Wendungen des Lebens

Den stärksten Eindruck hinterliess im Berlinale-Wettbewerb bislang Mia Hansen-Løves «L'avenir». Zu überzeugen vermochten auch André Téchiné und die Lampedusa-Dokumentation.

Walter Gasperi
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Ein reicher, warmherziger Film mit «Bären»-Ambitionen: «L'avenir» der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løves. (Bild: Berlinale)

Ein reicher, warmherziger Film mit «Bären»-Ambitionen: «L'avenir» der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løves. (Bild: Berlinale)

Menschen im Aufbruch und Umbruch stehen im Mittelpunkt auffallend vieler Wettbewerbsfilme der Berlinale. Wie die Begegnung mit einem mysteriösen Fremden in Denis Côtés «Boris sans Béatrice» die Läuterung eines arroganten Geschäftsmanns einleitet, so bringt eine Affäre einen 25jährigen Tunesier in Mohamed Ben Attias «Hedi» zum Nachdenken.

Zwischen Freiheit und Tradition

Im Stil der Brüder Dardenne, die dieses Début koproduzierten, folgt die Kamera hautnah dem jungen Autoverkäufer, dessen dominante Mutter bislang über sein Leben bestimmte und seine bevorstehende Hochzeit arrangierte. Erst die Liebe zur weltoffenen Rim lässt Hedi sich aus der mütterlichen Umklammerung befreien und eigene Entscheidungen treffen. Unaufdringlich spiegelt Attia im sorgfältig aufgebauten und differenzierten Film in der Zerrissenheit Hedis zwischen Freiheitsstreben und Traditionsgebundenheit auch die Lage Tunesiens.

Auch in Jeff Nichols' «Midnight Special» muss ein Vater schliesslich erkennen, dass er den Sohn loslassen muss. Doch zunächst muss er vor FBI und einer Sekte, die hinter dem Bub aufgrund aussergewöhnlicher Fähigkeiten her sind, flüchten. So geschickt Nichols Thrillerspannung aufbaut, indem er dem Zuschauer erst langsam Einblick in die Zusammenhänge gewährt, so wenig passen der Realismus der Inszenierung und die sich gegen Ende in den Vordergrund schiebenden Science-Fiction-Elemente zusammen.

Die Bandbreite des Lebens

Rundum zu überzeugen vermochte Mia Hansen-Løves «L'avenir». In der dynamischen Erzählweise wird spürbar, wie die von Isabelle Huppert gespielte Philosophieprofessorin in ihrem ausgefüllten, aber nur intellektuell erfüllten Leben nie zur Ruhe kommt. Eingespannt ist sie in den Alltagstrott, doch als sie ihr Mann wegen einer anderen Frau verlässt und ihre Mutter stirbt, muss sie sich neu orientieren und erst lernen, mit der neuen Freiheit umzugehen.

Schon ziemlich grossartig ist, wie Hansen-Løve um Huppert herum im Grunde vom ganzen Leben und seinen Wendungen erzählt und gleichzeitig gesellschaftliche Umbrüche anspricht: Ein reicher und dennoch leichter, nichts dramatisierenden und dennoch mitfühlend-warmherziger und trotz der ernsten Themen sommerlich heller Film ist der Französin hier gelungen.

«Shooting Star» Klein

Andre Téchiné erzählt dagegen in «Quand on a 17 ans» von der Unsicherheit zweier Jugendlichen und ihrer Schwierigkeit, mit ihren Ängsten und Sehnsüchten umzugehen. Geschickt lässt der französische Altmeister Corentin Fila und Kacey Mottet Klein sich aneinander reiben und spannt ein feinmaschiges Netz unterschiedlichster Gefühle. Anzunehmen ist, dass dieser jugendlich-frische Film und die Auszeichnung als einer der «Shooting Stars» der heurigen Berlinale die Karriere des 18jährigen Lausanners beflügeln wird.

Idyll und Schrecken: Lampedusa

An Giancarlo Rosis Dokumentarfilm «Fuocoammare» wird die Jury allein schon aufgrund seiner Aktualität kaum vorbeikommen. Auf jeden Kommentar verzichtet der Italiener. In langen Einstellungen schildert Rosi den beschaulichen Alltag eines auf Lampedusa lebenden Buben, kontrastiert diesen aber zunehmend mit kurzen, aber erschütternden Bildern und Erzählungen zur Flüchtlingskatastrophe, die sich seit Jahren täglich vor dieser Mittelmeerinsel abspielt.

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