Runzlige Meister

Was hält eine junge Besucherin vom ältesten Bild im Kunstmuseum Basel?

Wie bringt man einem jungen Menschen die Vorzüge mittelalterlicher Malerei bei? Ein Versuch im Kunstmuseum Basel

Naomi Gregoris
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Nürnberger Meister

Nürnberger Meister

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Vor ein paar Tagen besuchte ich mit einer Zwölfjährigen das Basler Kunstmuseum. Während wir an der Kasse standen, zählte sie auf, was sie alles sehen wollte: Videos, Bilder, Objekte, die Druckerpresse des afroamerikanischen Künstlers Theaster Gates, von der ich ihr erzählt hatte. «Also eigentlich alles, ausser die komischen Jesusbildli.» Die komischen Jesusbildli? «Die mit dem Gold und den Wunden und den weinenden Frauen. Die sind steeerbenslangweilig.» Sie wischte demonstrativ auf ihrem Smartphone herum, ein Vorgeschmack darauf, was mich erwarten würde, sollten wir diesem Jesus und seinen Bildli zu nahe kommen.

Was sie nicht wusste: Ich hatte sie hierhergebracht, um mit ihr das älteste Bild anzusehen, das momentan im Museum hängt. Zwar sind auf «Die Heiligen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist» von 1350 weder Wunden noch weinende Frauen ein Thema, aber sagen wir mal so: Es geht in die Richtung.

Ich hatte bisher vermieden, ihr von meinem Plan zu erzählen, aus Angst, sie würde sofort wieder kehrtmachen. Berechtigt, wie sich jetzt herausstellte. Also versuchte ich es pädagogisch. «Weisst du, so ein Bild aus dem 14. Jahrhundert ist wie ein Comic. Bei zeitgenössischer Kunst musst du immer selbst auf alles kommen. Sie ist immer auf der Meta-Ebene, sie zeigt dir nichts direkt. Alte Bilder hingegen musst du einfach nur lesen. Wie ein Buch! Du musst nur seine Sprache lernen!» Ich grinste zufrieden. Das klang gut. Meine Begleitung schaute vom Bildschirm auf. «Was bedeutet Meta-Ebene?»

Junger Mensch, alte Kunst

Ich gebe zu, mittelalterliche Malerei ist auf den ersten Blick nicht gerade aufregend. All die Figuren mit ausdruckslosen Gesichtern, die ungelenk in der Gegend rumstehen und ihr fehlendes Charisma mit herumliegenden Zeug kompensieren. Schafe, Tauben, Lilien, Lauten, Bücher, Schriftrollen – wären diese Bilder ein Instagram-Account, er würde gut laufen. So viel schöner Besitz!

Leider sind sie kein Instagram-Account und somit so gut wie inkompatibel mit den Interessen einer Zwölfjährigen. Trotzdem schien mir genau dieser Ansatz spannend: Kann ein Teenager von heute was mit einem 700-jährigen Altarbild anfangen? Die wohl jüngste Besucherin des Mittelaltertrakts mit dem wohl ältesten Bild des Mittelaltertrakts? Ausserdem hatte ich ein paar Tage zuvor ein erhellendes Gespräch mit dem Alte-Meister-Kurator geführt und allerhand erfahren, was ich jetzt in diesen jungen, unverbrauchten Kopf reinhämmern wollte. Frühe Bildung lohnt sich!

Erst mal musste ich den jungen Kopf aber dazu bringen, sich meinem Enthusiasmus zu fügen. Ich versuchte es mit einem Kompromiss: Ich darf ihr mein Lieblingsbild zeigen und sie mir ihres. Es durfte aus jedem Flügel des Museums stammen, auch aus dem Jesus-Raum, wie der Alte-Meister-Flügel ab jetzt passenderweise genannt wurde.

In Notsituationen darf man junge Menschen belügen, und ich entschied rasch, dass meine kunsthistorische Vermittlungspflicht über jeder Ehrlichkeit stehen sollte. Schamlos behauptete ich, mein liebstes Bild sei «Die Heiligen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist» von einem Nürnberger Meister. Sie schaute mich ungläubig an, sagte aber nichts. Der Punkt ging an mich.

Was siehst du?

Tatsächlich ist das kürzlich erworbene Altarbild eine spannende Sache. Man muss es nur richtig vermitteln. Ich setzte auf den Trick meines ehemaligen Kunstprofessors Gottfried Boehm, der seine Vor-Originalen-Seminare immer mit derselben Frage zu beginnen pflegte: «Was siehst du?»

Sie zögerte. «Ein Mann und eine Frau. Sie haben eine komische Scheibe hinter dem Kopf. Und die Frau sieht ein bisschen verliebt aus. Ist sie verliebt?» «Super Frage!» sagte ich und freute mich. Nagel auf den Kopf getroffen. Die meisten Menschen, die sich nicht auskennen, verwechseln Johannes mit einer Frau. Kein Wunder, er sieht auch wie eine aus. Was ihn sehr einfach zu erkennen macht: Das schmachtende Fräulein neben/hinter/um Jesus ist immer Johannes, der «Lieblingsjünger». Es soll sogar biblische Fan Fiction geben, in der er und Jesus heisse Abenteuer in der Wüste erleben, während die anderen Apostel selig schlafen. Die Versuchung Christi!

