Wenn kaum ein Ton sitzt

Stephen Frears hat mit «Florence Foster Jenkins», der «schlechtesten Sängerin aller Zeiten», einen wunderbaren, sehr witzigen Spielfilm gewidmet.

Andreas Stock
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Tontechniker nach der Aufnahme: «Wollen Sie es nochmal probieren?» – Florence: «Ich wüsste nicht warum.» (Bild: PD/Pathé)

Tontechniker nach der Aufnahme: «Wollen Sie es nochmal probieren?» – Florence: «Ich wüsste nicht warum.» (Bild: PD/Pathé)

Das erste Mal trifft es jeden unvorbereitet. Zuhörer bemühen sich, dass ihnen die Gesichtszüge nicht entgleiten. Denn so leidenschaftlich die Liebe von Florence Foster Jenkins für die Musik ist – der Schöpfer hat ihr kein Talent zum Singen in die Wiege gelegt. Dass sie kaum einen Ton trifft, will freilich niemand der sehr reichen und grosszügigen Mäzenin der New Yorker Musikkultur der 1940er-Jahre sagen. Weder der Dirigent und Komponist Arturo Toscanini, der sich von ihr ein nächstes Konzert sponsern lässt – und bei der Gesangslektion ihre Stimme und Intonation lobt –, noch ihr Gatte, der erfolglose Schauspieler St. Clair Bayfield. Auch er lebt sehr gut von ihrem Geld. Seit vielen Jahren führen er und Florence den Verdi-Club, ein Variété für Klassikfreunde reifen Alters – deren Gehör oft nicht mehr das beste ist. Aber St. Clair ist auch ihr Beschützer; er hält die schnöde Welt und allfällige Kritiker von ihr fern. Doch am Abend, wenn er seine Gattin zärtlich ins Bett gebracht und dem Schlaf überlassen hat, huscht er aus der Hotelsuite und fährt zu seiner Geliebten.

Ein Lebenstraum, der Panik auslöst

Während St. Clair die Karten für ein Hauskonzert der gesanglich unbegabten Wohltäterin handverlesen vergeben kann, stösst der Meister der Camouflage an das Ende seiner Möglichkeiten, als Florence ihren grossen Traum verwirklichen will: in der Carnegie Hall aufzutreten. Von den 3000 Karten will Florence einige Hundert an Soldaten verschenken, als Zeichen ihrer Solidarität. St. Clair lächelt wie immer verständnisvoll, aber eigentlich ist er der Panik nahe. «Die werden uns lynchen», fürchtet Pianist Cosmé (herrlich: Simon Helberg) zurecht, der Florence beim Auftritt begleiten soll.

Nachdem Tim Burton mit «Ed Wood» (1994) dem «schlechtesten Regisseur aller Zeiten» eine liebevolle Hommage gewidmet hat, folgt nun Stephen Frears mit «Florence Foster Jenkins», die «schlechteste Sängerin aller Zeiten» – wie sie ein Kritiker nach dem Carnegie-Hall-Konzert beschrieb. Der Brite macht aus der kuriosen Geschichte eine sehr amüsante Komödie über den Widerspruch zwischen Talent und Leidenschaft. Wobei wir über den schrecklichen Gesang, aber eben nicht über Florence lachen. Zu warmherzig und differenziert ist der Blick auf die Frau und ihre Liebe zur Musik. Und auf ein Leben, das zwar von finanziellen Privilegien bevorteilt, deswegen aber noch lange nicht glücklich verlaufen ist. Die Musik ist ihr ebenso Lebensrettung wie Sinnstiftung. «Die Leute mögen zwar sagen, ich könne nicht singen, aber niemand kann sagen, ich hätte nicht gesungen», wird sie sagen. Meryl Streep, die im Filmmusical «Mamma Mia!» und als Rockmusikerin in «Ricki and the Flash» ihr Talent als Sängerin bewiesen hat, fächert Licht und Schatten dieses Lebens in vielen Schattierungen auf und verleiht der exzentrischen Diva Würde und Empathie. Faszinierend ist auch Hugh Grant in seiner bislang wohl komplexesten Charakterrolle. Seine Liebe zu Florence ist ebenso unzweifelhaft wie sein Opportunismus.

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