Literatur
Warum nur haben erwachsene Männer mit ihren Müttern ein Problem? Neue Romane geben Antwort

Wie in Christian Krachts neuem Roman «Eurotrash» geht es in Matthias Nawrats «Reise nach Maine» um eine komplizierte Bindung.

Bernadette Conrad
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Matthias Nawrat.

Matthias Nawrat.

Sebastian Willnow / DPA-Zentralbild

Wen sieht ein Sohn, der – längst selbst nicht mehr jung – seiner betagten Mutter ins Gesicht schaut? Auch ihr «zerschrammtes, zerstörtes, von Wodka und Phenobarbital und Enttäuschung und Schmerzen aufgedunsenes Gesicht von heute» sieht Christian Kracht immer noch als «das Gesicht der jungen, dem Leben in hoffnungsfroher Erwartung zugewandten Mutter», das ihm als Kind vertraut war. Es ist die gesamte Klaviatur erzählerischer Tonlagen, die Autor Kracht in «Eurotrash» für das Thema der komplexen Bindung an die eigene Mutter und deren komplizierte, belastete Geschichte bemüht: von Ironie und Zynismus bis hin zu verzweifelter Komik.

Christian Kracht.

Christian Kracht.

Noa Ben-Shalom

Um die vielfältige, widersprüchliche Bindung an die Mutter geht es auch Matthias Nawrat in seinem Roman «Reise nach Maine». Aber ganz anders als bei Kracht ringt Nawrats Ich-Erzähler-Sohn – auch er Schriftsteller – um einen vollkommen der genauen Beobachtung verpflichteten Ton, hinter dem man so etwas wie ein Ringen um Objektivität, eine Freiheit vom Urteilen zu spüren meint.

Zentral ist die Grenzen überschreitende Mutter

Dieser Ton führt mitten hinein in seine Geschichte der gemeinsamen Reise von Mutter und Sohn nach New York und Maine, denn in der Erzählgenauigkeit verbirgt sich auch die Wachsamkeit, ja Alarmiertheit eines Sohnes, der sein inneres persönliches Gelände gegen eine auf fröhliche und freundliche Art massiv grenzüberschreitende Mutter schützen möchte. Aber wie könnte das gehen? Wie hätte er ihr sagen können, dass er die zweite Urlaubswoche tatsächlich, wie geplant, gern allein gereist wäre und nicht, wie von ihr nach Buchung der Flüge beschlossen, in ihrer Gesellschaft?

«Du brauchst eine richtige Stelle» , sagt sie irgendwann zu ihm, «wo du ein richtiges Gehalt bekommst. Schreiben kannst du jederzeit nebenbei, als Hobby. Es ist aber kein Hobby, sage ich. Ich finde schon, sagte meine Mutter. Ich finde das nun mal nicht, sagte ich.» Und so zieht der Sohn sich in ein Schweigen zurück; ein Innen, das er ihr verweigert. Immer wieder geht sie dennoch zu weit – und wird doch keineswegs nur als übergriffige Mutter porträtiert, sondern auch als die lebhafte, in vieler Hinsicht kompetente Frau, die sich aus «einem Land im Osten» in Deutschland hochgearbeitet hat und auch in Amerika zu bewegen weiss.

Eine Beziehung, der immer ein Machtverhältnis innewohnt

Matthias Nawrat geht es nicht um ein thesenhaftes, bewertendes Erzählen, das jeder Figur ihren Platz im Sympathieranking der erzählten Welt zuteilt. Die Mutter ist nicht nur die, die ihm zu viel wird, und der er sich verweigert. Sie ist auch die, neben der er plötzlich «genau das» erlebt und empfindet, was er sich gewünscht hat für diese Reise.

Beziehung – insbesondere die zur eigenen Mutter – ist nun einmal etwas endlos Kompliziertes und nie vollkommen Einholbares; eine Beziehung, der, ob man will oder nicht, immer ein Machtverhältnis innewohnt. Auch dem gilt es sich im Lauf der gemeinsamen Geschichte zu stellen.

Vor der Kulisse der USA weitet sich die Enge der Beziehung

Grundverschieden die Hintergrundlandschaften, vor denen beide Autoren ihre Mutter-Bücher spielen lassen. Wo bei Christian Kracht die Schweiz vermessen wird, von der «Zürichwelt… zu klassisch, zu selbstsicher, zu saturiert» bis in die Gstaader Kindheitslandschaft, wo Mutter und Sohn jetzt in einer «schmuddeligen Nazi-Kommune landen», setzt Nawrat seine Mutter-Sohn-Reise vor die immer wieder überwältigende Kulisse der amerikanischen Landschaften, und jener amerikanischen «kindness of strangers», der Freundlichkeit von Fremden, der wir Europäer oft in gut geübtem Misstrauen gegenüberstehen.

Es ist die faszinierend und berührend erzählte Hintergrundstimmung dieses Amerika, die dem inneren Thema der eng und bedrängend werdenden Nähe einen Gegenpol der Weite schafft. Nicht zuletzt sie ist es, die Nawrats Buch nicht nur zu einem äusserst klugen und fein erzählten, sondern auch zu einem mit grosser Lesefreude zu geniessenden Text macht.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine, Roman, Rowohlt, 318 S.
Christian Kracht: Eurotrash, Kiepenheuer&Witsch, 224 S.

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