Welche Freude: Die Frau der grossen Gesten gastiert in der Schweiz

Lee Krasner (1908–1984) war eine der Erfinderinnen des abstrakten Expressionismus. Aber das reichte ihr nicht.

Sabine Altorfer
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In Lee Krasners Grossformate kann man eintauchen.

In Lee Krasners Grossformate kann man eintauchen.

Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Auf diese Ausstellung habe ich mich gefreut wie ein Kind auf die Weihnachtsbescherung. Im Wissen, was in einigen Päckli drin ist und mit noch mehr Neugier auf die Überraschungen daneben. Denn von Lee Krasner (1908–1984), dieser grossartigen Malerin, dieser Miterfinderin des abstrakten Expressionismus, hat man immer nur Einzelwerke gesehen. Eigentlich verrückt, kennt man ihren Namen doch bestens – aber meist mit dem Zusatz «Ehefrau von Jackson Pollock».

Im Schwang des Feminismus

Das hat den Blick auf ihr Schaffen ziemlich verstellt, war 1989 aber doch Anlass, die beiden in Bern in der Serie der «Künstlerpaare»-Ausstellungen zu zeigen. Das ist aber so lange her, wie Krasner-Retrospektiven in Museen selten waren: 1965 in London, 1983 in Houston und 1984 – wenige Monate nach ihrem Tod – im MoMA New York.

Lee Krasner 1938

Lee Krasner 1938

Bild: zvg

Nun – auch im Schwang des wiedererwachten Feminismus – raffte man sich in Europa auf zur Retrospektive. Nach London und Frankfurt und vor Bilbao ist Bern dran. Wie hat Direktorin Nina Zimmer das geschafft? «Im Nachgang der Ausstellung Krasner-Pollock 1989 war es möglich, eine der grossen Collagen für Bern anzukaufen. Als die Kuratorin aus London anrief, ob sie das Werk ausleihen könne, sagte ich sofort: Ja, aber ich will die Ausstellung!»

Nach jedem Rückschlag erfand sie ihre Kunst neu

Also hineingestürzt in die Bescherung von Lee Krasner. Im offenen Saal kann man vieles auf einen Blick erfassen. Welch eine Vielfalt an Malweisen und Bildfindungen! Der Wandel und das mutige Erproben von immer wieder Neuem sei das eigentliche Markenzeichen von Lee Krasner, erklärt Kuratorin Fa­bienne Eggelshöfer. Sie hat die Schau – zum Glück für uns Besucherinnen – in chronologischer Logik organisiert.

Der grosse Saal im Zentrum Paul Klee ermöglicht Durchblicke.

Der grosse Saal im Zentrum Paul Klee ermöglicht Durchblicke.

Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Die erst 20-jährige Krasner präsentiert sich in drei Selbstporträts als Malerin, die aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte. Kohlezeichnungen aus ihrer Studienzeit bei Hans Hofmann in New York zeigen eine virtuose Interpretin des Kubismus. Ihre handwerklichen und organisatorischen Fähigkeiten nutzte sie als Leiterin eines Kriegsnotprogramms für Künstler. Ausbildung, Karriere und Netzwerke baute sich die Tochter jüdisch-russischer Immigranten von Grund auf selber auf.

Mit 20 malte Lee Krasner sich selber wie eine Malerin aus dem 19. Jahrhundert.

Mit 20 malte Lee Krasner sich selber wie eine Malerin aus dem 19. Jahrhundert.

Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Ins Zentrum hängte die Kuratorin die grossen Collagen aus den 1950er-Jahren. Nach einer Ausstellung der frühen «Little Paintings», frei getupften oder ornamental gereihten Abstraktionen, die niemand kaufte, suchte Krasner zeichnerisch Neues. Unzufrieden zerriss sie die Blätter, wagte sich nach Wochen wieder ins Atelier – und fand: doch! Sie zerschnipselte weitere Werke und baute daraus grossartige, dramatische Collagen. Gemalte, Figurationen daneben illustrieren Lee Krasners Experimentierlust. Für sie war Wandel eine Stärke, Markt und Kritik waren damit aber oft überfordert.

Eines der Grossformate von 1960 aus den schlaflosen Nächten

Eines der Grossformate von 1960 aus den schlaflosen Nächten

Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Nach Pollocks Unfalltod 1956 übernahm sie sein grosses Atelier. Schlaflos geworden, arbeitete sie nur nachts, aber legte alle Energie in überdimensionierte Leinwände. Mit Gesten aus dem Körper, dann mit Farbwirbeln und – nach einem weiteren Schnitt – in flächigen Kompositionen schuf sie malerische Paradestücke. Wut und Glück, Harmonie und Trotz sind darin vereint.

Nicht nur die Betrachterin reagiert begeistert, sondern auch der objektive Wertmesser. Der Markt. Im Mai erzielte ein grosses gestisches Werk von 1960 über 11 Millionen Dollar. Ein Riesensprung für Krasner – mit der Folge, dass Leihgeber ihre Werte anpassten und die Museen bei den Versicherungen nachziehen müssen. Günstiger als bei Pollock sind sie alleweil – noch.

Tipp:
Lee Krasner
Living Colour Zentrum Paul Klee
Bern, bis 10. Mai

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