Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Wenn schon falsch, dann richtig

Nichts für Erfolgsmenschen: In der Kellerbühne stellt Jens Nielsen mit seinem Denkartistik-Solo die Welt auf den Kopf. Am eigenen Leib führt er vor, was passiert, wenn einer systematisch «1 Tag lang alles falsch» macht.
Bettina Kugler
Pannen wie Schnürchen: Jens Nielsen lässt einen in der Kellerbühne fast pausenlos lachen. (Bild: Urs Jaudas)

Pannen wie Schnürchen: Jens Nielsen lässt einen in der Kellerbühne fast pausenlos lachen. (Bild: Urs Jaudas)

Heute schon in aller Ruhe auf der sicheren Seite gestanden? Dann drücken wir jetzt fest die Daumen, dass Ihnen nicht gleich Jens Nielsen über den Weg läuft. Der nämlich ist im sogenannt grünen Bereich komplett fehl am Platz. Mit unhinterfragten Selbstverständlichkeiten könnte im Falle einer zufälligen Begegnung, etwa im Bus, für den Rest des Tages schlagartig Schluss sein.

Nielsen ist nun einmal nicht einer jener Strahlemänner, welchen im Leben alles zufliegt und zuverlässig glückt. Die permanent auf der Erfolgsspur fahren, mit Rückenwind selbstredend. Im Gegenteil: Die grossen Lebensentwürfe misslingen ihm mindestens so kläglich wie die kleinen Schritte des Zwischenmenschlichen und des Standardtanzes. Immer und überall der Kopf im Weg! Schon mit der Biographie fängt das an: «Als Däne geboren, in der Schweiz aufgewachsen», «wollte eigentlich 1970 geboren werden, wurde dann aber 1966 geboren», in Aarau übrigens – solche Dinge erfährt man backstage über ihn. Geboren zum Weltmeister des Scheiterns!

Meisterhafte Kausalketten

Also macht der Denk- und Sprachartist ernst mit der Endlosschlaufe von kleinen, aber gemeinen Alltagspannen. Wenn schon falsch, dann aber richtig! Er proklamiert ein Scheitern im grossen Stil, «Falsch als Plan und Absicht», «Schief als Wille und Entschluss» – das tönt nicht nur verdächtig nach Schopenhauer; tatsächlich ist ein gerüttelt Mass an Misanthropie und philosophischer Anstrengung im Spiel, auch wenn Nielsen damit nicht hausieren geht.

Vielmehr stellt sich das etwas später (zum Beispiel auf der störungsfreien Heimfahrt in der S-Bahn) heraus, wenn man am Ende des Kellerbühnen-Abends ein wenig in sich geht und klaren Kopfes fragt, warum man eigentlich fast pausenlos so hemmungslos gelacht hat, neunzig Minuten lang. Warum die Pause von zwanzig Minuten dringend nötig war, um mental wieder notdürftig Fuss zu fassen in der ganz normalen Ordnung der Dinge. Sicher deshalb, weil Jens Nielsen meisterhaft Kausalketten entwirft, mit Spannung und Kunstpausen höchst clever spielt. Aber wohl ebenso, weil er ziemlich viel Ionesco gelesen hat, Beckett, vielleicht auch Kafka, ganz bestimmt aber Robert Walser. Auch damit geht er nicht hausieren, und man muss es keineswegs wissen, um sich zu amüsieren. Aber er ist eben nicht ganz so harmlos, wie er aussieht. Was man schon im Lauf des Abends an der Tonart des Gelächters im Saal merkt. Immer verzweifelter klingt es angesichts der grotesken Zuspitzungen, in die der Alles-falsch-Tag führt. Absurd heisst schliesslich nicht sinn- und absichtslos. Und sein Kopf ist mitnichten «nur noch dran, um die Frisur zu stützen». (Anmerkung der Redaktion: Welche?)

Makellos auf Abwegen

Mag er von einer ausgetüftelten Kausalkette der Fehltritte, einer rundum verkehrten Welt schwadronieren, bis draussen dicke Luft herrscht, ihm weiss vor Augen wird und er allmächtig wird: Seine Sache als Alleinunterhalter auf Abwegen vom Normalen macht er perfekt, untadelig, absolut makellos. Dabei braucht er herzlich wenig, um unseren Verstand aus den Angeln zu heben, uns die Trittsicherheit im Normalbereich zu rauben. Einen Stuhl, auf dem er gern rittlings sitzt. Eine kleine Objektseilbahn, quer und kreuz über die Bühne und den Mittelgang gespannt, für die spärlichen Requisiten. Ausgreifende Gestik und Mimik: In seine Körperhaltung ist immer schon das Zusammenzucken angesichts der nächsten Panne einprogrammiert.

Grammatikalisch ist Jens Nielsen so wenig korrekt wie politisch; immer fehlt etwas an seinen geradezu juristisch präzisen, anatomisch anschaulichen Sätzen: Da treibt er den Fehler im System noch auf die Spitze. Die Lacher hat er dennoch stets auf seiner, also der unsicheren Seite. Es dürfte die Mehrheit sein. Falls sie sich nicht versteckt. Mit Wille und Vorsatz.

Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne St. Gallen, je 20 Uhr

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.