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Pascale Kramers neuer Roman: Was tun, wenn sich der Sohn und Bruder zu Tode trinkt?

Pascale Kramer war 2017 Gewinnerin des Grand Prix Literatur des Bundes. Nun hat sie einen Roman über eine leidgeprüfte Familie geschrieben. Ein Gespräch mit der Autorin.
Florian Bissig
Die Schriftstellerin Pascale Kramer im Treppenhaus der ETH Zürich, wo sie dieses Semester mehrere Gastvorlesungen zu ihrer Literatur hält. Bild: Severin Bigler

Die Schriftstellerin Pascale Kramer im Treppenhaus der ETH Zürich, wo sie dieses Semester mehrere Gastvorlesungen zu ihrer Literatur hält. Bild: Severin Bigler

Die Familie ist wohlhabend, alle Chancen sind intakt, alle Optionen stehen offen. Die Erziehung ist liebevoll, die drei jüngeren Halbgeschwister bewundernd und verständnisvoll. Doch Romain tut nur eines: Trinken. Seit der Teenagerzeit säuft er sich bei jeder Gelegenheit unter den Tisch und beinahe ins Koma.

Irgendwann verschwindet er und wird von seinem Bruder erst nach langen Jahren ohne Lebenszeichen wiedergefunden. Er liegt am Pariser Gare du Nord in einem verdreckten Schlafsack, schwer gezeichnet von seiner selbstzerstörerischen Odyssee. Romain rafft sich nochmal auf, er versucht es. Er lässt sich von seiner Familie zurück nach Bordeaux holen, lässt sich waschen, frisieren, die Zähne flicken, und er macht eine Entziehungskur. Seither hat er eine Wohnung und arbeitet in einer Gärtnerei.

Und die Familie, insbesondere die Mutter, lebt in ständiger Angst vor einem Rückfall. Dass die Angst berechtigt war, und dass in gewisser Weise alle Sorgen und Bemühungen vergeblich waren: Das stellt sich während der zwei Tage heraus, welche Pascale Kramers Roman «Eine Familie» behandelt.

Eine Tragödie in 48 Stunden

Dabei ist der Anlass, der die Familie zusammenbringt, ein freudiger. Lou bringt ihr zweites Kind zur Welt, ihr Bruder Édouard und sogar die in Barcelona lebende Schwester Mathilde sind deswegen heimgekommen. Dass gerade zur Niederkunft die Nachricht durchdringt, dass Romain seinen Job aufgegeben hat und wohl wieder abgestürzt ist, ist ein schwarzer Zufall, der die Familienzusammenkunft überschattet. Kramer erzählt die Vorkommnisse der 48 Stunden nacheinander durch die Brille der drei Kinder und der Eltern und zeigt so, was Romains tragische Geschichte bei seinen Nächsten auslöst.

Bei der Mutter herrschen – wie könnte es anders sein – Schuldgefühle vor und eine unerbittliche Entschlossenheit, den Glauben an den Sohn und die Hoffnung niemals aufzugeben. Romains jüngere Halbgeschwister, die er mit seinen gefährlichen Eskapaden um die unbeschwerte Kindheit gebracht hat, reagieren je auf ihre Weise auf die schmerzliche Wahrheit, die wieder ans Licht kommt. Doch trotz aller Lügen und Enttäuschungen und bei aller Scham, Verärgerung und Fassungslosigkeit entziehen Romain alle fünf doch nie ihre Liebe.

Auch Helfen kann ein Übergriff sein

Pascale Kramers Buch wirft viele Fragen auf. Hat sie denn Antworten? Was muss noch da sein, damit man einen Menschen lieben kann? Die Autorin, vor zwei Jahren mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet, die wir am Rand ihrer Vorlesungsreihe an der ETH Zürich treffen, gibt sich bescheiden.

