Wenn nichts auf Nummer sicher ist

Noch vier Tage bis Heiligabend: Die Thurgauer Schriftstellerin Tanja Kummer erzählt in ihrem Roman «Sicher ist sicher ist sicher» aus dem Leben einer Mutter, Ehefrau und Buchhändlerin, die unter dem Zwang leidet, alles kontrollieren zu müssen.

Dieter Langhart
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Tanja Kummer: Sicher ist sicher ist sicher. Roman. Zytglogge 2015, 233 S., Fr. 31.90

Tanja Kummer: Sicher ist sicher ist sicher. Roman. Zytglogge 2015, 233 S., Fr. 31.90

Zu beneiden ist Martina Ortolfi nicht. Klar hat sie viel um die Ohren kurz vor Weihnachten: Stress in der Buchhandlung, Stress mit Tochter Lili, Stress wegen der Feier bei ihren Eltern, und wenig Hilfe kommt von ihrem Mann Dani. Bruder Roland ist speziell drauf, dann haut Grossmutter Sofie ab nach Sylt. Aber am meisten zu schaffen macht Martina der Herd: «Ich gehe in die Küche und kontrolliere den Herd. Null. Null. Null. Null. Alle Schalter stehen senkrecht. […] Viermal gehe ich hin und zurück. Es war schon weniger. Meistens ist es aber mehr.»

Aussetzer und Ängste

Martina leidet an einem Kontrollwahn. Mehr noch: Sie kann sich nicht konzentrieren, verschleisst in der Küche Paar um Paar der Plastikhandschuhe, vergisst, Spielzeug von Keimen zu reinigen, hat Aussetzer beim Einkaufen, hat Angst daheim, fährt ins Spital und sagt am Empfang: «Grüezi, ich habe Angst.» Denn die pflanzlichen Beruhigungspillen helfen längst nicht mehr. Weihnachten rücken immer näher. Auch letztes Jahr waren sie eine Katastrophe gewesen.

Subjektive Ich-Perspektive

Tanja Kummer, 1976 in Frauenfeld geboren, legt nach fünf Lyrik- und Erzählbänden ihren ersten Roman vor. Er trägt Martinas Kampf im Titel: «Sicher ist sicher ist sicher». Die Autorin begleitet ihre Protagonistin auf Schritt und Tritt während fünf Tagen, vom 20. bis 24. Dezember. Sie tut dies behutsam und einfühlsam, sie hält sich im Hintergrund und lässt die Figur in der Ich-Form erzählen. Der Leser soll Martina nicht ausweichen, soll teilnehmen an ihrem Tun und an ihren Gedanken.

Martina kann nicht einmal Doktor Hugentobler Paroli bieten, einem der Kunden in der Buchhandlung: «Einfach sagen, was ich will. Aber dafür müsste ich erst einmal wissen, was ich will. Doch mein klarer Verstand ist überspült.» Sie weiss nur, dass sie Sicherheit sucht und deshalb Convenience-Food einkauft – da muss sie nichts berühren beim Kochen.

«Ein zerfetztes Gipfeli»

Tanja Kummer erzählt flüssig, präzise: kein Wort zu viel, jeder Schauplatz lebendig. Sie bricht die Tragik oft mit Humor, etwa wenn Martina den Weihnachtseinkauf zur Tanzstunde werden lässt oder den Mond als ein «zerfetztes Gipfeli» sieht. Und Tanja Kummer leistet sich ein wenig Selbstironie – sie war einst Buchhändlerin, und ein Buch über autobiographisches Schreiben, das Martina verschenken will, erinnert an die Kurse, die Kummer darin gibt.

Die Bilder sind frisch und anschaulich. Für Martina: «Heute ist mein Kopf ein Museum, in dem eine Dauerausstellung zum Thema <Schlimme Bilder> gezeigt wird.» Für Lili: «Ein Blick ozeanweiter Enttäuschung.» Für Jugendfreund Christian: «Er duftete wie Moosboden mit Muskat.» Da sind auch erzwungene Metaphern wie «er hat einen verfilzten Bart, der ihm wie ein Niagara-Fall in Handtaschenformat übers Kinn hängt».

Das Gipfeli ist nur einer der zahlreichen Helvetismen, die die Autorin verwendet – und den deutschen Lesern in einem Glossar erklärt. Das verleiht dem Buch etwas Vertrautes, Inniges – und das macht, wie der Humor, die Tragik erträglicher. Martina ist sich ihrer Zwänge und Ängste bewusst, und wenn sie sie reflektiert, wirkt sie noch glaubhafter.

Silvester auf Sylt

Der Silvester als Epilog: Ferien mit Lili und Dani auf Sylt, ein Geschenk ihrer Eltern. Noch kann Martina Dani nicht sagen, was sie denkt – «dass der Zug abgefahren ist». Noch geht ihr Christian nicht aus dem Kopf. Noch, im letzten Satz, «schiessen wir unsere Farben in den Himmel».