Wenn ein Orchester Ländler spielt

Das Toggenburger Orchester spielte schon im Autobahntunnel, in der Maschinenfabrik und im Hallenbad – seit 42 Jahren leitet der 60jährige Ernst Hüberli einfallsreich das Amateurorchester. Am Wochenende gibt das Orchester ein Jubiläumskonzert mit Carlo Brunner.

Hansruedi Kugler
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Ernst Hüberli, Dirigent des Toggenburger Orchesters, während der Probe mit Carlo Brunner (Mitte) und Philipp Mettler. (Bild: Hansruedi Kugler)

Ernst Hüberli, Dirigent des Toggenburger Orchesters, während der Probe mit Carlo Brunner (Mitte) und Philipp Mettler. (Bild: Hansruedi Kugler)

WATTWIL. Wer mit einem 40köpfigen Amateurorchester im ländlichen Toggenburg über 2000 Zuhörer in eine Turnhalle und 1500 Zuhörer ins Hallenbad lockt, macht ziemlich viel richtig. Im ersten Fall waren es zwei Neujahrskonzerte mit Radetzkymarsch und Turnakrobatik, im zweiten Fall dreimal Wassermusik von Telemann und Händel sowie einem vom Orchester begleiteten Wasserballett der Limmat-Nixen, den besten Synchronschwimmerinnen der Schweiz. Das sind bloss zwei Beispiele für die ständige Neuerfindung und Erweiterung von Orchestermusik durch den Wattwiler Dirigenten Ernst Hüberli. Für orchestrale Ausflüge ins musikalische Umfeld arbeitete er schon mit einer Rockband, mit Jazzmusikern und neuerdings mit Ländler-Musikern zusammen. Immer treu geblieben ist er seinem Motto: «Ich will dem Publikum einfach Freude bereiten und die leichte Klassik näherbringen.»

Anerkennungspreis gewonnen

Als 18jähriger Seminarist gründete Ernst Hüberli 1973 das Junge Kammerorchester Wattwil, mit dem er gleich eine Mozart-Symphonie aufführte. Der quirlige Dirigent spielte zu Beginn noch selbst Klarinette und Saxophon, machte dann aber im Militär die Ausbildung zum Militär-Dirigenten und führte jahrelang das Winterthurer Regimentsspiel. Neben seinem Beruf als Primarlehrer war die Musik fortan Hüberlis Leidenschaft. Das Publikum kommt jeweils in Scharen: In die Produktionshalle der Schiess AG in Lichtensteig, wo Hüberli zu Charles Chaplins «Modern Times» live die Filmmusik spielte, in den Coop Wattwil, wo das Toggenburger Orchester in einer Eigenkomposition von Hanspeter Kübler auch die Registrierkasse zum rhythmischen Klingeln brachte oder in den kühlen Tunnel der Wattwiler Umfahrungsstrasse – ebenfalls mit einer Eigenkomposition. Im Jahr 2012 bekam das Orchester schliesslich den Anerkennungspreis der St. Gallischen Kulturstiftung.

«Es braucht eine Umstellung»

Für die beiden Geburtstags-Konzerte vom kommenden Wochenende spannt das Toggenburger Orchester mit dem Zürcher Ländler-König Carlo Brunner zusammen. Nicht ohne diesen auf die Klassik-Tauglichkeit getestet zu haben: In einem gemeinsamen Konzert spielte Brunner zusammen mit seinem musikalischen Partner Philipp Mettler ein Klarinetten-Konzert von Franz Krommer, einem Zeitgenossen Mozarts. Hüberli meint: «Das hat hervorragend geklappt.» Eine spezielle Herausforderung, sagt Brunner. Denn er habe zwar einst klassische Klarinette gelernt, aber in der Volksmusik müsse man die Publikums-Stimmung anheizen, in der Klassik hingegen sehr streng und präzise spielen. «Es braucht eine innere Umstellung.»

Er sei immer schon ein Bewunderer von Carlo Brunner gewesen, sagt Ernst Hüberli. «Als junger Mann spielte ich auf der Klarinette seine Stücke nach. Vor zehn Jahren wagte ich es dann, diese Koryphäe anzusprechen.» Carlo Brunner ist ebenso wie der Toggenburger Dirigent ein Tüftler und Selfmade-Mann. Das Jahr 1973 ist auch für Brunner entscheidend. Es ist das Jahr, in welchem er sein bekanntestes Stück komponiert hat: Den «Waldvogel-Schottisch.» Ans Musikkonservatorium durfte er nicht, absolvierte statt dessen bei Musik Hug eine KV-Lehre und wurde Sortiments-Experte. Trotzdem hat Brunner dreimal den Prix Walo gewonnen, zweimal den Internationalen Grand Prix der Volksmusik, hat zu Hause 15 Goldene Schallplatten und bekam 2012 den «Goldenen Violinschlüssel», den Oscar der Volksmusik.

Klassik im Ländlerstil

Am Jubiläumskonzert der beiden 60-Jährigen am kommenden Wochenende werden Ländler und Klassik verschmelzen. Zuerst als «Klassik im Ländlerstil», dann als «Ländler im Klassikstil.» Das tönt schräg und gewöhnungsbedürftig, ist aber schwungvoll und überraschend. Die Konzerte finden wiederum nicht in einem üblichen Konzertsaal statt. Einen solchen gibt es nämlich im Toggenburg gar nicht. Auch darum ist das Toggenburger Orchester sozusagen gezwungen gewesen, an andere, eben originellere Orte auszuweichen. So wird am Samstag und am Sonntag die neue Produktionshalle des Metallverarbeiters Högg AG in Wattwil zum Konzertsaal umfunktioniert.

Toggenburger Orchester Högg AG, Austrasse 5, Wattwil Sa, 5.9., 20 Uhr; So, 6.9., 15 Uhr www.toggenburgerorchester.ch