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Die Oscars in diesem Jahr: Weiblicher, bunter und jünger als je zuvor

Sonntagnacht wird der wichtigste Filmpreis verliehen. Dieses Jahr sind mehr Frauen als je zuvor nominiert. Erstmals buhlen Netflix und Superhelden um den Hauptpreis. Was steckt hinter dem Wandel, den nicht alle in Hollywood gutheissen?
Von Lory Roebuck und Regina Grüter
Arbeiter rollen bereits den roten Teppich für die 91. Oscar-Verleihung aus. Diese findet in Hollywood in der Nacht auf den Montag statt. EPA/JOHN G. MABANGLO

Arbeiter rollen bereits den roten Teppich für die 91. Oscar-Verleihung aus. Diese findet in Hollywood in der Nacht auf den Montag statt. EPA/JOHN G. MABANGLO

Lady Gaga war not amused. Die Produzenten der Oscar-Nacht hatten beschlossen, während der diesjährigen Preisverleihung nur zwei der fünf Oscar-nominierten Filmsongs live aufführen zu lassen: Lady Gagas Beitrag aus dem Film «A Star is Born» sowie den «Black Panther»-Song von Rap-Star Kendrick Lamar. Die anderen drei Auftritte sollten aus Zeitgründen ausgespart werden. Ohne mich, soll Lady Gaga gesagt ha- ben – entweder, wir treten alle auf oder keiner von uns. Die Drohung zeigte Wirkung: Laut der Fachzeitschrift «Variety» dürfen am Sonntag, wenn die Oscars zum 91. Mal vergeben werden, nun doch alle fünf nominierten Musiker ran.

Die Veranstalter wollten die oft ausufernde Show eigentlich auf eine dreistündige Dauer verkürzen und mit weiteren Mitteln für die rapid schwindende Zuschauerschaft attraktiver machen. So sollte ein zusätzlicher Preis für den besten «populären» Film eingeführt und jüngst sollten vermeintlich kleinere Kategorien während der Werbepause prämiert werden. Filmemacher wie Quentin Tarantino und Guillermo del Toro sprachen sich gegen die Neuerungen aus – worauf die Veranstalter auch hier zurückkrebsten.

Ringen um die Identität

Die Oscars stecken mitten in einem gewaltigen Umbruch. Die Veranstaltung ringt um eine neue Identität. Das typische Oscar-Academy-Mitglied ist immer noch: männlich, weiss und alt. Doch die Mehrheit der weissen Männer innerhalb der Academy, der 9000 Schauspieler, Regisseure und weitere Exponenten aus allen Bereichen der Filmbranche angehören, schrumpft.

Seit der #OscarsSo­White-Debatte im Jahr 2016, als ausschliesslich weisse Schauspielerinnen und Schauspieler nominiert waren, hat die Academy über 2000 neue Mitglieder eingeladen – mit einem besonderen Augenmerk auf Frauen und ethnische Minderheiten (Afroamerikaner, Latinos, Asiaten und Indigene). Machten weibliche Filmschaffende 2015 noch 25 Prozent der Academy aus, beträgt dieser Anteil inzwischen 31 Prozent. Der Anteil Nichtweisser verdoppelte sich im selben Zeitraum von 8 auf 16 Prozent (vgl. Grafik ganz rechts). Doch der Umbruch zu mehr Diversität gelingt nur langsam, da alle Mitglieder der Academy auf Lebzeiten gewählt sind.

Die Alten wählen Klassisches, die Neuen wählen anders

Dass der weiblichere, buntere und jüngere Teil der Academy immer grösser wird, widerspiegelt sich darin, welche Filme 2019 für die Oscars nominiert werden. Die alte Garde stimmt tendenziell für klassischere Oscar-Filme wie «Bohemian Rhapsody» über Queen-Sänger Freddy Mercury und den Liebesfilm «A Star is Born». Die neue Garde eher für «Black Panther» und «Roma»: der erste Superheldenfilm respektive die erste Netflix-Produktion, die um den Hauptpreis buhlen. Auch dass mit Pawel Pawlikowski und Lukas Zal der Regisseur und der Kameramann von «Cold War», eines polnischen Schwarz-Weiss-Films, nominiert wurden, ist wohl den neuen, internationaler orientierten Mitgliedern zu verdanken.

