Schweizer Regisseur
«Wehleidige Schweiz», «diktatorisches Verhältnis zur Natur», «Eintauchen im Heimkino»: Markus Imhoof im Interview

Er wird dieses Jahr 80 Jahre alt, jurierte an den Solothurner Filmtagen und erhielt diese Woche einen Ehrenpreis. Was will Markus Imhoof als nächstes tun?

Daniel Fuchs
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Fehlt das Atmen des Kinosaals: Markus Imhoof, fotografiert 2018 im Zürcher Kino Kosmos.

Fehlt das Atmen des Kinosaals: Markus Imhoof, fotografiert 2018 im Zürcher Kino Kosmos.

Christian Beutler / KEYSTONE

Die letzten Wochen verbrachte er Stunden um Stunden zum Sichten von Filmen der Solothurner Filmtage. Markus Imhoof war Jury-Mitglied für den Prix de Soleure und hatte die Wahl zwischen zwölf nominierten Filmen. Sie schaute er sich auf dem Beamer zu Hause an. Diese Woche wurde er anlässlich der Bekanntgabe der Nominierten für den Schweizer Filmpreis von Bundesrat Alain Berset mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Zeit, mit dem 79-Jährigen über den Schweizer Film, ein schwieriges Jahr und sein Pläne zu sprechen. Wir erreichen Imhoof in seiner Wohnung in Berlin.

Ist online Filme schauen für Sie eine Qual?

Markus Imhoof: Nein. Aber natürlich ist das Filmschauen im Heimkino nicht vergleichbar mit einem Kinosaal, wo man spürt, wie der Raum atmet, wie er lacht und mitdenkt. Allein können Gefühle nicht geteilt werden oder erst Zeit verzögert, wenn ich tags darauf über einen Film mit Freunden telefoniere.

Zur Person

«More than Honey», «Das Boot ist voll», «Eldorado»: Das sind die Titel einiger seiner erfolgreichen Filme. Markus Imhoof (1941 geboren in Winterthur) gehört zu den prägenden Figuren des Schweizer Films seit den 1960ern. Zusammen mit Fredi M. Murer («Höhenfeuer») und fünf weiteren Freunden gründete er 1970 die eigene Produktionsfirma Nemo Film. Imhoof lebt in Berlin und Mailand, wurde mit Preisen u.a. der Berlinale und des Schweizer Filmpreises ausgezeichnet. «Das Boot ist voll» wurde von der Schweiz ins Rennen um einen Oscar geschickt. An der diesjährigen Ausgabe der Solothurner Filmtage war Imhoof Jurymitglied für den Prix de Soleure und erhielt vom Bund den Ehrenpreis für sein Gesamtwerk. (dfu)

Zuhause droht doch ständig die Ablenkung. Beim Streamen kann man jederzeit den Pausenknopf drücken und zum Kühlschrank gehen. Was tun Sie gegen die Ablenkung?

Es kommt gar nicht so weit. Starte ich einen Film, dann will ich eintauchen.

Diese Ehrfurcht vor der Arbeit von Kollegen, der Atmosphäre des Films und dem Thema verteidige ich sehr.

Man liest ja auch keine Zeitung, während man mit jemandem zärtlich ist. Und das Handy, das schalte ich natürlich aus.

Nehmen Sie denn gerne teil an einem Online-Festival wie den Solothurner Filmtagen?

Natürlich fehlen mir die Menschen. Das ist schon etwas anderes, nach dem Film in Solothurn ins «Kreuz» zu gehen, der ganze Saal rauscht, man trifft Freunde und kommt ins Diskutieren. Aber das geht aktuell nun einmal nicht.

Markus Imhoof an den Solothurner Filmtagen im Jahr 2015.

Markus Imhoof an den Solothurner Filmtagen im Jahr 2015.

Hanspeter Baertschi / SZ

Verzicht fällt uns schwer, zeigt die Pandemie eindrücklich.

Gerade in der Schweiz! Das stelle ich immer wieder fest, ich lese täglich Schweizer Zeitungen, deutsche Zeitungen und oft italienische. Und der Vergleich zeigt mir:

Fast nirgendwo stelle ich eine grössere Wehleidigkeit fest als in der Schweiz, was diese Pandemie betrifft. Das betrübt mich, aber ist mir lieber als holländische Aggression.

Woran zeigt sich die wehleidige Schweiz?

Eine Art Irrglaube an eine persönliche Garantie von Glück. Wegen der Pandemie reagieren viele schon fast beleidigt, dass das getrübt wird. Und tragisch finde ich, dass manche diese vermeintliche Glücksgarantie verteidigen durch Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aber wenn die Milch siedet, muss man die Pfanne vom Herd nehmen, nicht auf Stufe 3 runter drehen.

Machen Sie ein Beispiel.

Die Diskussion über offene Skigebiete ist ein Beispiel. Ich gehe Jahr für Jahr Langlaufen im Engadin. Natürlich würde ich am liebsten auch hinreisen, aber es wäre schlichtweg dumm. Wir müssen dem Virus nicht ständig neue Lungen zum Frass anbieten und ihn so zum Mutieren anstacheln. Ich kann auf den Schnee verzichten, ohne unglücklich zu werden. Ich bin in den 1940ern geboren und erinnere mich gut an die Nachkriegszeit. Im Vergleich dazu leben wir in unglaublichem Überfluss und können für einige Zeit auf etwas verzichten, ohne gleich ins Unglück zu stürzen. Und der Staat wird Existenzen sichern.

Was ist Ihr Rezept gegen diese Nichtbereitschaft auf den Verzicht?

