Theater in Frauenfeld:
Wenn einer das Maul zu voll nimmt

Die Theaterwerkstatt Gleis 5 inszeniert eine irische Komödie mit Livemusik – ein Heidenspass mit Hintersinn.

Dieter Langhart
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Vor der Vorstellung: A Little Green spielen durchs offene Fenster «The Lily of the West». (Bild: Dieter Langhart)

Vor der Vorstellung: A Little Green spielen durchs offene Fenster «The Lily of the West». (Bild: Dieter Langhart)

Seinen Vater bringt man nicht so leicht um. Christopher Mahon hat es versucht, hat dem «Sauhund» einen Spaten über den Schädel gezogen, Dienstag vor einer Woche. Müde, verstört, dreckig wankt er in Michael James’ Pub. Da schenkt ihm Wirtstochter Pegeen Mike ein Guinness ein, da fühlt er sich sicher vor den Schrotern, erzählt allen, was er Grausiges getan hat. Und je mehr er redet, desto bewundernder reagieren die Bauern: «Ich glaub, einer, wo imstand ist und bringt seinen eigenen Vater um, der geht auf jeden Fuchs von einem Teufel los mit der Mistgabel und auf den Kacheln der Hölle.»

Tiefgläubig, trinkfest und nach Abenteuer und Skandal lechzend sind sie in diesem Kaff im County Mayo im Westen Irlands. Je mehr sie den Ankömmling ausfragen und ihn ihre Bewunderung spüren lassen, umso mehr prahlt der «Held der westlichen Welt» – so heisst das Stück des Anglo-Iren John Millington Synges – und schmückt seine Geschichte weiter aus. Flugs stellt ihn der Wirt als Schankjunge ein, auch die kesse Witwe Quin bemüht sich um Christy, am folgenden Morgen bestaunen ihn die Dorfmädchen und bringen ihm Geschenke dar. Dann stolpert der alte Mahon auf die Bühne.

Von Whiskey und ­menschlichen Schwächen

Für Christy Mahon (Florian Steiner) interessieren sich die Witwe Quin (Nicole Steiner) und die Wirtstochter Pegeen Mike (Nadine Landert).  (Bild: Dieter Langhart)

Für Christy Mahon (Florian Steiner) interessieren sich die Witwe Quin (Nicole Steiner) und die Wirtstochter Pegeen Mike (Nadine Landert).  (Bild: Dieter Langhart)

Die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld hat sich einen deftigen Spass ausgesucht für ihre neue Produktion. Bernard Shaw hatte Synge gelobt für sein Stück, das 1907 in Dublin uraufgeführt wurde: «Es behandelt nicht eine irische Eigenheit, sondern eine der Menschheit gemeinsame Schwäche: die Gewohnheit, kühne Schurken zu bewundern.»

Regisseur Fabian Alder geniesst die Komödie und inszeniert sie temporeich, mit Schalk im Nacken – und mit irischer Livemusik. Denn drei der Spieler bilden zugleich die Band A Little Green. Schon zu Beginn des Stücks haben sie das Fenster geöffnet und «Lily of the West» in den Saal gespielt und gesungen. Immer wieder intonieren sie Traditionals oben auf der mehrstufigen Bühne, dazwischen schreit sich Erich Hufschmid (der alte Mahon) Tom Waits’ «Drop of Poison» aus der Seele. Am Ende beklagt Nadine Landert (Pegeen Mike) mit einem glasklar intonierten «Red is the Rose», dass sie Christy verloren hat, «den letzten Held vom Abendland».

Die Sprache ist der ­heimliche Held des Stücks

Quicklebendig: Plötzlich taucht der totgeglaubte Mahon auf (Erich Hufschmid).  (Bild: Dieter Langhart)

Quicklebendig: Plötzlich taucht der totgeglaubte Mahon auf (Erich Hufschmid). (Bild: Dieter Langhart)

Dann aber mischen Band und Ensemble erneut mit «Whiskey in the Jar» den Saal auf und zwinkern dem Publikum quasi zu: Hey, ist doch gar nicht so schlimm, das Leben geht weiter. Denn Fabian Alder hat die Sprache als heimlichen Hauptdarsteller beibehalten. Synge liebte den kargen Westen Irlands, die derbe, bildhafte Sprache des Landvolks, das solch fantastische Heldengeschichten erzählte. Alder übertrug die Kunstsprache der Übersetzung von Anna Elisabeth Wiede und Peter Hacks in ein herrlich helvetisches Hochdeutsch, das in Wortschatz und Grammatik die Tonalität beibehält und einen Hauch von Provinz verströmt, also Nähe schafft. Alder lässt das Amüsante ebenso wie das Traurige lebendig werden.

Zweikampf zwischen Christy Mahon (Florian Steiner) und seinem Vater (Erich Hufschmid, r.).  (Bild: Dieter Langhart)

Zweikampf zwischen Christy Mahon (Florian Steiner) und seinem Vater (Erich Hufschmid, r.). (Bild: Dieter Langhart)

Noch nie haben sich hier zwölf Darsteller die ein Meter achtzig schmale Bühne geteilt. Als Ensemble sind sie eine Wucht, lassen kein Auge trocken. Auch nicht die vier Laien als Dorfmädchen. Herausragend die zwei Frauen: Nadine Landert als ebenso verletzliche wie resolute Pegeen Mike, Nicole Steiner als frustrierte und intrigante Witwe Quin. Etwas zu süss wirkt Florian Steiner (Christy Mahon), während Erich Hufschmid als wilder und wild entschlossener Vater Mahon dreimal die Bühne entert und das Dorf aufmischt. Markus Keller mimt einen versoffenen, verschlagenen Wirt, überzeugend sind Simon Engeli als lispelnder, Pfeifchen nuckelnder Bauer Philly und Giuseppe Spina als Pegeen Mikes zögerlicher bis feiger Möchtegernmann Shawn Keogh. Begeisterter Applaus an der ausverkauften Premiere.

Wirt Michael James (Markus Keller, r.): «Schau, wie er dort sitz. Mach einen Henkersknopf und zieh ihms übern Kopf.» (Bild: Dieter Langhart)

Wirt Michael James (Markus Keller, r.): «Schau, wie er dort sitz. Mach einen Henkersknopf und zieh ihms übern Kopf.» (Bild: Dieter Langhart)

Fast wie in Irland
Die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld inszeniert John M. Synges Komödie «Der Held der westlichen Welt».
Regie: Fabian Alder
Schauspieler: Florian Steiner, Nadine Landert, Nicole Steiner, Markus Keller, Giuseppe Spina, Erich Hufschmid, Simon Engeli, Philip Taxböck; Anna Hofstetter, Rahel Kolland, Mirjam Hofstetter, Eliane Rochaix
Kostüme: Joachim Steiner
Bühne: Giuseppe Spina/Joe Fenner
Live-Musik: Simon Engeli, Philip Taxböck, Giuseppe Spina
Vorstellungen bis 8.12.: Fr/Sa 20, So 17 Uhr.
Reservation: www.theaterwerkstatt.ch