Unter den zwanzig nominierten Darstellerinnen und Darstellern sind dieses Jahr vier Nichtweisse: die beiden Mexikanerinnen Yalitza Aparicio (in ihrer ersten Rolle!) und Marina de Tavira für «Roma» sowie die beiden Afroamerikaner Regina King («If Beale Street Could Talk») und Mahershala Ali («Green Book»). King und Ali gelten in ihren Kategorien als Favoriten.

Zwar wurde wie so oft keine einzige Regisseurin für einen Preis berücksichtigt, aber über alle Oscar-Kategorien hinweg betrachtet, sind mehr Frauen nominiert als je zuvor.

Der Anteil der weiblichen Nominierten steigt stetig an.

Dieses Jahr sind es 63 Frauen gegenüber 57 im Vorjahr. Bei 169 Männern macht das 27 Prozent der Nominationen aus. Ein bescheidener Wert – und trotzdem ein Rekord in der 90-jährigen Geschichte der Oscars. Betrachtet man die 24 Oscar-Kategorien nach Geschlecht, fällt auf: Neben der Regie mischen Frauen auch in den Feldern Filmmusik, visuelle Effekte, Kamera und Montage gar nicht mit. Das erstaunt besonders beim Schnitt: ein Beruf, den auch in Europa viele Frauen ausüben. Dafür machen die Kostümbildnerinnen den Oscar unter sich aus. Auch beim Make-up sowie beim animierten Kurzfilm haben die Frauen die Nase vorn – klassische Frauen-Kategorien, die mit weniger Prestige verbunden sind.

Auffällig ist die Sparte Dokumentarfilm, in der insgesamt acht Frauen nominiert sind. Sie stellen hier die Mehrheit an (Co-)Produzentinnen und (Co-)Regisseurinnen. Hier ist ein Trend Richtung Geschlechteregalität zu beobachten, der sich aus europäischer Sicht bestätigen lässt. Filme von Frauen über Frauen würden die Academy nicht inter­essieren, hiess es lange. Die Nominierungen von Greta Gerwig als beste Regisseurin und für das beste Originaldrehbuch von «Lady Bird» im letzten Jahr zeigten, dass das nicht mehr länger stimmt. «Lady Bird» war auch als bester Film nominiert. Zwar ging die persönlich gefärbte Coming-of-Age-Geschichte leer aus, doch für Greta Gerwig war es trotzdem ein Sieg. Gerwig war erst die fünfte Frau, die in der über 90-jährigen Oscar-Geschichte für den Regiepreis ­nominiert wurde. Die einzige, die ihn auch gewonnen hat, war 2010 die US-Amerikanerin Kathryn Bigelow für den Kriegsthriller «The Hurt Locker». Dass Bigelows nachfolgender Film «Detroit» von der Academy links liegen gelassen wurde, ist eine der Unterlassungssünden des Oscar-Jahrs 2018. Dass eine weisse Frau eine Geschichte von Rassenun­ruhen und Polizeigewalt erzählt, schien nicht allen zu passen.

Schwarze verbuchen ebenfalls vermehrt Erfolg

Ein ähnlicher Vorwurf wurde gegen «Green Book» laut, der dieses Jahr für fünf Oscars nominiert ist. Der Film erzählt die Geschichte eines schwarzen Musikers (gespielt von Mahershala Ali) vornehmlich aus Sicht seines weissen Bodyguards (Viggo Mortensen). Auch die Drehbuchautoren sind weiss. Das sei rassistisch, monierten zahlreiche Kritiker. Eine Mehrheit der Academy sah das anders: Im Gegensatz zu «Detroit» buhlt «Green Book» bei den Oscars um den Hauptpreis – und gilt laut Experten sogar als aussichtsreicher Kandidat auf den Sieg.

Dass «Moonlight» des Afroamerikaners Barry Jenkins über einen homosexuellen Schwarzen bei der Verleihung 2017 den Musical-Film «La La Land» nach der unseligen Verwechslung doch ausstach, hätte man zuvor nicht für möglich gehalten. Unter weissen, alten Männern hatte die schöne und sehr «weisse» Hommage ans klassische Hollywood-Musical sicherlich die besseren Karten – die berühmte Ausnahme von der Regel eingeschlossen.

Der Erfolg von schwarzen Filmemachern zog sich weiter. 2018 war es Jordan Peele, der mit seinem afroamerikanischen Albtraum «Get Out» die Oscars aufmischte. Der Arthouse-Horrorfilm über den alltäglichen Rassismus war viermal nominiert, in den Königskategorien Bester Spielfilm und Beste Regie sowie Daniel Kaluuya als bester Hauptdarsteller. Peele erhielt schliesslich die Trophäe für das beste Originaldrehbuch.

