Wenn Blinde singen

Am Opernhaus Zürich hatte «Die Stadt der Blinden» Uraufführung. Das Werk von Anno Schreier lebt zu sehr von dramatischer Musik. Verena Naegele

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Szenenbild aus der Oper «Die Stadt der Blinden». (Bild: Suzanne Schwiertz)

Szenenbild aus der Oper «Die Stadt der Blinden». (Bild: Suzanne Schwiertz)

Erzählt wird in «Die Stadt der Blinden» nach dem Roman von José Saramago (Libretto Kerstin Maria Pöhler) eine Parabel über das Zusammenleben von Menschen unter dem Einfluss einer unvorhergesehenen Katastrophe. Allen Figuren ist durch eine unerklärliche Epidemie die Fähigkeit zu sehen genommen worden, weshalb sie wegen Ansteckungsgefahr interniert und sich selbst überlassen werden. Die einzig Sehende, die Frau des Augenarztes, muss mit ansehen, wie im Kampf ums Überleben eine Zwangsherrschaft entsteht, weshalb sie durch den Mord am Anführer versucht, den gordischen Knoten zu sprengen.

Das Gehör als Augenlicht

Doch was in Saramagos Romanvorlage wortreich die Phantasie anregend ausgedeutet wird, erhält auf der Bühne die zusätzliche Dimension der Handlung: Im Theater wird agiert, den Subtext übernimmt die Musik. Ein gefundenes Fressen für Anno Schreier, der die Musik-dramatische Drastik liebt. «Das Gehör ist das Augenlicht des Blinden», singt der alte Mann mit der Augenbinde prophetisch wie Wotan und gibt damit das Motto dieses musikalisch überfluteten Werkes vor.

Anno Schreiers Musik ist durchaus «verständlich», er schichtet akkordisch um Zentraltöne herum, setzt die Orchesterinstrumente brillant in Szene, behandelt den Gesang wirkungsvoll genau und bezieht sich gekonnt auf die Musik der Ahnen. Trotzdem macht er den Abend schwer mit seiner selbstverliebten Musiksprache, und auch Regisseur Stephan Müller hat verständlicherweise seine liebe Mühe. Wie handelt man mit dem Koloss von dreissig stets eingepferchten Blinden in einem einzigen Raum?

Jeder Akt ein Motto

Müller behilft sich geschickt mit der Verschiebung des Horizonts durch die rauf- und runterfahrenden Bühnengassen und durch das Akzentuieren der Tableaus, indem er den fünf Akten je ein Motto gibt: Quarantäne, Lager, Pferch, Höllenzone und Nebel. Was dramatisch tönt, trifft allerdings auf die Musik zu, Blinde können nicht theatralisch agieren, die Szene bleibt oft starr.

Dabei beginnt der Abend wirksam mit Lautsprecherdurchsagen, die Frau des Augenarztes und ihr Mann im leeren Raum, zu denen sich nach und nach die anderen Internierten gesellen. Sandra Trattnigg meistert ihre schwierige, deklamatorisch mit weiten Sprüngen ausgestattete Partie grossartig, ebenso Reinhard Mayr als hilfloser Augenarzt. Beeindruckend dann das Chor-Fugato, in dem die einzelnen Personen Pingpong-artig als «Nummern» singen, souverän geführt von Dirigent Zsolt Hamar.

Wertvolle Einzelmomente

Es sind immer wieder solche musikalische Einzelmomente, die über Längen hinweghelfen: Das opernhafte Kitschlied einer Frau, von Irène Friedli innig gesungen, die grandiose Essens-Koloratur-Hysterie des Zimmermädchens (Sumi Guo), oder die Tötungsszene der Augenarzt-Frau mit Schlagwerk, die an Strawinskys «Sacre du Printemps» erinnerte. Das Ensemble präsentierte sich auf hohem Niveau, erwähnt seien noch Rebecca Olvera als junge Frau und Valeriy Murga als alter Mann, die sich am Schluss als Paar finden. Ein spannender Abend wollte sich aber nicht einstellen.