Weise Worte braucht die Wand

Es gab eine Zeit, da standen die Wörter noch in den Büchern und die Bücher in den Regalen und die Regale im Wohnzimmer. Vor vier Jahren aber entschied Ikea, Billy, den Klassiker unter den Büchergestellen dieser Welt, auf eine buchlose Zukunft umzurüsten.

Lukas G. Dumelin
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Es gab eine Zeit, da standen die Wörter noch in den Büchern und die Bücher in den Regalen und die Regale im Wohnzimmer. Vor vier Jahren aber entschied Ikea, Billy, den Klassiker unter den Büchergestellen dieser Welt, auf eine buchlose Zukunft umzurüsten. Billy hat neue Masse erhalten (und mehr Tablare), damit man genügend Platz hat, um anstelle der Bücher den ganzen Kleinkram, den das Leben so anspült, zu deponieren.

Im Gegenzug, so scheint es, verlassen die Wörter die bedrohten Bücher – und wandern nicht nur im Wohnzimmer an die Wand, sondern auch in allen andern Räumen. Hobby-Innenarchitekten sprechen hierbei von Wandtattoos und einem Trend. Ausserordentlich beliebt ist Antoine de Saint-Exupéry: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.» Ach, Schatz, lass uns das übers Bett kleben!

Ob Raufasertapete oder glatte Wand, Scheiben oder Holz: Die Buchstaben aus dünner Vinylfolie kleben auf fast allen Oberflächen. Und im Internet ist die Auswahl an Sätzen riesig. Denn mit dem entsprechenden Tattoo, so wirbt ein Anbieter, lasse sich jede Wand individualisieren. Wir verstehen: Erst mit einer Weisheit aus «Der kleine Prinz» passt die Wand im Schlafzimmer wirklich zu den Menschen, die morgens dort aufwachen – und sich dann einen Espresso machen in einer Küche mit geistreichen Worten an der Wand:

Latte Macchiato.

Mokka.

Cappuccino

Café au lait.

Kaffee.

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