Ebendieser Jordan Peele tritt nun wieder auf den Plan, als Mitproduzent von «BlacKkKlansman». Dessen Regisseur Spike Lee wird heuer zum ersten Mal die Ehre einer Nomination für die beste Regie zuteil – dass es dafür 2019 werden musste, ist bei der Schaffenskraft und dem Können von Spike Lee ein schlechter Witz. Bezeichnenderweise hatte der Regieveteran 2016 einen Ehren-Oscar erhalten, was viele als Trostpreis werteten. Lee ist erst der fünfte Schwarze, der in dieser Kategorie nominiert ist. Er könnte der erste sein, der ihn tatsächlich gewinnt. Und «Black Panther» ist nicht nur die erste Comicverfilmung, die für die Auszeichnung Bester Spielfilm nominiert ist, sondern auch der erste Film mit praktisch ausschliesslich schwarzen Filmschaffenden vor und hinter der Kamera. Bei sechs weiteren Nominierungen dieses visionären und kraftvollen Blockbusters gingen allerdings sowohl Regisseur Ryan Coogler (der auch massgeblich am Drehbuch beteiligt war) als auch der überzeugende Darsteller Michael B. Jordan leer aus.

Eine Welle von Unterstützung und Feierlichkeiten für Frauen im Film vor der diesjährigen Oscar-Verleihung hat ODEON veranlasst, eine Reihe von "Osc-her"-Statuen zu produzieren. Die Statuen wurden nach dem Vorbild der besten Spitzenreiterinnen Olivia Colman und Lady Gaga sowie Janet Gaynor, der ersten Frau, die je einen Oscar gewonnen hat, entworfen. Bild: Joe Pepler/PinPep

Eine Welle von Unterstützung und Feierlichkeiten für Frauen im Film vor der diesjährigen Oscar-Verleihung hat ODEON veranlasst, eine Reihe von "Osc-her"-Statuen zu produzieren. Die Statuen wurden nach dem Vorbild der besten Spitzenreiterinnen Olivia Colman und Lady Gaga sowie Janet Gaynor, der ersten Frau, die je einen Oscar gewonnen hat, entworfen. Bild: Joe Pepler/PinPep

Wer bekommt eines der begehrten Goldmännchen?

Das Rennen sei offen wie nie, schrieb Anfang Woche die amerikanische Oscar-Expertin Sasha Stone. Das Spektrum der nominierten Filme sei sehr breit, sodass vor allem in der Königskategorie kein klarer Favorit bestimmt werden könne. «Bei den Oscars geht es nicht mehr darum, die besten Filme auszuzeichnen, sondern darum, mit der eigenen Stimme ein Zeichen zu setzen», schreibt Stone. Filme wie «Roma», «BlacKkKlansman» und «Black Panther», die ethnische Minderheiten ins Blickfeld rücken, sieht sie deshalb leicht im Vorteil.

Mit insgesamt zehn Nominierungen führt «Roma» das Feld an – zusammen mit dem Historiendrama «The Favourite». Dass der Mexikaner Alfonso Cuarón seinen zweiten Regie-Oscar gewinnen wird (den ersten erhielt er 2014 für das Weltraumdrama «Gravity»), bezweifelt kaum noch jemand. Doch innerhalb der Academy scheuen sich offenbar nicht wenige davor, ausgerechnet einer Netflix-Produktion die Auszeichnung für den besten Spielfilm zu verleihen. «Roma» sei bloss ein «expensive home movie», sagte ein anonymes Academy-Mitglied zum «Hollywood Reporter». Und: Die Pflicht der Academy sei es schliesslich, grossartige Filme zu promoten, die Zuschauer im Kino sehen könnten. Nicht zu Hause auf dem Sofa. «Viele meiner Freunde, die ‹Roma› zu Hause schauten, schafften es nicht über die ersten zwanzig Minuten hinaus.»

Die Revolte bei den Oscars geschieht schrittweise. Die in der US-amerikanischen Filmindustrie tief verankerten Strukturen, sprich die Vorherrschaft weisser Männer, sind ein Stück weit Abbild der Gesellschaft. Aber die ­bewusstere Durchmischung der Academy sowie Bewegungen wie #OscarsSoWhite, oder #MeToo haben etwas in Gang gebracht, das sich kaum mehr stoppen lässt.

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