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«Wenn es wirkt, dann wirkt es»

Ein Theaterstück macht Depressionen zum Thema. «The Effect» handelt von Versuchen mit Antidepressiva. Doch was denkt ein Psychiater über das Stück? Thomas Maier von der Klinik Wil hat es aufmerksam gelesen.
Rolf App
Am Ende steht Verzweiflung: Olga Wäscher als Dr. James, Oliver Losehand als Toby Sealey in «The Effect». (Bild: Theater St. Gallen/Tine Edel)

Am Ende steht Verzweiflung: Olga Wäscher als Dr. James, Oliver Losehand als Toby Sealey in «The Effect». (Bild: Theater St. Gallen/Tine Edel)

Connie ist neu, Tristan kennt sich schon aus. Vier Wochen werden sie die Klinik nicht verlassen dürfen, in der an ihnen ein neues Antidepressivum getestet wird. Sich ineinander verlieben dürfen sie auch nicht, das würde die Hormone durcheinanderbringen und die Ergebnisse verfälschen. Geleitet wird der Test von Dr. Lorna James, überwacht wird ihre Arbeit von Dr. Toby Sealey. Er hat das allergrösste Interesse daran, dass das von der Firma Raushen entwickelte Medikament sich als wirksam erweist. Denn Wirksamkeit: Das bedeutet Geld.

Die Bühne: Wie eine Gummizelle

Das ist die Konstellation eines 2012 uraufgeführten Theaterstücks von Lucy Prebble, das heute in einer Produktion des Theaters St. Gallen in der Lokremise Premiere hat. Vier Personen werden in «The Effect» auf einer Bühne stehen, die einer Gummizelle gleicht – und auf der schon bald die Konflikte eskalieren: Olga Wäscher als Lorna James, Oliver Losehand als Toby Sealey, Meda Gheorghiu-Banciu als Connie und Tobias Fend als Tristan. Regie führt Melanie Osan (siehe Text unten).

Zwar wirkt das neue Medikament RLU 37 perfekt. Allerdings stellt sich schon bald die Frage: Wer von den beiden Testpersonen hat den Wirkstoff bekommen, wer nur ein Scheinmedikament, ein Placebo? Und: Was hat es zu besagen, dass Connie und Tristan sich verlieben? «Der Wirkstoff soll das Dopamin-Niveau steigern», hat Dr. James die misstrauische Connie aufgeklärt. Dopamin stimuliert, und in Connie keimt der Verdacht, dass ihre Gefühle für Tristan gar nicht echt sein könnten. Er dagegen glaubt den Unterschied gut zu kennen zwischen dem, was ihn ausmacht, und der Nebenwirkung eines Medikaments.

Auch zwischen Dr. James und ihrem Vorgesetzten brodelt es. Sie, selber immer wieder unter Depressionen leidend, hat vor Jahren mit ihm zusammengelebt, dann haben sie sich getrennt. Sie zweifelt sehr an der Wirksamkeit des neuen Medikaments. «Die Geschichte der Medikamente ist grösstenteils einfach die Geschichte des Placebos», sagt sie, und: «Es gibt keine stichhaltigen Beweise für die Wirksamkeit von Antidepressiva, gab es nie.» Toby Sealey hingegen erklärt resolut: «Wenn es wirkt, dann wirkt es», und träumt davon, «dass wir in zehn Jahren einen Bluttest für Depressionen haben».

Chefarzt trifft Schauspieler

Thomas Maier kennt das Stück, und wenn «The Effect» heute abend Premiere hat, wird der Chefarzt Akutpsychiatrie an der Psychiatrischen Klinik Wil unter den Zuschauern sitzen. Auch die Regisseurin und die Schauspieler hat er schon kennengelernt. Sie haben sich im Vorfeld der Proben von ihm fachlich beraten lassen. «Ich bin sehr gespannt, wie das Stück in der Inszenierung wirkt», sagt Maier. «Als Stück ist es wirklich gut gemacht mit seinen vier unterschiedlichen Charakteren, die intensiv interagieren.»

«Systematisch überschätzt»

Nicht alles würde sich in der medizinischen Wirklichkeit so abspielen, erklärt Thomas Maier. «Kein Medikamentenversuch würde sich auf nur gerade zwei Teilnehmer stützen.» Aber die Konstellation werde dennoch realistisch dargestellt mit diesem Doppelblindversuch, bei dem weder die Versuchspersonen noch die Studienleiterin wissen, wer den Wirkstoff bekommt und wer das Placebo.

In eine lebhafte Auseinandersetzung geraten die beiden Ärzte darüber, wie die Ergebnisse zu interpretieren sind. «Du siehst, was du sehen willst», hält Dr. James ihrem Vorgesetzten vor. Und trifft damit einen wahren Kern. Die Wirkung von Antidepressiva sei in ihren Anfängen «ziemlich systematisch überschätzt worden», sagt Thomas Maier – «aus einer Mischung von bewusster Manipulation und eigener Überzeugtheit heraus».

Breit verschrieben

Heute weiss man: «Antidepressiva wirken, aber nicht so stark, wie die Pharmaindustrie zum Teil vorgibt.» Dass sie dennoch breit verschrieben werden, hat mit den geringeren Nebenwirkungen gegenüber früheren Medikamenten zu tun. Weshalb nun auch Hausärzte sie häufig verordnen – was für Thomas Maier Vor- und Nachteile hat.

Unklar bleibt dabei auch, was sich durch diese Antidepressiva im Körper und hier vor allem natürlich im Gehirn verändert. «Etwa zwei Drittel der Patienten sprechen auf ein Antidepressivum an», fasst Thomas Maier zusammen. «Was genau vorgeht, weiss man aber nicht. Wobei das auch auf andere Medikamente zutrifft, Aspirin beispielsweise.» Dass sich Placebos aber auch als wirksam erweisen, beweist nach Meinung von Thomas Maier, «wie sehr die Psyche Einfluss nimmt auf den Körper».

Sind ihre Gefühle echt, fragt Connie sich, oder sind sie nur ein Produkt der Chemie? «The Effect» greift auch ein tief philosophisches Problem auf. Thomas Maier glaubt, dass es sich um einen Scheingegensatz handelt. Gefühle haben ihre neurobiologische Grundlage. Aber «trotzdem ist Liebe weit mehr als Chemie», sagt er. «Sie entwickelt sich, weil ich einen andern Menschen gern habe – und dann reagiert der Körper.»

Was Depressive sich fragen

Wie Körper und Geist zusammenhängen, das fragen sich auch depressive Menschen. «Sie wollen wissen, ob ihre Krankheit etwas mit ihrem Leben zu tun hat oder ob sie eine neurobiologische Anomalie ist.» Doch so bequem es wäre, die eigene Depression auf ein chemisches Ungleichgewicht zurückzuführen, so sehr tendieren viele Patienten von Thomas Maier dann doch in eine andere Richtung: «Sie sagen sich, dass ihre Krankheit doch etwas zu tun haben muss mit ihrem Leben, und stellen die Frage nach ihrer Bedeutung.»

Premiere heute Samstag 20 Uhr, Lokremise St. Gallen

Thomas Maier Chefarzt Akutpsychiatrie der Psychiatrischen Klinik Wil (Bild: Chris Mansfield)

Thomas Maier Chefarzt Akutpsychiatrie der Psychiatrischen Klinik Wil (Bild: Chris Mansfield)

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