Ausstellung: Das metaphysische Gruseln im Spiegelkabinett  

Seit acht Jahrtausenden sind Menschen von Spiegeln fasziniert. Das Museum Rietberg in Zürich zeigt anhand von über 200 Kunstwerken, Fotografien und Filmszenen, wie sich im Spiegel Eitelkeit, Schönheit, Mystik und Magie reflektieren.

Katja Fischer De Santi
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Das Smartphone hat den Handspiegel ersetzt. (Bild: Marianne Breslauer, 1933 Berlin)

Das Smartphone hat den Handspiegel ersetzt. (Bild: Marianne Breslauer, 1933 Berlin)

Entspannt liegt sie auf dem Bett. Ihr Gesicht wirkt konzentriert, als ob sie etwas lesen würde. Doch in der Hand hält sie kein Buch, es ist auch kein Smartphone. Die junge Frau mit dem kecken Pagenschnitt blickt in einen Handspiegel. «Freizeit eines arbeitenden Mädchens» betitelte die Fotografin Marianne Breslauer ihr Bild aus dem Jahr 1933. Es könnte aktueller nicht sein.

Heute verbringen weltweit Millionen von jungen Frauen und Männern ihre Freizeit genau in dieser Pose. In der Hand der kalte, schwarze Spiegel ihres Smartphones. Und sie stellen sich die gleiche Frage wie das Mädchen im gepunkteten Kleid vor über 80 Jahren: Wie sieht mich die Welt?

Die grösste Schau ist seine Letzte

«Der Mensch sucht sein Spiegelbild, seit er auf dieser Erde aufrecht stehen kann», sagt Albert Lutz. In stillen Teichen, glänzenden Steinoberflächen, später in polierten Bronzeplatten, oxidiertem Silber. Lutz ist Direktor des Museums Rietberg in Zürich. Drei Jahre lang hat er sich mit dem Thema Spiegel in ­seiner ganzen kulturgeschichtlichen Dimension befasst. Hat 200 Filme dazu visioniert und alle grossen europäischen Museen besucht.

Entstanden ist daraus «Spiegel – Der Mensch im Widerschein», mit 230 Ausstellungsobjekten und rund 100 Leihgaben Lutz’ grösste und letzte Ausstellung. Nach 35 Jahren am Museum, davon 20 als dessen Direktor, wird er 2019 pensioniert.

Sechs Monate ohne in den Spiegel zu schauen

Für seine letzte Ausstellung wagte er einen Selbstversuch. Sechs Monate blickte er in keinen Spiegel, sechs Monate wandte er sich vor jeder reflektierenden Fläche ab. Anstrengend sei das gewesen, aber auch befreiend, sich nicht jeden Morgen selber begegnen zu müssen. «Wir sehen die ganze Welt, nur uns selbst sehen wir nie. Das ist die grosse Bedeutung des Spiegels durch alle Kulturen und alle Zeiten hindurch», sagt er bei der Eröffnung am Freitag.

«Der Spiegel ist Teil unserer Selbsterkennung.»

Im Rietbergmuseum beginnt diese Selbsterkennung schon auf dem Vorplatz. Dort steht seit gestern ein Spiegelkabinett. «Perfekt für Selfies», merkt der Direktor an. Im Innern erklingt Mani Matters Lied «Bim Coiffeur». Und während man den Zeilen des Berner Liedermachers lauscht, spiegelt man sich selbst tausendfach, bis einen selbst das «metaphysische Gruseln» erfasst.

Der Spiegel zeigt auch die eigene Vergänglichkeit auf

Ein schöner Einstieg in eine facettenreiche Ausstellung, die einen immer wieder mit sich selbst konfrontiert. Etwa, wenn man sein Konterfei in einem Bild von Gerhard Richter neben einem Totenschädel gespiegelt sieht. Bedenke, dass du sterblich bist – der Spiegel als «Memento mori».

Der Spiegel aber auch als Symbol der Eitelkeit. Mannigfach und durch viele Zeiten hindurch sind die Darstellungen nackter Frauen mit Spiegeln. Vordergründig hätten die Gemälde die Todsünde Eitelkeit darstellen sollen, «doch es ist offensichtlich, dass die Künstler so die Gelegenheit hatten, entblösste Frauen für ein männliches Publikum in Szene zu setzen», erklärt Lutz auf dem Rundgang.

Umso wichtiger, dass das Museum diesen «Schlüsselloch»-Bildern einen zeitgenössischen Schwerpunkt entgegensetzt. In einem eigenen Saal werden Selbstporträts von 22 namhaften Fotografinnen von den 1920er-Jahren bis heute gezeigt – berührende, private Einblicke in Frauenleben.

Tod im Spiegelkabinett

Der Spiegel war für die Menschen schon immer mehr als ein Reflektor. Vor allem in Grusel- und Horrorfilmen ist er ein beliebtes Requisit für üble Monster und Schockmomente. Nicht nur, weil Vampire angeblich kein Spiegelbild haben.
Katja Fischer De Santi