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Wenn der Mittwoch verschwindet

Jens Nielsen ist nicht nur zum «Früh-Stück» am Radio gut. Im Raum für Literatur in der St. Galler Hauptpost las er Kolumnen und «seltene Geschichten» aus dem Band «Flusspferd im Frauenbad».
Bettina Kugler
Jens Nielsen: Autor und Kabarettist. (Bild: Mirco Rederlechner)

Jens Nielsen: Autor und Kabarettist. (Bild: Mirco Rederlechner)

Neulich sprang ihn ein Satz an, im Vorbeigehen oder beim raschen Durchblättern der Zeitung: «Mögen Sie Performances?» Na klar. Denn Jens Nielsen tritt selbst als Performer auf: in Soloprogrammen, die verspielt zwischen Alltag und absurden Abgründen balancieren. Mit «seltenen», skurrilen Geschichten; mit sechzig Sekunden langen «Früh-Stücken» am Radio: kleinen Aperçus, die helfen, etwas beschwingter in den Tag zu stolpern.

Das Erstaunliche an jener harmlosen Frage: Sie stand nicht in einem Interview mit Jens Nielsen. Sondern in einem Reklametext. Für eine Bank. Die Performance der Smarten und Erfolgreichen ist es jedoch gerade nicht, was Nielsen als Autor inspiriert und umtreibt. Wenn er zum Bleistift greift (tatsächlich, so handwerklich geht es bei ihm noch zu und her), dann deshalb, weil jederzeit etwas schiefgehen kann, weil wir immer wieder aus dem strammen Takt kommen oder die Dinge und Gedanken ein rätselhaftes Eigenleben entwickeln.

«Flusspferd im Frauenbad», so heisst Nielsens aktuelles Buch mit gesammelten Radiokolumnen, geschrieben für SRF2 Kultur: Damit war er am Dienstag zu Gast im Raum für Literatur in der Hauptpost. Auf Einladung der GdSL, der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur. «Der Name gefällt mir. Das ist sicher eine alte Gesellschaft», sagt er. «Ich glaube, da passe ich hin.»

Fasziniert vom Scheitern und vom Grössenwahn

Seine «Faustregel»: Alles ist möglich – man muss nur einmal annehmen, es sei so passiert. Jeder Tag birgt eine denkwürdige Geschichte, eine Wahrnehmung, die ausschert aus den Routinen. Oder, in seinen Worten: «Immer der Tag in den man hineinerwacht ist der richtige Tag» – auch wenn es ein Dienstag ist. Und der Tag davor ebenfalls ein Dienstag war. Der nächste aber ein Donnerstag wird. Irgendwo muss der Mittwoch verloren gegangen sein; vielleicht sind eines Morgens alle Tage eingesperrt, in einem Käfig. So kann es gehen, eines Morgens, wenn die Poesie plötzlich die Faustregel vorgibt.

Was ihn am Scheitern, am Nichtgelingen so interessiere, möchte Moderatorin Rebecca C. Schnyder zwischendurch wissen. Grössenwahn sei eines seiner wiederkehrenden Themen, sagt Jens Nielsen. Der Gedanke, alles zu können, alles perfekt zu machen, omnipotent zu sein, erfüllt ihn mit einer kreativen Angstlust – damit spielt er gern in seinen Texten. «Niedliche Kalamitäten», auf diese Formel hat es Beat Mazenauer einmal gebracht: Katastrophenszenarien, die aber vor allem komisch sind.

Etwa die Vorstellung, die Welt draussen halte auch drinnen Einzug. Konkret: Es regnet aus der Dusche. Im Flur wachsen Bäume. Schneekanonen sorgen für weisse Weihnacht im Wohnzimmer; ein Reh wird heimisch. Unheimlich. Komisch. Ein Gedankenspiel; sicher bedeutet es etwas. Aber was? Fragen findet Jens Nielsen interessanter als Antworten. «Vielleicht ist es das Privileg der Kunst, Fragen aufzuwerfen», denkt er im Gespräch mit Rebecca C. Schnyder laut nach; «vielleicht ist es ihre eigentliche Aufgabe.»

Zuckerwatte, gross wie eine wandelnde Wolke

Doch er kann auch «romantisch» sein – wenn er sich auf dem Jahrmarkt herumtreibt, einer Frau eine Bratwurst spendiert und Zuckerwatte, so gross «als ginge eine rosarote Wolke zu Fuss über den Jahrmarkt». Auch das wird seltsam desaströs enden, ebenso wie die Fahrt im Riesenrad, während der die Geliebte die Kleider abwirft. Oder der Gang zur Bank – wo er natürlich keine im Banksinne gute Performance macht.

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