Wenig Hoffnung für Vorbesitzer

Der umfangreiche Münchner Kunstfund enthält auch unbekannte Bilder. Cornelius Gurlitt, der die Werke hortete, ist verschwunden. Ob gegen ihn ermittelt wird, steht laut Staatsanwaltschaft nicht fest.

Roland Mischke
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Grosses Medieninteresse in Augsburg: Die Experten stellen einen Teil der gefundenen Kunstwerke – hier von Antonio Canaletto – vor. (Bild: ap/Kerstin Joensson)

Grosses Medieninteresse in Augsburg: Die Experten stellen einen Teil der gefundenen Kunstwerke – hier von Antonio Canaletto – vor. (Bild: ap/Kerstin Joensson)

Eine vermüllte Wohnung und 1406 Kunstwerke mit einem geschätzten Wert von einer Milliarde Euro: Der Münchner Fund gibt immer noch Rätsel auf. Immerhin hat gestern die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg einiges zum Hintergrund offengelegt. Dass der Überraschungsfund seit 2012 geheim gehalten wurde, erklären die Juristen damit, dass es sich bei dem eingeleiteten Verfahren um ein Steuerdelikt handelt. In diesem Fall gilt wegen des Steuergeheimnisses die Schweigepflicht. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass Kunstwerke, die jüdischen Besitzern entzogen wurden, auf das Gründlichste begutachtet werden müssen. Die Recherchen, um die vor den Nazis geflüchteten Eigentümer zu ermitteln, würden jedoch lange dauern.

Zollamtsrat Helmut Haller berichtete, dass die Bergung der teilweise im verdreckten Müll gefundenen Bilder in der verlotterten Wohnung schwierig, aber durchweg erfolgreich verlaufen sei. 121 gerahmte und 1285 ungerahmte Werke seien beschlagnahmt worden. Der Abtransport des gesamten Fundes habe drei Tage in Anspruch genommen. Der Leiter des Zollamtes geht nicht davon aus, dass sich noch in einem anderen Versteck Bilder befinden.

Meisterwerke von Picasso und Dix

Eine Schlüsselrolle kam der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann zu, die an der Freien Universität Berlin als die Expertin für Werke der sogenannten «entarteten Kunst» gilt. Seit sieben Jahren arbeitet die Kunsthistorikerin für die Forschungsstelle «Entartete Kunst». Dort werden in einer Datenbank sämtliche Recherchen und Analysen zu verschwundenen Kunstwerken gebündelt. Mittlerweile, so Hoffmann, sei das Schicksal von 10 000 Kunstwerken geklärt. Es sei ein grosses Glücksgefühl gewesen, dass sie als Erste vor den Bildern stehen konnte, die aus Sicherheitsgründen an einem unbekannten Ort gelagert sind. Es sei fast unglaublich, dass verschollen oder zerstört geglaubte Bilder tatsächlich noch erhalten seien. Das habe auch einen hohen wissenschaftlichen Wert, weil viele der Bilder aus dem Kunstfund nicht bekannt waren.

Hoffmann erklärte, dass es sich nicht nur um Werke der Klassischen Moderne von Meistern wie Pablo Picasso, Otto Dix, Marc Chagall, August Renoir oder Franz Marc handelt. Auch ältere Gemälde sind in der Sammlung enthalten. Das älteste Bild stammt aus dem 16. Jahrhundert. Hildebrand Gurlitt hat alles zusammengekauft, was er bekommen konnte. Der ruchlose, auf den eigenen Vorteil bedachte Händler nutzte dabei schamlos die Notlage jüdischer Besitzer und verfolgter Künstler aus, die Deutschland verlassen mussten, um überleben zu können.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg sieht es nicht als ihr vordringliches Ziel, die rechtmässigen Besitzer auszumachen. «Unser primäres Augenmerk liegt darauf, zu überprüfen, ob eine Straftat vorliegt», erklärte Staatsanwalt Reinhard Nemetz. Auf die Frage, wo sich Gurlitt derzeit befindet, gab es keine Antwort. Man habe keinen Kontakt zum Beschuldigten, sein Aufenthaltsort sei nicht bekannt und werde erst ermittelt, falls Anklage erhoben werden sollte.

Vorbesitzer gehen wohl leer aus

Nemetz betonte auch, dass man, wenn die Werke nicht im strafrechtlichen Sinne unterschlagen worden seien – was geprüft wird –, diese «möglicherweise» an den Sammler zurückgeben werden müsse. Das heisst, enteignete Sammler und ihre Nachfahren haben kein Recht, die Bilder zurückzuerhalten. Sie können nur auf Einsicht und moralisches Handeln hoffen. Das liegt daran, dass die Nazis ihren Raubzug durch ein Gesetz legalisiert hatten.

Auch die Verträge zwischen dem Raubjäger Gurlitt und dem Deutschen Reich waren rechtsgültig. Deshalb könnte es sein, dass der Sohn zumindest einige Werke behalten kann. Auch deutsche Museen haben sich mehrfach geweigert, wiedergefundene Werke ihren Eigentümern zurückzugeben.

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