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Tourismus im Entlebuch: Wellness mit Molke und Schwefelwasser

Im 19. Jahrhundert entspannten sich die Touristen in den Prototypen heutiger Wellness-Tempel, darunter auch der junge Lenin mit seiner Frau. Die Mineralquelle beim Kurhotel Schimberg-Bad wurde über die Schweizer Grenzen hinaus gelobt.
Julia Stephan
Die Hotel-Glashalle in einem Werbeprospekt zu Beginn der 20. Jahrhunderts. (Bild: Staatsarchiv Luzern/PA 131/9)

Die Hotel-Glashalle in einem Werbeprospekt zu Beginn der 20. Jahrhunderts. (Bild: Staatsarchiv Luzern/PA 131/9)

Wer im Entlebuch von Gfellen auf den Berg Schimbrig wandert, passiert ein bescheidenes Rinnsal, das Tourismusgeschichte geschrieben hat: die Schwefelquelle von Schimberg-Bad.

Die stärkste Natrium-Schwefelquelle der Schweiz verwies 1906 an Ausstellungen von London bis Paris renommierte Mineralwasserquellen auf die hinteren Ränge. Derart begeistert zeigten sich Experten von der Zusammensetzung dieser Quelle, an der sich mutige Wanderer, die den fauligen Eiergeruch nicht ekelt, auch heute noch erfrischen können.

Lenin macht Wellness in Sörenberg

Was in Vergessenheit geriet: Die Kaltwasserquelle war der Grund, warum von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933 auf dem Schimbrig ein mondäner Kurbetrieb florierte. Zeitgleich mit vielen anderen Kurhotels im Entlebuch ab Mitte des 19. Jahrhunderts begründete Schimberg-Bad einen neuen Tourismuszweig, der im Entlebuch erst mit dem Aufkommen des Wintertourismus langsam wieder versiegte.

Prominente wie der Schweizer Psychiater Carl-Gustav Jung oder Lenin mit seiner kranken Ehefrau tankten in den Entlebucher Kurhäusern frische Bergluft und tranken literweise Wasser aus den hiesigen Mineralquellen. Lenin soll während seines Aufenthaltes in Sörenberg die Zimmerwalder Konferenz organisiert haben. Mit dem Fahrrad radelte der später Weltgeschichte machende Russe regelmässig nach Schüpfheim, um seine Korrespondenz bei der Post abzugeben.

Postkartenansicht des Kurhotels Schimberg-Bad. (Bild: Privatbesitz Guido Schumacher)

Postkartenansicht des Kurhotels Schimberg-Bad. (Bild: Privatbesitz Guido Schumacher)

Von solcher Prominenz können die Gästebücher des Kurhotel Schimberg-Bad nicht erzählen, obwohl es eines der grössten in der Region war. Von dem 1933 abgebrannten Gebäude sind nach einem Erdrutsch, der 2005 auch die Quelle kurzzeitig verschüttet hat, nur noch Fundamentreste und die ehemalige Dépendance übrig. Heute befindet sich darin eine Gastwirtschaft.

«Freiluft-Turnen und Gymnastik-Rhythmik»

Dabei verfügte das Kurhotel Schimberg-Bad zu seinen besten Zeiten über 93 Zimmer mit 160 Betten. Zur Ausstattung gehörte eine grosse verglaste und beheizte Wandelhalle, die einen Panoramablick auf die Landschaft zuliess, ein Bäderhaus, in dem das Quellwasser mit Dampf erhitzt wurde, eine Trinkhalle, ein Damensalon mit Piano, ein Konversationszimmer für Herren sowie ein Lesezimmer. Die mit Strohteppichen belegten grosszügigen Gänge sollten die Gäste ermuntern, auch bei schlechtem Wetter in Bewegung zu bleiben. Die Langweile liess sich beim Billardspiel, auf der Kegelbahn und dem Tennis- oder Krokett-Platz vertreiben. Eine diplomierte Turnlehrerin bot in einer alten Werbebroschüre gar «Freiluft-Turnen und Gymnastik-Rhythmik» an.

An die neunzig Prozent der Kurgäste im Entlebuch kamen aus der Schweiz, vor allem Städter suchten die Entschleunigung. Es verirrten sich aber auch Italiener, Franzosen, Holländer, Österreicher, US-Amerikaner und nach Aussagen der Historikerin Susanne Dängeli auch Einzelpersonen oder Kleingruppen aus Brasilien, Ungarn, Indien oder Russland ins Entlebuch. Die Anreise nach Schimberg-Bad war beschwerlich. Manche Gäste nahmen den Weg auf den Schimbrig unter die Füsse, andere die Postkutsche. Einzelne liessen sich gegen 40 Schweizer Franken auf einer Sänfte auf den Berg tragen.

Anders als in anderen Kurhotels im Entlebuch kümmerte sich ein Kurarzt während der ganzen Saison pausenlos um die Gäste, die wanderten, viel und sehr fleischlastig assen - vor der Entdeckung der Vitamine galt Fleisch als perfekte Krankenkost - und sich Trinkkuren und Bäderbehandlungen verabreichten. Bis zu zwölf Gläser pro Tag wurden den Gästen verordnet. Es soll auch solche gegeben haben, die sich trotz Warnungen 40 zu Gemüte führten. Verstopfung und Durchfall wertete man als Teil des Genesungsprozesses.

Die findige Marketing-Abteilung von Schimberg-Bad vermarktete die auf der Alp weidenden Ziegen, dank denen man den Gästen Ziegenmilch und -molke frisch ab Euter anbieten konnte. Morgens schüttete sich der Gast erst einmal ein Glas heisse Molke auf nüchternen Magen und verzichtete stattdessen aufs Frühstück. Den Hunger bekämpfte er nachmittags mit Bouillon. Der Molkenkur, die später als nutzlos deklariert wurde, wurden ähnliche Qualitäten nachgesagt, wie den grünen Smoothies, die heute zu jedem Wellness-Hotel gehören.

1933 beendete der zweite Brand in der Hotelgeschichte die Kur-Ära abrupt. Möglicher Grund: ein Kamin-Brand.

Quellen

Susanne Dängeli: Baden, Trinken, Schmausen und Gesunden. Fremdenverkehr im Entlebuch 1840–1935. Academic Press Fribourg,2011. Guido Schumacher: Vor 50 Jahren brannte das Kurhotel Schimbergbad. Blätter für Heimatkunde aus dem Entlebuch (BHE), 1984.

Das Entlebucherhaus in Schüpfheim widmet sich in einer Ausstellung über regionalen Tourismus auch dem Schimberg. Vernissage am 4. November, 11 Uhr. www.entlebucherhaus.ch

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