Weg von der Hochpreisinsel

Der starke Franken bringt den Buchmarkt in Bedrängnis. Weil Kunden bei den Nachbarn oder bei Amazon kaufen. Und weil Verlage in Deutschland ihre Bücher verkaufen, aber in der Schweiz hohe Löhne zahlen.

Valeria Heintges
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Extreme Teuerung: Reisebücher können in der Schweiz doppelt so viel kosten wie im Euro-Ausland. (Bild: ky)

Extreme Teuerung: Reisebücher können in der Schweiz doppelt so viel kosten wie im Euro-Ausland. (Bild: ky)

Der Schock kam beim Abknibbeln des Preisschildes. Unter dem Schweizer Preisschild «Fr. 41.50» kam hervor, was derselbe Lonely-Planet-Reiseführer in Deutschland gekostet hätte. «€ 22.99». Bei einem Kurs von 1:1 ist das schlicht doppelt so teuer wie bei den Nachbarn.

Reisebücher als Extrembeispiel

So brutal sind die Unterschiede selten. So kostet etwa Ian McEwans neuer Roman «Kindeswohl» 29.90 Franken oder 21.90 Euro. Buchhandlungen in Lörrach und Bad Säckingen berichten, dass seit einigen Jahren rund ein Drittel ihrer Kunden aus der Schweiz käme. Die Osiandersche Buchhandlung in Konstanz differenziert: «Gefragt sind vor allem die Bereiche Belletristik und Sachbuch, besonders stark sind dabei die Reisebücher.»

Neu ist das Phänomen nicht, es wird sich mit den veränderten Kursen allerdings verschärfen. Als Branche, die sehr vom Export abhängig ist, leidet der Buchhandel unter der Freigabe des Franken sehr. «Ein Kurs von 1:1 ist brandgefährlich», sagt Marianne Sax, Buchhändlerin in Frauenfeld und Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes. Auch, weil das für die Kunden so leicht zu rechnen ist. Sax: «Bei einem Kurs von 1.20 Franken wusste man, es ist halt es bizzli teurer, jetzt aber muss keiner mehr rechnen.»

Preise um 20 Prozent gesenkt

Die Freigabe des Franken hat die Buchhändler kalt erwischt. Noch mag keiner sagen, was die Zukunft bringen wird. Jeder hofft, der Euro möge wieder stärker werden. Der Ansturm auf die Geschäfte in Deutschland ist bisher ausgeblieben. Aber schon reagieren die Buchhändler. Das Antiquariat Fine Books in Zürich senkt die Preise um zwanzig Prozent, die Buchhandlung Sec52 von Verleger Ricco Bilger verspricht: «Die Bücher aus dem Euro-Raum werden billiger».

Auch in der Region sind viele verunsichert. «Wir haben erst kürzlich ein wenig unsere Preise erhöht, um die Margen zu verbessern», sagt Carol Forster, Inhaberin des Bücherladens in Appenzell. «Jetzt müssen wir wieder runter mit den Preisen, das gibt ein Loch in der Rechnung.» Sie ist mit Prognosen vorsichtig, will auf keinen Fall Panik schüren. Aber sie versucht, «bewusster einzukaufen, damit nicht so hohe Kosten entstehen». Forster, die auf eine treue Stammkundschaft zählen kann, befürchtet nicht, dass ihre Kunden nach Deutschland fahren, aber sie könnten zu Amazon abwandern. Denn der Versandhändler wirbt damit, portofrei zu liefern und «Kunden mit Lieferadressen in der Schweiz» zwanzig Prozent auf alle deutschsprachigen Bücher zu gewähren.

Vertreter lokaler oder regionaler Schweizer Verlage können noch relativ ruhig bleiben. Marcel Steiner vom Appenzeller Verlag etwa verkauft nur acht Prozent seines Sortiments ins Euro-Ausland. Er rechnet daher zwar mit Einbussen, aber die seien «nicht existenzbedrohend».

Die Putzfrau und die Lektorin

Anders sieht es aus für Verlage, die in der Hochpreisinsel Schweiz Löhne und andere Kosten begleichen müssen, aber ihren Gewinn auf dem grossen deutschen Markt machen. Ein Verleger lässt sich auf der Seite des Branchendienstes Buchmarkt.de zitieren mit: «Meine Putzfrau verdient jetzt mehr als eine Lektorin in Deutschland» – und sagt damit auch etwas über das allgemein tiefe Lohnniveau der ganzen Branche.

Schwierig wird es etwa für die Zürcher Verlage Diogenes, Kein & Aber, den Unionsverlag oder Dörlemann. Diogenes erwirtschaftet 90 Prozent im Ausland. Stefan Fritsch, dort zuständig für Markt und Organisation, rechnet mit einem Umsatzrückgang für 2015 von 16 Prozent. Er will daher versuchen, die Preise im Euroland heraufzusetzen. «Aber die Deutschen sind extrem preissensibel», formuliert er vorsichtig. Peter Haag von Kein & Aber will das vermeiden und eher an den eigenen Kosten schrauben. Aber schon lassen viele Verlage in Deutschland drucken oder arbeiten mit deutschen Auslieferern zusammen. Auch die Auslieferer AVA in Affoltern und das Buchzentrum in Hägendorf stehen daher mit dem Rücken zur Wand.

Immer mehr Buch fürs Geld

Für Büchernarren klingen die Preissenkungen erst einmal vielversprechend. Es könnte in der ohnehin angeschlagenen Branche aber vor allem Amazon nützen und den kleineren Spielern im grossen Spiel die Luft zum Atmen nehmen. «Man darf in der ganzen Diskussion nicht vergessen, dass Bücher ohnehin schon sehr billig sind», sagt Marianne Sax in Frauenfeld. «Es gibt schon seit Jahrzehnten immer mehr Buch fürs Geld.»