Was vom Arabischen Frühling übrig geblieben ist

Mit der romantischen Komödie «Barakah Meets Barakah» und dem Beziehungsdrama «Hedi» starten im Kinok zwei Filme aus arabischen Ländern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide hinterfragen gesellschaftliche Konventionen.

Geri Krebs
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Bibi und Barakah am Strand. Für ihre Liebe müssen sie im repressiven Saudi-Arabien viele Konventionen aushebeln. Bild: Trigon Film

Bibi und Barakah am Strand. Für ihre Liebe müssen sie im repressiven Saudi-Arabien viele Konventionen aushebeln. Bild: Trigon Film

Es beginnt mit einem Paukenschlag: «Die Verpixelung, die Sie während dieses Films erfahren, ist völlig normal. Sie ist kein Kommentar auf die Zensur. Wir wiederholen: Sie ist kein Kommentar auf die Zensur.» Regisseur Mahmoud Sabbagh, 1983 in Dschidda, Saudi-Arabien, geboren, verspottet mit diesen Worten die gängige Praxis in seinem abgeschotteten Land, in (Video-)Filmen ausländischer Provenienz alles Verbotene zu verpixeln: Alkohol, Liebesszenen, nackte Haut.

Im Königreich Saudi-Arabien gibt es keine Kinos, und seit den 1960er-Jahren wurde nie mehr ein Kinospielfilm realisiert – bis 2012. Damals war die in Bahrain lebende saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al-Mansour in ihr Land zurückgekehrt, realisierte hier den Spiefilm «Wadjda». Das bewegende Drama handelte von einem neunjährigen Mädchen, das nichts als Fahrradfahren will, der Film war am Festival Venedig damals eine Sensation. Nun hat mit «Barakah Meets Barakah» zum zweiten Mal ein saudi-arabischer Film das Licht der Welt erblickt, und will man den Vergleich wagen zu «Wadjda», so ist Mahmoud Sabbaghs Boy-Meets-Girl-Film ein ganzes Stück frecher.

Absurde Geschlechtertrennung

Im Zentrum von «Barakah Meets Barakah» steht ein junger Beamter der Stadtverwaltung von Dschidda, der auf die Einhaltung all der absurden Verbote und Vorschriften zu achten hat, die das tägliche Leben in Saudi-Arabien regeln. So sieht man ihn etwa eine Gruppe junger Leute kontrollieren, die im Freien einen Videoclip aufnehmen. Er überprüft die Bewilligung, die ihm der Aufnahmeleiter entgegenstreckt – worauf ein Disput entsteht, ob die zaghaften Tanzschritte der züchtig verhüllten Protagonistin erlaubt sind oder nicht. Man merkt bald, dass dieser Mann nicht glücklich ist mit seinem Job, als Ausgleich dazu spielt er in einer Laientheatergruppe, sie proben Shakespeares «Hamlet» und Barakah spielt den Part der Ophelia. Das geht in Saudi-Arabien gar nicht anders, denn selbstverständlich dürften Männer niemals zusammen mit Frauen auf einer Theaterbühne stehen. Die reale Begegnung mit einer Frau erlebt Barakah dann im Verlauf seiner Arbeit in Gestalt der jungen Bibi. Sie arbeitet im Wäscheladen ihrer vermögenden Adoptivmutter und betätigt sich ausserdem in den Social Medias, wo sie über Mode bloggt, ein sehr gewagtes Unterfangen in Saudi-Arabien. Die darauf folgende Liebesgeschichte zwischen Barakah und Bibi handelt dann im wesentlichen von der Unmöglichkeit, einen erlaubten Ort zu finden, um sich zu treffen, und führt dabei zu immer absurderen Situationen – und man staunt, dass Sabbagh das alles in seiner Heimat filmen konnte.

Zerrissene Jugend in Tunesien

Vor über fünf Jahren hatte der Arabische Frühling begonnen, erst in Tunesien, kurz darauf in Ägypten, Libyen, Syrien und Jemen. Leute gingen auf die Strasse, begehrten auf gegen ihre Gewaltherrscher. Tunesien ist heute eine fragile Demokratie, doch seit einer Welle islamistischer Terroranschläge ist der für das Land lebenswichtige Tourismus zum Erliegen gekommen. Davon und wie sehr einengende Traditionen das Leben junger Leute unmöglich machen, handelt das Spielfilmdebüt «Hedi» von Mohamed Ben Attia (*1976). Der titelgebende junge Mann ist ein Autoverkäufer, der von seinem Chef auf Aquisitionstour in ein Tourismuszentrum am Meer geschickt wird. Hedi soll dort neue Kunden anwerben. In einem Hotel trifft er auf Rim, eine einige Jahre ältere Frau, die als Animatorin für die wenigen verbliebenen ausländischen Touristen arbeitet. Hedi und Rim verlieben sich ineinander, Hedi hat nie zuvor eine so selbstbewusste und unabhängige Frau getroffen. Diese Liebe wäre kein Problem, stünde Hedi nicht wenige Tage vor seiner Hochzeit, die seine verwitwete Mutter für ihn mit einer farblosen Frau arrangiert hat. Während Hedis Bruder sich dem Einfluss der Mutter durch Emigration nach Frankreich entzog – jetzt aber zur Heirat des Bruders brav in die Heimat zurückkehrt –, ist Hedi hin und her gerissen zwischen der Rolle als Muttersöhnchen und dem selbstbestimmten Leben. «Hedi» ist ein ruhiger, unspektakulärer Film, der dadurch umso eindringlicher etwas davon vermittelt, wie Menschen in einem Land leben, wo sich Illusionen von einem Aufbruch längst verloren haben.

«Barakah Meets Barakah» startet im Kinok Do, 15.9., 19.15 Uhr, «Hedi» eine Woche später.