Wenn ein gefrorener Toter vom Himmel fällt: Der Debütroman von Gianna Molinari

Für ihren Debütroman «Hier ist noch alles möglich» hat Gianna Molinari den Robert-Walser-Preis gewonnen und ist bereits für den Schweizer Buchpreis nominiert. «Alles möglich» – das gilt auch für die junge Schweizer Autorin.

Hansruedi Kugler
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Gianna Molinari. (Bild: Christoph Oeschger)

Gianna Molinari. (Bild: Christoph Oeschger)

Erfindet da gerade eine junge Schweizer Autorin den Roman neu? Dieser erste freudige Eindruck beim Durchblättern von Gianna Molinaris Roman bestätigt sich beim Lesen. Denn in diesem Buch findet man nicht nur die Geschichte einer jungen Aussteigerin mit einer nüchtern-distanzierten Sprache, die jedes Psychologisieren meidet, sondern es finden sich auch viele Zeichnungen und Fotografien, wissenschaftlich anmutende Listen zu allen möglichen Themen, ein paar mathematische Formeln, nicht weniger als acht Insel-Fantasien und ein skurriles General-Universal-Lexikon, mit dem die Erzählerin ihre Erfahrungswelt festhält.

Märchenhaft-verspielt wirkt dieses Buch wegen eines lange unsichtbaren Wolfs. Der Roman ist gleichzeitig tief ernst und aktuell wegen eines toten Flüchtlings, der wie ein grotesker Meteorit in die Geschichte knallt. Ein im wahrsten Sinne fabelhafter Roman liegt hier vor. Man wundert sich nicht, dass es dieser schmale, komplexe Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. Die in literaturkritischen Belangen massgebliche «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schwärmt: souverän, verstörend und betörend.

«Plötzlich kann ich mir vorstellen, hier zu bleiben»

Die äussere Handlung ist schnell erzählt: Eine junge Aussteigerin fängt als Nachtwächterin in einer Kartonfabrik an, die kurz vor der Schliessung steht. Sie nutzt eine Lagerhalle als spartanische Wohnung. Über das Vorleben der ­Erzählerin erfährt man wenig. Sie hat ihre Stelle als Bibliothekarin aufgegeben, ihr Konto aufgelöst und ihre Möbel ins Brockenhaus gebracht. Ihr Neuanfang ist eine Aufgabe ihrer Identität, eine ­Fantasie des Verschwindens.

Mit ihrem Arbeitskollegen muss sie auf dem Werkgelände eine Wolfsgrube graben, die bald einzustürzen droht. Die Grube wird am Ende auch fertig. Für den Roman ist das letztlich nicht wichtig. Denn der Wolf wird dort nicht hineinfallen. In dieser Endzeitstimmung des Verfalls, die vom Fabrikchef mit Resignation hingenommen wird, geschehen zwei schockierende und prägende Ereignisse: Ein Toter fällt vom Himmel, wobei sich herausstellt, dass er im Fahrwerk eines Flugzeugs aus Afrika kommend erfroren ist und beim Landeanflug runterfiel. Zudem streunt ein Wolf auf dem Fabrikgelände herum.

Der Unort wird zum Zuhause

Die äussere Welt knallt somit in den Rückzugsort der Erzählerin, und mit dem Wolf bevölkert ein Märchenwesen deren potenziell albtraumhafte Fantasien. Unfassbar und unheimlich ist jedenfalls beides. Statt in Nervosität zu verfallen oder zu flüchten, rettet sich die Erzählerin in die detailversessene Sachlichkeit. Sie erstellt Listen zu verbotenen Gegenständen in Flugzeugen, recherchiert am Flughafen, zeichnet und pflegt skurrile, kindlich-naive Fantasien, fragt sich etwa, wie viele Flöhe es braucht, um ein Flugzeug zu ziehen, oder bildet aus dem Fliegeralphabet neue Sätze – und schafft sich paradoxerweise in diesen akribischen Beschäftigungen eine Zugehörigkeit.

Der Unort wird ihr Zuhause: «Plötzlich kann ich mir vorstellen, für immer hierzubleiben. Auch wenn die Fabrik schliesst.» Eine sachlich-poetische Überlebensstrategie in einer absurden Umwelt, die fassungslos macht? Es ist auf jeden Fall eine literarisch überzeugende Annäherung an einen Bewusstseinszustand und eine aktuelle, betörende Parabel. Diese umkreist ein modernes Wahrheitsproblem: Man kann den Augen nicht trauen, das Geschehen entzieht alle Gewissheiten – trotz oder paradoxerweise gerade wegen der allgegenwärtigen Überwachungskameras in der Fabrik und am Flughafen.

Ein Roman mit viel Vorschusslorbeeren

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich. Roman, Aufbau-Verlag, 192 S., Fr. 28.–

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich. Roman, Aufbau-Verlag, 192 S., Fr. 28.–

Gianna Molinari hat das Motiv des Mannes, der vom Himmel fiel, aus Zeitungsberichten über einen realen Unglücksfall aus dem Jahr 2010 entnommen. Sie hat später am Literaturinstitut Biel studiert und 2017 beim Bachmann-Preislesen in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem ­Roman den 3sat-Preis erhalten. Gleich dort hat der renommierte deutsche Aufbau-Verlag angebissen. Für den fertigen Roman hat Molinari vor kurzem den mit 20'000 Franken dotierten Robert-Walser-Preis für Erstlingswerke erhalten.

Die Ausdauer hat sich gelohnt: Man hat hier einen modernen Montage-Roman vor sich – aber einen mit spielerischer Eleganz, mit Witz, Leichtigkeit und Dringlichkeit. Einen Roman, der verdientermassen neben Adolf Muschgs «Heimkehr nach Fukushima» und Christina Viraghs «Eine dieser Nächte» als dritter Schweizer Roman für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert ist. Auch Chancen auf den Schweizer Buchpreis hat die junge Autorin: Sie ist eine der fünf Nominierten.