Wenn Mütter bereuen

Eine israelische Studie hat an den Tag gebracht, was nicht sein darf. Es gibt Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen. Dass diese ihre Kinder trotzdem über alles lieben, macht die Sache erst recht kompliziert. Und ist in den sozialen Netzwerken Anlass für hitzige Diskussionen.

Katja Fischer De Santi
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Derzeit schreiben sich Mütter (und auch einige Väter) um den halben Globus die Finger wund, um wahlweise ihre Empörung oder ihr Verständnis kundzutun.

Und das alles wegen einer Studie mit gerade mal 23 Müttern aus Tel Aviv. Aber die Aussagen, welche die Soziologin Orna Donath unter dem Titel «Regretting Motherhood» – zu Deutsch die Mutterschaft bedauern – veröffentlichte, haben es in sich. Die befragten Frauen klagen, dass sie aus ihrer Mutterrolle keinerlei emotionalen Gewinn ziehen. Sie empfinden ihr Muttersein als eine Bürde. Und allen 23 ist gemein, dass sie, könnten sie die Zeit zurückdrehen, keine Kinder mehr bekommen würden. Harte Sätze. Sätze, die eine Mutter bislang höchstens denken, aber niemals laut aussprechen durfte. Doch alle Frauen in der Studie betonen, dass sie ihre Kinder über alles lieben, gute Mütter sein wollen. Nicht der Nachwuchs ist das Problem, es ist ihre Rolle als Mutter, mit welcher sie sich nicht identifizieren können. Und das nicht nur zehn Minuten lang, während das Baby schreit, sondern ständig.

Fremdbestimmt und müde

In zahlreichen Artikeln und Online-Kommentaren melden sich nun Frauen, welche ähnlich fühlen. Sie erzählen von fremdbestimmten Tagen, an denen jeder Kaffee kalt wird, sie nicht einmal alleine duschen können. Sie beklagen sich darüber, dass sie ihre Arbeit, ihre Beziehung, selbst den Wohnort nach den Kindern richten müssen. «Ich tue alles für meine Kinder und nichts mehr für mich.»

Sie berichten von grosser Erschöpfung, davon, dass ihnen das Aufopfernde an der Mutterrolle nicht passt. Und ernten dafür sofort Spott und Häme. Schliesslich kann heute jede Frau selbst bestimmen, wann und ob sie schwanger wird. Es sei ein Zeichen unserer egoistischen, auf das persönliche Glück fixierte Zeit, dass selbst Mütter nicht mehr bereit seien, für ihre Kinder zurückzustecken, heisst es. Oder: «Typisch Generation Maybe, die sich auf nichts einlassen will, immer auf die nächst beste Option hofft.» Dabei geht vergessen, dass es unglückliche Mütter schon immer gegeben hat. Bereits in den Siebzigerjahren bekamen viele Mütter von ihren Hausärzten Valium verschrieben – in den USA deshalb «Mother's little helper» genannt. Was zeigt: Nicht die negativen Gefühle gegenüber der Mutterschaft sind neu, die Bereitschaft, diese zu äussern, ist es.

Schmerzhafter Tabubruch

Ein Tabubruch bleibt es. Denn man darf in der Rückschau seines Lebens jede Beziehung, jede Entscheidung oder Nicht-Entscheidung bereuen, aber niemals jene, Mutter geworden zu sein. Doch, warum eigentlich nicht? Warum soll es für jede Frau gleich erfüllend sein, Kinder grosszuziehen? Frauen, die zuvor die verschiedensten Rollen ausgefüllt haben, die unterschiedlichsten Charakterzüge aufweisen. Für die Studienleiterin Orna Donath ist klar: «Es ist die Gesellschaft, die entscheidet, dass Frauen Kinder wollen, wollen sollen – es sind nicht die Frauen selbst.» Darin sieht sie das Hauptproblem der unglücklichen Mutterschaft.

Frauen machen sich Druck

Doch es wäre zu einfach, der Gesellschaft die alleinige Schuld am Unglück (einiger) Frauen in ihrer Mutterrolle zu geben. Es seien die Mütter selbst, welche sich nur zu leicht dem Diktat einer «guten Mutterschaft» unterwerfen würden, sagt etwa die Soziologin und Buchautorin Christina Mundlos. «Statt ihre Mutterschaft nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu leben, glauben sie, ihre Kinder stillen zu müssen, Geburtstagseinladungen selber basteln und Breie selbst kochen zu müssen, dabei wollen sie stets lächeln und die Karriere nicht vergessen. Und dann ist da noch das heilige und heillos veraltete Mutterbild, in dem die Frau vor allem Dienstleisterin ist. Demütig, umsorgend, selbstlos, ohne eigene Bedürfnisse. Und – ganz wichtig – niemals klagend. Nach einem glücklich machenden Konzept klingt das nicht.