Schockierende Lebensgeschichten im Theater St.Gallen von Administrativ Versorgten

Kaum je war eine Theatermatinée bewegender: Uschi Waser und Mario Delfino erzählen von ihrer Leidenszeit als Administrativ Versorgte. Ihre Erlebnisse von Missbrauch und Hoffnungslosigkeit werden im Stück «Verminte Seelen» zum Dokumentartheater.

Hansruedi Kugler
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Mario Delfino. (Bild: Fotografie aus dem Buch UEK/Vol.1 «Gesichter der administrativen Versorgung» / Jos Schmid)

Mario Delfino. (Bild: Fotografie aus dem Buch UEK/Vol.1 «Gesichter der administrativen Versorgung» / Jos Schmid)

«Ab heute hast Du keinen Namen mehr, sondern eine Nummer: 119.» Der 63-jährige Mario Delfino, der dies als Bub beim Eintritt in eine katholische Erziehungsanstalt hören musste, wo er dann von Priestern sexuell missbraucht worden ist, sitzt am Sonntagvormittag in der Lokremise St. Gallen. Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Nebenan Sektfrühstück mit Lachsbrötli im voll besetzten Lokremise-Restaurant – und hier im Theatersaal fallen Sätze wie diese von der 66-jährigen Uschi Waser, einer weiteren Überlebenden: «In der Nacht zu meinem 14. Geburtstag vergewaltigte mich mein Onkel.» Und später, als sie von unzähligen Anstaltsaufenthalten berichtet hatte: «Die Marke Jenisch klebte an mir. Wenn ich nicht gekämpft hätte, wäre ich durchgedreht oder tot. Leider habe ich nicht den Hang zum Saufen, sonst hätte ich mich zu Tode gesoffen.» Und man denkt sich: Was für ein ungeheurer Mut, sich diesen frühen Demütigungen entgegenzustellen und davon zu berichten. Kämpfen tun beide, Uschi Waser und Mario Delfino, beide gehen mit ihrer Leidensgeschichte an die Öffentlichkeit. «Als Vertreter all der anderen Marios, die verstummt sind oder tot», sagt Mario Delfino. Selbstmord war und ist unter seinen Leidensgenossen häufig.

Uschi Waser (Bild: Fotografie aus dem Buch UEK/Vol.1 «Gesichter der administrativen Versorgung» / Jos Schmid)

Uschi Waser (Bild: Fotografie aus dem Buch UEK/Vol.1 «Gesichter der administrativen Versorgung» / Jos Schmid)

Bis 1981 wurden Zehntausende eingesperrt

Die Auseinandersetzung des Theaters St. Gallen mit dunklen Kapiteln der neuesten Schweizer Geschichte geht nach dem Stück «Lugano Paradiso» über die Geheimarmee P 26 und «Das Schweigen der Schweiz» mit dem Theaterprojekt «Verminte Seelen» weiter. Aktueller Anlass ist die Veröffentlichung des Berichts der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen. Die Kommission war 2014 vom Bundesrat eingesetzt worden, um die ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1981 betriebene willkürliche Einlieferung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aufzuarbeiten. Ohne Gerichtsentscheide und ohne ein Delikt begangen zu haben, wurden Zehntausende Personen unbefristet in Erziehungsheime, Arbeitserziehungsanstalten, Gefängnissen oder Psychiatrien «versorgt». Im Kanton St. Gallen etwa stützte sich diese Praxis auf das «Gesetz betreffend die Versorgung arbeitsscheuer und liederlicher Personen in Zwangsarbeitsanstalten vom 1. August 1872».

Die Erinnerung ist wie eine Mine im Körper

Regisseurin Barbara-David Brüesch ist durch die Arbeit ihres Mannes, des Fotografen Jos Schmid, auf dieses Thema gestossen. Schmid fotografierte im Auftrag der Expertenkommission Dutzende Betroffene. Die Fotos sind Teil des ersten Bandes des Expertenberichts. Historische Recherchen und Aktenstudium, vor allem aber Interviews mit Betroffenen bilden nun das Material für das Theaterstück «Verminte Seelen». Der Titel des Stück stammt auch aus einem der Interviews: Ihre Seele sei voller Minen, berichtete eine Frau, die mit 16 Jahren schwanger geworden war und als «liederlich» im Gefängnis verwahrt wurde – es brauche nur wenig und die Erinnerung an die schrecklichen Erlebnisse liessen sie innerlich explodieren.

Theater als Stellvertretung der Betroffenen

Wie aber macht man aus einem solchen Stoff einen Theaterabend? Dramaturgin Anja Horst stellt gleich klar: «Wir erzählen reale Geschichten von realen Menschen.» Zwar mit den Schauspielerinnen Birgit Bücker und Diana Dengler und dem Schauspieler Fabian Müller, die drei Geschichten präsentieren. Aber mit einer gewissen dokumentarischen Distanz, ergänzt Regisseurin Barbara-David Brüesch: «Wir sind Stellvertreter und dürfen nicht zu sehr unsere eigenen Gefühle in die Rollen geben.» Es wird also zum Beispiel aus Akten vorgelesen. Was da steht, lässt einen ohnehin die Haare zu Berg stehen: Da wird die junge Uschi Waser etwa als «Ablegerin des Vagantentums» bezeichnet. Der Zynismus der Administrativen Versorgung blieb lange unaufgeklärt: Dass nicht Integration, sondern Stigmatisierung, Demütigung und Ausbeutung betrieben worden ist.

Der Papst entschuldigte sich bei Mario Delfino

Wenn man an der Matinée Mario Delfino erzählen hört, wie er von Papst Franziskus eingeladen worden ist, dann denkt man: Das wäre auch ein grossartiger Theaterabend, einfach eine Stunde lang dem nun glücklich verheirateten Schulhausabwart zuzuhören. So lebendig und pointiert, energisch und versöhnlich ist sein Bericht. Er habe dem Papst beim Besuch nicht die Hand küssen wollen, erzählt er. Doch als der Papst ihm 20 Minuten lang unter vier Augen zugehört und ihn zweimal umarmt hatte, habe er die päpstliche Entschuldigung angenommen. Franziskus habe ihm versprochen, die Verbrechen aufzuklären. Aber seinen Peinigern verzeihen? Nein, das werde er nie, sagt Mario Delfino. Denn statt die Kinder zu schützen, hätten diese Ordensbrüder sie als Sexobjekte behandelt: «Wenn man als Kind sexuell missbraucht wird, dann ist man nichts mehr.»

Einen ganzen Berg von über 3500 Akten hat Uschi Waser über sich entdeckt. Sie wäre daran fast zerbrochen, sagt sie. Unterkriegen liess sie sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Als Präsidentin der Stiftung Naschet Jenische berät und begleitet sie Opfer des Hilfswerkes «Kinder der Landstrasse», Kinder, die ihren Eltern weggenommen und in Anstalten und Heime gesteckt worden sind.

Hinweis
Premiere «Verminte Seelen», Di, 28.5., Lokremise St. Gallen.