«Romain lässt sich nicht lieben, aber er wird trotz allem geliebt»

, hält sie fest. Auf die Frage, was wir denn unseren Familienmitgliedern schulden, verweist sie auf die verschiedenen Positionen, die in ihrem Buch vertreten sind.

Der Bruder Édouard, das Gläubigste der Geschwister, unterstützt Romain grosszügig und akzeptiert seine Unfähigkeit zu einem bürgerlichen Arbeitsleben und zur Abstinenz. Dafür wird er von den anderen heftig kritisiert. «Jeder muss selbst entscheiden, was er tun und lassen muss», sagt Pascale Kramer dazu. «Ich bin nicht im Besitz der Wahrheit.»

Lebhaft geht sie auf die Frage ein, ob wohlmeinende Unterstützung auch einen Übergriff darstellen könne. «Das ist genau die philosophische Frage, die mich interessiert!» Es gebe einen Konflikt zwischen dem Wohlbefinden der Familie und demjenigen Romains, der keinen Willen zum Leben habe. Kramer weiss, wovon sie spricht. Sie hat in Paris eine Zeit lang in einer Institution gelebt, in der ehemalige Obdachlose und berufstätige Menschen gemeinsam eine Wohngemeinschaft bilden.

Dies ist nur ein Beispiel für ihr gesellschaftliches Engagement. Kramer schreibt für Zeitschriften im NGO-Bereich, wirkt in der Programmleitung der afrikanischen Buchmesse in Genf, leistet Flüchtlingshilfe und vieles mehr.

In jener Wohngemeinschaft gab es auch einen Mann, der einige Aspekte mit der Figur von Romain teilt. «So ein feiner Mensch, der nie Ansprüche hatte», sagt Kramer. Für sie ist klar, dass ohne die Motivation der Suchtkranken keine Heilung möglich ist. «Es gibt genügend Unterkünfte, doch um dort bleiben zu können, müssen sich die Menschen an Regeln halten. Wer sich komplett gehen lässt, ist nicht zu retten. Für die Angehörigen ist das eine harte Einsicht.»

«Es geht mir nicht um Sozialkritik»

Im Buch kommt die Perspektive aller erwachsenen Familienmitglieder zur Sprache, aber nicht die Romains. Für Kramer ist dies eine Frage der Ethik des Schreibens. Es gebe Menschen, die unzugänglich wie ein Tresor seien, «ein menschliches Mysterium». Sie zerstören sich, und geben keine Rechenschaft darüber.

Anders als in Kramers letzten Roman «Autopsie des Vaters», in dem ein Suizid in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext beleuchtet wird, gibt es in «Eine Familie» keine sozialpolitischen Schlüsse zu ziehen. «Es geht mir nicht um die Kritik einer katholischen Familie oder um Sozialkritik. Es geht um eine Krankheit.»

Sehr gut kommen in Kramers Roman allerdings auch die Familie und die Liebe nicht weg. Die Mutter kommt mit dem Prestigeverlust des pensionierten Mannes nicht klar, Édouard hat eine graue Maus geheiratet die ihn bald nicht mehr anzieht, Lou und ihr Mann haben sich bis zur Geburt der Tochter heftig gestritten... «Ich bin halt realistisch», sagt Kramer, die selber meist allein lebt.

Und wie geht es dem liebenswürdigen Mann, der hinter der Figur von Romain steht? Pascale Kramer atmet tief ein. «Ihm mussten ein Bein und ein Fuss amputiert werden. Er hat jetzt eine Beschäftigung. Er trinkt nicht mehr...» Sie zuckt vorsichtig mit den Schultern und sagt nichts weiter. Ihr Roman endet nicht happy. Romain musste nach einem Absturz hospitalisiert werden. Zuvor wurde eine Aids-Erkrankung diagnostiziert. «Eine Familie» endet realistisch.

Tipp

Pascale Kramer: Eine Familie
Roman, aus dem Französischen von Andrea Spingler
Rotpunkt
Zürich, 2019
192 Seiten

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