Die Grundfrage lautet: Gehört der Mensch zur Natur oder steht er ausserhalb? Wir müssen mit der Natur leben, auch mit den Gefahren, einem Virus etwa. Wenn wir uns vormachen, wir könnten alles mit einem Mausklick beherrschen, dann wähnen wir uns ausserhalb oder über dem System. Diese Haltung hat bereits zu dem Virus geführt. Überspitzt gesagt ist eine solche Vorstellung von Natur vergleichbar mit derjenigen von Rassisten mit ihrer «White Supremacy»-Ideologie.

Wie meinen Sie das?

Wenn wir uns über die Natur erheben, sie zu blossem Material machen, dann ist das ein diktatorisches Verhältnis zur Natur.

Die Biene als Sinnbild des menschlichen Umgangs mit der Natur – hier geht's zum Trailer von «More than Honey» (2012):

Das Thema behandelten Sie in Ihrem Film «More than Honey». Woran sind Sie aktuell?

Wahrscheinlich am kompliziertesten Projekt meines Lebens überhaupt. Es ist eine sehr persönliche Geschichte auf drei Kontinenten und in drei Jahrhunderten, ausgehend von einer Urahnin, die 1770 in der Karibik geboren wurde, einer Grossmutter in Zürich und meiner Mutter, die in Indien geboren ist. Es geht um die Frage, was verantworten wir selbst und was kommt ohne unser Zutun? Und was davon ist Zufall. Die Geschichte hat erstaunlich viel mit der Aktualität zu tun. Sie zeigt, wie globalisiert die Schweiz schon vor drei Jahrhunderten war und was dabei unsere Verantwortung ist.

Knüpft sie auch ans Thema Migration an, das Sie in Ihren Flüchtlingsfilmen «Eldorado» und «Das Boot ist voll» behandelten?

In gewissem Sinne, nur geht es diesmal nicht um Menschen, die in die Schweiz wollen, sondern umgekehrt um Schweizer, die in die Welt hinaus zogen. Mich interessiert unsere Verstrickung mit der Welt.

Wenn sich die Schweiz nur als Insel versteht, verliert sie die Kraft und Ausstrahlung, die sie als Labor für Zusammenleben hat.

Was bedeutet das in Bezug auf die Pandemiebekämpfung, die vor allem von Massnahmen geprägt wird, die Nationalstaaten wie die Schweiz ergreifen?

Hier kommt mir als erstes jener Virologe in den Sinn, der die Lage verglich mit einem Swimmingpool. Was bezüglich der Pandemiebekämpfung weltweit veranstaltet werde, gleiche der Erlaubnis des Hineinpinkelns am einen Ende des Pools und dem Pinkelverbot am anderen Ende, sagte er. Dabei ist überall dasselbe Wasser. In der Pandemie befindet sich die ganze Welt im selben Bassin. Ein weltweites Problem verschwindet doch nicht damit, dass wir uns hier in Europa schneller impfen können und Ländern zum Beispiel in Afrika den Impfstoff vorenthalten und nur deren Superreiche zum Impfen einfliegen lassen.

Wie erleben Sie die Pandemie als Mitglied der Risikogruppe?

Ich isoliere mich physisch, gehe aber jeden Tag eine Stunde spazieren. Ich lasse niemanden in die Wohnung und meine Nachbarn gehen freundlicherweise seit fast einem Jahr für mich einkaufen. Den Kontakt halte ich mit Telefonaten mit Freunden und Freundinnen. Mit Fredi M. Murer zum Beispiel führe ich fast täglich Diskussionen.

Was fürchten Sie mehr: Das Virus oder die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie?

Man kann das eine nicht ohne das andere denken.

Aber zuallererst hoffe ich am Leben zu bleiben. Das komplexe aktuelle Filmprojekt fasziniert mich zu stark, als dass ich es verpassen wollte.

Lassen Sie sich impfen?

Natürlich, sofort. In Berlin bin ich noch zu jung und nicht an der Reihe und bin etwas neidisch auf meine geimpften Freunde in der Schweiz. Impfen ist eine globale Erfolgsgeschichte: Polio und die Pocken wurden ausgerottet. Ich sehe nicht ein, weshalb Leute etwas bekämpfen, das ihnen zum Überleben verhilft. Ich habe Freunde und Verwandte, die an Covid 19 gestorben sind. Ich bin mir der Gefahr dieses Virus’ also sehr bewusst.

Brachte ihn zu Netflix: Alfonso Cuarón (ganz links) und Markus Imhoof (ganz rechts) anlässlich der Premiere des von Netflix produzierten Films «Roma »am Telluride Festival.

Brachte ihn zu Netflix: Alfonso Cuarón (ganz links) und Markus Imhoof (ganz rechts) anlässlich der Premiere des von Netflix produzierten Films «Roma »am Telluride Festival.

Zur Verfügung gestellt

Nutzen Sie Netflix?

Ja, allerdings fehlt mir die Zeit. Alfonso Cuarón und sein Film «Roma» von 2018 hatten mich zu Netflix gebracht. Der mehrfache Oscarpreisträger Roma wurde von Netflix produziert. Ein Jammer, dass er nicht wirklich in den Kinos gezeigt wurde.

Hatten Sie schon ein Angebot von Netflix?

Nein, aber das neue Projekt hätte vielleicht das Zeug für eine zehnteilige Miniserie. Erst einmal muss ich aber das Drehbuch schreiben und ich werde in diesem Jahr ja bereits 80.

Absolute Must-Sees von Imhoof: «Das Boot ist voll» (1981) und «Eldorado» (2018), beides Filme über Flüchtlinge, hier geht's zu den Trailern: