mit dem Schreiben aufgehört und sogar das gute Verhältnis zu ihren Eltern eingeschränkt hat, bis irgendwann ihre kleine Tochter die Lage zusammenfasst: «Du hast hier gar nichts zu sagen.» Kleiner werden als Frau, Substanz an die anderen abgeben, war der Preis für Beziehung und Familie gewesen.

Man kann die Erzählungen nicht am Stück lesen und muss oft tief durchatmen bei der Lektüre dieser ganz unterschiedlichen, sehr klugen Texte. Scham, Erniedrigung, Selbstentfremdung legen einen roten Faden, der seit «MeToo» gesellschaftlich nicht mehr ganz übersehen werden kann.

Hinweis

Lina Muzur (Hg): Sagte sie. ­ 17 Erzählungen über Sex und Macht. Hanser, 224 S., Fr. 30.–