Hier ist Johannes aber für einmal nicht neben Jesus, sondern neben Johannes dem Täufer abgebildet, einem bärtigen Kerl mit teppichartigem Gewand aus Kamelhaar, der Jesus getauft haben soll. Klingt nach Geld, ist aber genau das Gegenteil: Johannes der Täufer ist ein asketischer Prophet, der in der Wüste lebt. Wie man mit einem Kamelhaarmantel die Hitze der Wüste ertragen soll, ist eine berechtigte Frage, aber der Kamelhaarmantel gilt nunmal als übliche Wüstengarderobe, also muss Johannes einen tragen.

Damit wir uns auch ganz sicher sein können, wer wir hier vor uns haben, tragen die beiden einen Nimbus, also einen Heiligenschein – das ist die Scheibe. Und ihre typischen Objekte, sogenannte «Attribute»: Der Täufer ein Lamm und der Evangelist ein Buch. Die Evangelisten tragen öfters Bücher mit sich herum, schliesslich sollen sie die Evangelien geschrieben haben, Geschichten im Neuen Testament, die von Jesus’ Abenteuern berichten. Im Buch von Johannes steht auf lateinisch: «In principio erat verbum» – «Im Anfang war das Wort» – der Anfang des Johannes-Evangeliums.

Auch das Lamm zeigt uns, welchen Bartträger (es gibt einige) wir hier vor uns haben: Johannes und das Babyschaf gehören zusammen, seit er in einer Vision ein geschlachtetes Lamm sieht, das ein siebenfach versiegeltes Buch aus der Hand Gottes nimmt.

«Ooook. Speziell.» Meine Begleitung runzelte die Stirn. Ich musste schnell reagieren. «Auf solchen Visionen gründet die ganze Bibel», erklärte ich, «die Menschen damals waren nicht ständig von irgendwelchen Smartphones abgelenkt. Die hatten Zeit, sich voll und ganz auf ihre Hirngespinste einzulassen. Was nicht bedeutet, dass es für sie weniger real war.» – «Und was bedeuten diese Fötzel zwischen den beiden?» – «Was denkst du?» – »Du hast was von Comic gesagt – vielleicht so was wie Sprechblasen?» Schlaues Mädchen. In der Tat, dozierte ich, sei das die Abbildung eines Gesprächs. «Du bist ein Schrein der Weisheit», sagt der eine, und der andere erwidert: «Du Erscheinung der ewigen Freude». Die sind sehr nett zueinander, was bei diesem Bild absolut Sinn macht, denn es dient dazu, die beiden zu verehren. Deshalb zeigt uns das Bild genau, wen wir hier vor uns haben. Damit man weiss, wen man hier eigentlich verehrt.

Lange verschollen

«Wer ist ‹man›? Die Nürnberger Meister?» Nein. Die Meisterwerkstadt hat ausgeführt, der Auftrag aber kam von den Nonnen, bei denen das Bild stehen sollte. Oder besser gesagt: Die Bilder. Johannes und Johannes gehören nämlich zu einem Altar, einer Art Schrank, den man aufmachen konnte. Sie sind Teil einer Tür!» – "Und was war hinter dieser Tür?» – «Eine grosse stehende Maria. Die ist aber verschwunden. Solche Altare sind heute nämlich sehr selten. Im 16. Jahrhundert hat man während des Bildersturms viele solcher Bilder zerstört.» – «Wieso?» – «Aus verschiedenen Gründen. Meistens beriefen sie sich auf das erste Gebot: ‹Du sollst dir kein Bildnis machen›. Andere sagten, das wahre Bild Gottes seien die Menschen, keine Abbildungen. Und wieder andere fanden, Bilder seien eine Verschwendung von Geld, das man besser für die Armen ausgeben sollte. Also entfernten sie Bilder aus Kirchen, verbrannten oder verschenkten sie.» – «Schade. Aber dieses hier hat überlebt!» – «Naja, der Altar wurde trotzdem zerlegt. Und es sind nur noch ein paar seiner Bilder übrig, die befinden sich verstreut in Deutschland und Schottland.» – «Aber wie kann man denn wissen, dass sie alle zusammengehören?»

Das hatte ich Kurator Bodo Brinkmann auch gefragt. Das Tafelbild war eine Schenkung eines Nachkommens des reichen, jüdischen Industriellen Harry Fuld, und als es Brinkmann zum ersten Mal sah, erkannte er es sofort. Knapp fünfzehn Jahre zuvor hatte er dasselbe Bild in einem Ausstellungskatalog gesehen – allerdings in Schwarzweiss und mit dem Verweis, es sei verschollen. In dem Katalog war die ursprüngliche Herkunft geklärt: Es gehörte den Nonnen des Klarissenklosters

in Nürnberg, ein Orden, der den Täufer und den Evangelisten Johannes verehrte. «Deshalb stehen die auch nebeneinander, was sie sonst nie tun.» – «Der
Johannes ist sonst immer beim Jesus! Und sieht aus wie ein Mädchen!» Bingo.

Ganz ehrlich: Diese Aussage erfüllte mich mit Stolz. Meine Begleitung hatte während unseres Besuchs kein einziges Mal auf ihr Smartphone geschaut. Beim Herauslaufen suchte sie in jedem Bild einen Johannes. «Da! Der Evangelist!» rief sie glücklich und zeigte auf eine Kreuzigung Christi von 1460, wo Johannes Jesus beweint. Weinende Frauen, Gold, Wunden, alles war da. Sie aber sah nur den Lieblingsjünger.

Das Bild "Die Heiligen Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist" ist im ersten Stock des Kunstmuseums zu sehen.