«Wenn ich Terrorist wäre, müsste man sich vor meinen Tricks in Acht nehmen»: Gipfeltreffen der besten Kolumnisten auf dem Säntis

An der ersten «Kolumination» auf dem Säntis trugen Kolumnenschreiberinnen und Slampoeten aus drei Ländern ihre Texte vor.

Roger Berhalter
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Beste Aussichten: Die Teilnehmer auf der Terrasse des Seminarraums auf dem Säntis. (Bild: Carmen Wüest, Verlagshaus Schwellbrunn)

Beste Aussichten: Die Teilnehmer auf der Terrasse des Seminarraums auf dem Säntis. (Bild: Carmen Wüest, Verlagshaus Schwellbrunn)

Ihre Tochter rückte den Bikini zurecht, bevor sie aus dem Wasser stieg. Es war nur ein Detail, das Nicole Althaus bei einem Badeausflug beobachtete. Und doch wusste die Zürcher Kolumnistin sofort, dass gerade etwas Entscheidendes passiert war: Das Zurechtrücken des Bikinis bedeutete für ihre Tochter – so wie für alle Mädchen – das Ende der kindlichen Unbekümmertheit.

Althaus hat dazu einen Text geschrieben. An diesem Freitagnachmittag liest sie ihn auf dem Säntis-Gipfel vor, als eine von sechs Kolumnistinnen und Kolumnisten des Festivals «Kolumination».

Nicole Althaus bei ihrer Lesung auf dem Säntig. (Bild: Carmen Wüest)

Nicole Althaus bei ihrer Lesung auf dem Säntig. (Bild: Carmen Wüest)

Wikipedia definiert die Kolumne trocken als «kurzen Meinungsbeitrag» und als «journalistische Kleinform», eng verwandt mit der Glosse und dem Kommentar. Die Kolumne ist ein kurzer Text mit viel Narrenfreiheit. «Sie lehnt sich weiter aus dem Fenster, als dies Journalismus normalerweise darf», sagt Schauspieler Matthias Flückiger, der zum Auftakt der «Kolumination» einige historische Beispiele vorträgt.

Harald Martenstein, Rainer Erlinger und Doris Knecht

Die meisten der 130 Teilnehmer – 75 am Freitag, 55 am Samstag – sind aber gekommen, um aktuelle Texte zu hören und deren Autoren kennenzulernen. Sie werden nicht enttäuscht.

Das Programm der «Kolumination» ist hochkarätig und bringt einige der besten deutschsprachigen Kolumnisten zusammen: Harald Martenstein, der seit bald 20 Jahren jede Woche fürs «ZEIT Magazin» schreibt. Rainer Erlinger, der 850 Kolumnen für das Magazin der «Süddeutschen» beigesteuert hat. Doris Knecht, deren Texte auch in den «Vorarlberger Nachrichten» erscheinen. Oder eben Nicole Althaus, welche die «NZZ am Sonntag» als Autorin und Mitglied der Chefredaktion prägt.

Kolumnist Harald Martenstein (links) im Gespräch mit Moderator Hanspeter Trütsch. (Bild: Carmen Wüest)

Kolumnist Harald Martenstein (links) im Gespräch mit Moderator Hanspeter Trütsch. (Bild: Carmen Wüest)

Ihr eingangs erwähnter Text über den Badeausflug zeigt, was eine gute Kolumne zu leisten vermag: Sie verbindet eine kleine Alltagsbeobachtung mit einem grossen Thema, sie offenbart in einem persönlichen Erlebnis das Allgemeingültige, sie gibt zu denken und geht zu Herzen. So gross kann die «journalistische Kleinform» sein.

Das weiss auch Reinhard Frei, der das Gipfeltreffen ersonnen hat. «Die ‹Kolumination› will die Bedeutung der Kolumne für die Meinungsbildung würdigen und fördern», sagt der Geschäftsführer einer Rheintaler Eventagentur. Frei hat Hans Höhener für seine Idee gewonnen, den ehemaligen Ausserrhoder Regierungsrat und Verwaltungsratspräsidenten der Säntisbahn.

Höhener hatte die nötigen Kontakte zum Berg, und bald war dank Stiftungen und Sponsoren die Finanzierung gesichert. Von nun an soll die «Kolumination» jedes Jahr stattfinden.

Flughafengeschichten und Wünsche an den Enkel

«Wenn ich Terrorist wäre, müsste man sich vor meinen Tricks in Acht nehmen.» Harald Martenstein ist in Bestform. Der 66-Jährige erzählt gerade die Geschichte, wie er am Flughafen einmal vier Feuerzeuge an der Sicherheitskontrolle vorbeischleuste. Martenstein ist ein charismatischer Vorleser und erweckt seinen Text mit klingender Stimme zum Leben. Auch Heidi List bringt das Publikum zum Lachen. Schnippisch beschreibt die Wienerin einen Elternabend an der Schule als temporeiches Kammerspiel.

Der berührendste Moment gelingt Katja Früh. Die Zürcher Regisseurin ist als Schreiberin im Magazin des «Tages-Anzeigers» zu lesen. Auf dem Säntis formuliert sie rührende Wünsche an ihren Enkel. Statt ihm «Gute Gesundheit» oder ähnliche Floskeln ins Babybuch zu schreiben, rät Früh zu einem wilden und grosszügigen Leben.

Katja Früh rät ihrem Enkel in einer Kolumne zu einem wilden und grosszügigen Leben. (Bild: Carmen Wüest)

Katja Früh rät ihrem Enkel in einer Kolumne zu einem wilden und grosszügigen Leben. (Bild: Carmen Wüest)

Beim Znacht sind schliesslich die Slampoeten gefragt. Etrit Hasler, Stefan Abermann und Christian Kreis fassen auf dem Gipfel nicht nur Siedwürste mit Chäshörnli, sondern auch Zettel mit Begriffen wie «Lymphdrainage» oder «Mansplaining». Bis zum nächsten Morgen haben die Dichter Zeit, um zu diesen Themen Bühnenreifes zu formulieren. So endet die «Kolumination» mit brandneuen Texten.

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