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Weltoffen auf Ich-Reise

Heimat ist für den überzeugten Europäer Adolf Muschg kein Territorium, sondern ein stetes Unterwegssein zu Menschen und zur Kunst – mit grosser öffentlicher Wirksamkeit. Heute feiert der Schriftsteller seinen 80. Geburtstag.
Bettina Kugler
Adolf Muschg, Schriftsteller, Büchnerpreisträger, Kosmopolit und europäischer Intellektueller, wird heute 80. (Bild: Urs Jaudas)

Adolf Muschg, Schriftsteller, Büchnerpreisträger, Kosmopolit und europäischer Intellektueller, wird heute 80. (Bild: Urs Jaudas)

Sein Lebenssymbol erkennt Adolf Muschg in einem Augenblick kalter Panik: den Kopf in einen Sack gesteckt, verkehrt herum aufgehängt und fast schon eingetunkt in einen Bottich, der gefüllt ist mit ekelhafter Brühe aus Öl, Essig und stammeseigener Pisse der Zolliker Pfadi «Kelten». Gerade ist der junge Bursche vom Internat in Schiers nach Zollikon an die Zürcher Goldküste zurückgekehrt, wo er inmitten der künftigen Elite aufwuchs – wenn auch als Aussenseiter.

Verkehrtherum wird richtig

Die Muschgs gehörten nicht zur tonangebenden Gesellschaft; der Vater, Lehrer und strenggläubiger Pietist, 1948 bereits gestorben, hätte wohl nicht gern gesehen, dass sich sein Jüngster bei der «Jeunesse dorée» als Oberpfadfinder anbiedert und sich dafür der offiziellen «Taufe» unterzieht. Doch mit diesem Ansinnen ist in dem Moment auch schlagartig Schluss. Als er ahnt, was in dem Bottich auf ihn wartet, sträubt sich Adolf Muschg heftig, erzwingt die Befreiung von Sack und Fesseln und erklärt seinen Austritt: sec, ohne die Kumpane noch eines Blickes zu würdigen.

«Le Pendu», die Tarot-Karte des umgekehrt Hängenden, wird für ihn bald zum Sinnbild seiner Existenz. «Die Karte, an der die grösste Angst hängt», schreibt er 1998 in seiner autobiographischen Bilanz «O mein Heimatland!», «muss einem immer wieder aufgedeckt werden, bis man damit leben lernt: bis Verkehrtherum für einen das Richtige wird.»

Damit zu leben lernt Adolf Muschg als Schreibender, als Schriftsteller – so wird er zu dem, der er nun seit Jahrzehnten ist: einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren, Büchnerpreisträger, ein europäischer Intellektueller und Kosmopolit. Ein Romancier, der mit dem gewichtigen Gepäck vieler Jahrhunderte europäischer Kultur- und Literaturgeschichte unterwegs und seinem eigenen Ich auf der Spur ist. Der die Welt dabei aber stets im Blick behalten hat. Seine Romane und Essays spiegeln das auf einzigartige Weise.

Der Weg dorthin verläuft jedoch keineswegs zielgerichtet. Zunächst folgt Adolf Muschg den Spuren seiner um mehr als dreissig Jahre älteren Halbgeschwister aus erster Ehe des Vaters, vor allem der von Walter Muschg, Professor für deutsche Sprache und Literatur in Basel. Er studiert Germanistik und Anglistik, schreibt an der Universität Zürich eine Doktorarbeit bei Emil Staiger, wird Gymnasiallehrer und bald darauf Deutschlektor an der International Christian University in Tokio. In Japan, jenem Land, auf das er schon als Jugendlicher Phantasien vom besseren Leben projiziert hat – seit der Lektüre der seinerzeit weitverbreiteten Kindergeschichte «Hansi und Uma», verfasst von Muschgs Halbschwester Elsa. In dritter Ehe wird Adolf Muschg 1991 eine gebürtige Japanerin heiraten: Atsuko Kanto.

Phantomtumore und Blockaden

Bis er 1965 mit «Im Sommer des Hasen» seinen ersten Roman veröffentlicht, durchlebt Muschg immer wieder Phasen, in denen er sich lebensbedrohlich krank wähnt. Mehrfach glaubt er mit geradezu sturer Gewissheit, an einem Tumor zu leiden: Sein Biograph Manfred Dierks sieht darin den Beginn «einer lebenslangen Karriere Muschgs als eingebildeter Kranker», der er jeweils die «lebensrettende Phantasie» (so der Titel von Dierks' biographischem Porträt, vgl. Kasten) entgegengesetzt hat. Ihren stärksten Ausdruck findet sie im Roman «Albissers Grund» (1974). Dabei fällt ihm das Schreiben zunächst keineswegs leicht. Er hat mit Schreibblockaden zu kämpfen, seine Habilitationsschrift wird nicht fertig. Dennoch erhält er eine Professur für deutsche Sprache und Literatur an der ETH: eine Stelle, die ihm alle Freiheiten gewährt. Wenn er schreibt, muss er «mogeln», so tun, als gelte es nicht ernst, «sonst schleicht sich ein Krampf ein und ich formuliere nur noch; das Beste ist verloren».

Romane zum Mehrfachlesen

Ein Schlüsseltext für Muschg wird Ende der Siebzigerjahre Alice Millers «Drama des begabten Kindes». Er habe «das Buch gebraucht wie eine Kur», schreibt er später. Gleichwohl versieht er die Formel von der «Literatur als Therapie» in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1979/80 mit einem Fragezeichen. Er zieht sich in den kommenden Jahrzehnten nicht zurück in literarische Selbstbespiegelung, sondern wird zur öffentlichen Person, streitet mit Christoph Blocher oder für die Idee des Grundeinkommens. Er leitet Gesprächsrunden beim Radio und Schreibseminare. Seine Romane werden derweil immer komplexer: für schnelle, ungeduldige Leser eine Zumutung. Ob nun «Der Rote Ritter» (1994), «Sutters Glück» (2004) oder «Löwenstern» (2012): Muschg wirft darin so viele Netze aus, dass sie sich erst bei mehrfacher Lektüre ganz erschliessen.

Europäer – «unheilbar»

Griffiger und klarer tritt er als Redner auf. Wann immer in ausländischen, vor allem deutschen Medien die «Stimme der Schweizer Vernunft» gefragt ist, hält man gern Adolf Muschg das Mikrophon hin; nicht nur, weil er sich in seinen Jahren als Präsident der Berliner Akademie der Künste, als Essayist und Redner stets zum europäischen Gedanken bekannt hat. Gern sähe er die Schweiz als Mitglied der EU. «Wir liegen doch mitten in Europa. Auf die Dauer kümmern sich Tatsachen nicht um ihre Popularität.» Ein charakteristischer Muschg-Satz, zu lesen kürzlich im «Reflexe»-Interview der «Ostschweiz am Sonntag».

«Ich bleibe Europäer, unheilbar», bekräftigte er auch in einem langen Interview, das nach der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative im Journal des Schauspielhauses Zürich erschienen ist. Die Fragen dazu stammten unter anderem aus dem Heimat-Fragebogen von Max Frisch. Heimat: Muschg findet sie nicht in einem Territorium, nicht in «der Schweiz», erst recht nicht im Zollikon seiner Kindheit, sondern bei Menschen. Und in der Kunst.

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