Wenn ein Roman zum wahren Wunder wird

«Die Wunderheilungen des Doktor Aira» des argentinischen Autors César Aira ist ein dramaturgisches Glanzstück.

Tina Uhlmann
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«Bäume und Häuser flogen wie Screenshots vorbei», während Doktor Aira in einem Krankenwagen durch Buenos Aires gefahren wird – was heisst gefahren, seine Entführer rasen. Der Patient auf der Bahre droht zu verenden. Seinetwegen wurde Doktor Aira auf der Strasse zum Einsteigen und Eingreifen genötigt. Nicht umsonst ist er ein stadtbekannter Wunderheiler.

Von Kindesbeinen an ein Aussenseiter, hat er aber auch ein feines Gespür für die Fallen, die man ihm stellt. Dass die Pfleger im Krankenwagen keine Pfleger, sondern Schauspieler sind, hat er schnell gemerkt. Sein Widersacher, Spitaldirektor Dr. Actyn, will ihn als Scharlatan entlarven, deshalb sind im Wagen Filmkameras angebracht. Statt zu helfen, versucht Aira, diesem Albtraum zu entkommen. Überhaupt will er nicht mehr praktizieren, sondern bloss noch publizieren, was seinen Wunderheilungen zugrunde liegt.

 Corona-Hund in Buenos Aires.

Corona-Hund in Buenos Aires.

Bild: Mario De Fina / NurPhoto

Nicht von Anfang an wird man beim Lesen von César Airas Büchlein «Die Wunderheilungen des Doktor Aira» mitgerissen. Zwar steht das Erzähltempo demjenigen des Krankenwagens in nichts nach, doch die Gedanken, die einem da entgegengeschleudert werden, sind dicht und komplex. Denn Doktor Aira ist vor allem eins: Ein fantasiebegabter Denker, ein «philosophischer bricoleur», wie es im Buch heisst. Hierin gleich er seinem gleichnamigen Schöpfer. Beide stammen aus der argentinischen Kleinstadt Coronel Pringles, wo während einer Polio-Epidemie einst die Verbannung aller Hunde beschlossen wurde. Verweist Autor Aira damit auf Massnahmen zur Eindämmung der aktuellen Coronapandemie?

Nennen wir sie «Schnellromane»

Mitnichten. Das spanische Original der «Wunderheilungen des Doktor Aira» erschien schon 1997, auf Deutsch ist es nun in der «Bibliothek César Aira» von Matthes & Seitz greifbar. In dieser Reihe verlegt der Berliner Verlag die hundertseitigen Geschichten, von denen César Aira drei bis vier pro Jahr produziert. Nennen wir sie «Schnellromane». Denn mit der Zeit gewöhnt man sich an ihre Rasanz und taucht in die Handlung ein, die sich zwischen den philosophischen Strängen entspinnt.

Tatsächlich lässt sich Doktor Aira doch noch zu einer Wunderheilung überreden und erst jetzt erfährt man, dass es seine erste ist – alles, was seinen Ruf begründet hat, war bloss Theorie. Nun soll er einen Erdölmagnaten vom Krebs im Endstadium kurieren. Gelingt ihm das? Es soll nicht verraten werden, weil die Auflösung ein dramaturgisches Glanzstück ist, wie man es in der erzählenden Literatur selten findet. Nur so viel: Aira versucht im Krankenzimmer, ein alternatives Universum zu errichten, in dem andere Gesetzmässigkeiten gelten und der unausweichlich scheinende Tod des Patienten nicht stattfinden muss. Er versucht, Millionen von Tatsachen auszuschliessen und nur wenige drin zu lassen, die sich dann zu neuen Kausalketten verbinden können.

Was so kurz zusammengefasst wie die Fantasterei eines Spinners klingt, gestaltet Autor César Aira zu einem Vorhaben, das durch und durch logisch scheint. So vergleicht er die Arbeit des Wunderdoktors mit der des Schriftstellers: «Es gibt viele Dinge, die ein Roman nicht sagt, und dieses Ungesagte macht es möglich, dass in seinem so beschränkten Universum die Handlung stattfinden kann. Es stimmt, dass es sich hier nicht um Wirklichkeit handelt. Aber wenn ein Roman gut ist, erlangt er das Gewicht von Wirklichkeit. Womit sich die Ansicht bestätigt, dass ein guter Roman ein wahres Wunder ist.