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Wenn Frauen ihren Mann stehen: Albanische Burrneshas entscheiden sich für ein Leben als Mann

Sie kleiden sich wie Männer, sie klemmen sich ihre Zigarette hinters Ohr wie Männer, und sie werden von Männern als Männer akzeptiert. Albanische Jungfrauen, so genannte Burrneshas, sind Thema eines Stückes im Kleintheater Luzern.
Julia Stephan
«Ich fühle mich freier.» Die Burrnesha Drande, fotografiert von Pepa Hristova im 2013 erschienenen Bildband «Sworn Virgins». (Bild: Pepa Hristova)

«Ich fühle mich freier.» Die Burrnesha Drande, fotografiert von Pepa Hristova im 2013 erschienenen Bildband «Sworn Virgins». (Bild: Pepa Hristova)

In der 1994 veröffentlichten Kurzgeschichte «The albanian virgin» der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro reisst sich eine junge Ausländerin von den Leinen einer langweiligen Reisegesellschaft los und landet durch eine Verkettung merkwürdiger Ereignisse im Norden Albaniens. Fortan erfüllt sie hier in einer patriachalisch organisierten Dorfgemeinschaft, die sich für ihr Wohl verantwortlich fühlt und deshalb bei sich aufgenommen hat, die Rolle der arbeitssamen Frau.

Als man sie eines Tages mit einem Moslem verehelichen will, weist ihr ein Franziskanermönch einen Ausweg: «Wenn du Jungfrau wirst, kann nichts passieren», sagt er. Also schwört Lottar ihrer Sexualität ab, kleidet sich wie ein Mann, raucht und trinkt wie ein Mann und «verlor die Gewohnheit ständig zu arbeiten.» Sie ist ist eine Burrnesha geworden.

Alice Munros Geschichte führt anschaulich vor, wie flexibel der Mensch in bislang unbekannte soziale Rollen schlüpfen kann, wie das Befremden über ungewöhnliche Verhaltensweisen schnell der Macht der Gewohnheit weicht.

Entgehe der Heirat, werde Burrnesha

Im Kanun, dem albanischen Gewohnheitsrecht, ist das Konzept der Burrnesha bis ins Mittelalter zurück belegt. Wahrscheinlich hat es diese Frauen aber schon früher gegeben. In alten Zeiten gab das Rollenangbot der Burrnesha Frauen die Möglichkeit, sich aus einer arrangierten Verlobung zu lösen, ohne der Familie Schande zuzufügen.

Bis zum heutigen Tag sollen noch rund fünzig bis sechzig Burrneshas in Albanien leben. Viele unerkannt, so sehr ist die Rolle auf ihren wettergegerbten Gesichtern eingeschrieben – obwohl ihrer Verwandlung kein operativer Eingriff zu Grunde liegt. Manche leben ihre Rolle ab Geburt, andere als Heranwachsende auf Wunsch der Eltern, die keinen männlichen Nachfolger für das Familienoberhaupt auf die Welt gesetzt haben. Andere entscheiden autonom für sich selbst.

Die Ethnologin Antonia Young hat sich ausführlich mit diesem Phänomen befasst. Die westliche Vorstellung von der individuellen Auslebung persönlicher Vorlieben hat mit dem Übertritt ins andere Geschlecht wenig zu tun. Vielmehr, so Young in der Publikation «Women who become men», ständen ökonomische, kulturelle oder soziale Gründe im Vordergrund. Fast immer gehe es um die Rettung der Familienehre. Da ist der einzige Sohn, der nicht zum Familienoberhaupt taugt oder die Familie, die nur Mädchen auf die Welt gebracht hat und keinen Erben hat.

Sexuelle Orientierung steht nicht im Vordergrund

Dass die Verwandlung in eine Burrnesha von den Frauen nicht als Opfer empfunden wird, hänge damit zusammen, dass Handeln für die Gemeinschaft in diesen Gesellschaften so selbstverständlich sei wie in westlichen Gesellschaften die Auslebung von Individualität, so Young. Mutmassungen über die sexuelle Orientierung dieser Frauen müssen Mutmassungen bleiben. Denn in den traditionellen Dorfgemeinschaften Albaniens findet sich gar keine Vorstellung von lesbischen Beziehungen. Über Sex wird nicht offen geredet. Und Männer reden dem Klischee entsprechend nun mal lieber über ihre Arbeit als über Gefühle, weshalb sich Burrneshas bei diesem Thema eher bedeckt halten, und ihre Arbeitssamkeit herausstreichen.

In einer Welt, in der Facebook seinen Usern Dutzende Geschlechteroptionen anbietet, mutet das Konzept der Burrnesha etwas seltsam an. Warum auf das eine verzichten, wenn man doch alles haben könnte? Hier setzt das Theaterstück «Sworn Virgin – Burrnesha» des kosovarischen Theaterautors Jeton Neziraj an, dessen Stück «Kosovo for Dummies» ebenfalls im Luzerner Kleintheater zu sehen war. Die Gruppe Forever Productions um die Schauspielerin Albana Agaj interessiert sich für den interkulturellen Dialog und schickt eine fiktive Burnesha zu einer Drag-Queen nach London – Irritationen sind vorprogrammiert.

Agaj war im Vorfeld für Recherchen extra in den Norden Albaniens gereist, um die Burrnesha Drande zu treffen. Die wird auch im gleichnamigen Kurzfilm der Luzerner Ethnologin Blerta Berisha porträtiert und hat auch für die Fotografin Pepa Hristova in deren eindrücklichem Bildband «Sworn Virgins» posiert (siehe Bild oben).

Drande hat als achtjähriges Mädchen eine Bombe die Hände weggefetzt. In Berishas Film sagt sie Sätze wie: «Ich fühle mich freier». Sätze, die ambivalent bleiben. Ist sie frei, weil sie die Rechte eines Mannes geniesst? Ist sie frei, weil sie als Braut wertlos gewesen wäre? Als Frau wäre sie in dieser patriarchalischen Gesellschaft keine gute Arbeitskraft gewesen. Als Familienoberhaupt kann sie hingegen deligieren. Dass diese Rolle gesellschaftlich voll akzeptiert ist, führt der Kurzfilm eindrücklich vor. Drande fällt mit den Männern vom Dorf Pappeln, erteilt Befehle und weist Frauen, die zu viel reden, scharf zurecht. Da hat es die Drag Queen im Westen deutlich schwerer mit der Akzeptanz.

Persönliche Freiheit oder gesellschaftlicher Zwang?

Letztendlich bleibt offen, ob das Übernehmen dieser sozialen Rolle etwas mit persönlicher Freiheit zu tun hat. Sätze anderer Burrneshas wie «Ich wollte nicht heiraten und jemanden haben, der über mich bestimmt» mögen ernst gemeint sein. Unter den Burrneshas finden sich bestimmt aber genauso viele Frauen, die diesen Weg als Folge sozialer Unterordnung betreten haben. Von Wahlfreiheit kann nicht immer die Rede sein.

«Sworn Virgin – Burrnesha». Kleintheater Luzern. 14.11., 16.11. sowie 17.11., jeweils 20 Uhr. Der Dok-Film «Drande» von Blerta Berisha wird am 16.11., 18 Uhr gezeigt. Am 17.11. findet nach der Vorstellung ein Podium mit dem LGBTQ-Aktivisten Pascal Pajic und Hannes Rudolph, Geschäftsführer Fachstelle für Transmenschen, statt. Infos und Tickets: www.kleintheater.ch.

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