WECHSEL: «Im Sprechtheater geht viel kaputt»

Mit dem Ende der letzten Spielzeit ging die neunjährige Ära des früheren Schauspielchefs Tim Kramer zu Ende. Seither ist er als freiberuflicher Regisseur, Schauspieler und Dozent tätig.

Brigitte Schmid-Gugler
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Der 51-jährige Tim Kramer war von 2007 bis 2016 Schauspielleiter am Theater St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der 51-jährige Tim Kramer war von 2007 bis 2016 Schauspielleiter am Theater St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

Tim Kramer inszeniert im Theater Liechtenstein das Erfolgsstück «Kunst» der französischen Dramatikerin Yasmina Reza. Im Gespräch äussert er sich zu seiner gegenwärtigen Situation und zu problematischen Tendenzen im Sprechtheater.

Tim Kramer, Sie sind nun bald ein Jahr vom Theater St. Gallen weg, wohnen aber bis heute in der Stadt. Wollten Sie kein neues festes Engagement?

Mich beschäftigt eher eine andere Frage: Nämlich die, wie und wohin sich das Sprechtheater im deutschen Sprachraum entwickelt. Und an welcher Stelle es konstruktiv ist, mitzuarbeiten. Das muss ich für mich erst klären.

Was finden Sie problematisch?

Die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren – hin zu interdisziplinären Formen – kann einerseits befruchtend und interessant sein. Andererseits besteht die Gefahr, dass der Kern des dramatischen Vorgangs verloren geht. Dafür, dass dies nicht passiert, habe ich mich in dreissig Jahren Theaterarbeit eingesetzt. Und zwar deshalb, weil ich den Schauspieler, die Schauspielerin als die zentralen Vermittler des Inhalts begreife und innerhalb eines dramatischen Konfliktes verstehe. Diesbezüglich wird an Sprechtheatern viel kaputt gemacht. Wenn dieser Trend anhält, weiss ich nicht, was ich dort noch zu suchen habe.

Während Ihrer Ära am Theater gab es doch auch inter­disziplinäre Produktionen. Nehmen wir «Katharina Knie».

In dem Zirkusstück von Carl Zuckmayer ist das Interdisziplinäre bereits angelegt. Ich darf mir zugute halten, dass gerade in diese Produktion Menschen kamen, die sonst nicht ins Theater gehen. Auch bei dem Paul-Grüninger-Stück und bei der Produktion mit den Arbeitslosen in der Lokremise war das der Fall. Das Publikum spürte, dass da etwas zur Diskussion gestellt und verhandelt wird, das ganz direkt mit ihnen zu tun hat und mit der Gesellschaft, in der wir leben. Letztlich geht es darum, dass man als Theatermacher den Mut hat, Dinge anzusprechen und umzusetzen, die genau in die Mitte der Gesellschaft zielen.

Löst Yasmina Rezas «Kunst» diesen Anspruch ein?

Ich glaube schon. Es geht ja auch nicht um Kunst, sondern um die Freundschaft zwischen drei Männern, die aus den Fugen zu ge­raten droht. Es handelt sich um einen von ganz wenigen Texten in der Literatur, die sich dezidiert mit dem Thema Freundschaft ­beschäftigen. Das Schöne ist ja, dass das Stück am Ende vorführt, was Freundschaft kann, nämlich, sich gegenseitig Halt zu geben – gerade auch in einer Situation der Unsicherheit. Und es zeigt auf, wie wichtig es ist, sich der männlichen Mittel zu entledigen, um weiterzukommen.

Wie lebt es sich als freiberuflicher Regisseur?

Es ist, was die Gesamtsituation betrifft, nicht einfach. Und die kontinuierliche Theaterarbeit, aus der sich wunderbare Freundschaften entwickelt haben, fehlt mir sehr.

Warum sind Sie in St. Gallen geblieben?

Einerseits deshalb, weil das Kind meiner Lebenspartnerin hier zur Schule geht, andererseits, weil ich noch nicht entschieden habe, wie es weitergehen soll beziehungsweise sich noch keine Lösung ergeben hat. Und wenn man nicht mehr in der Mühle steckt, ist St. Gallen gleich noch ein Stück schöner.

Was gefällt Ihnen hier?

Die Lebensqualität ist sehr hoch. Das kulturelle Angebot ist toll. Man kommt überall ins Plaudern. Doch ich beobachte leider auch, dass man durch alle gesellschaftlichen und politischen Lager hindurch im eigenen Saft kocht. Mehr Neugierde wäre gut. Alle unsere Errungenschaften wurzeln in der Neugierde.

Welche Stücke würden Sie gerne in Angriff nehmen?

«Michael Kohlhaas». Eine grossartige Geschichte. Auch für unsere Zeit. Als Schauspieler würde ich gerne den Alceste in «Der Menschenfeind» spielen.

Premiere: Fr, 17.3., 20 Uhr, TAK, Theater Liechtenstein, Schaan. Weitere Vorstellungen: Sa, 1.4.; Fr, 5.5.; Fr, 23.6.