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Das unglaubliche Leben der Germaine Winterberg im Kunstmuseum Thurgau

Das Kunstmuseum Thurgau zeigt die grosse Lebenserzählung der heute 82-Jährigen Germaine Winterberg: Eine Frau, die mehr reiste, als sie bei ihrer Familie war, mit über 60 Jahren den Techno entdeckte und noch heute vor Energie strotzt.
Dieter Langhart
Die Baslerin Germaine Winterberg erlebt ihr eigenes Leben wieder in der Ausstellung des Kunstmuseums Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Die Baslerin Germaine Winterberg erlebt ihr eigenes Leben wieder in der Ausstellung des Kunstmuseums Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Was für eine Frau! Gross und kerzengerade, fast asketisch schlank, den Blick in die Ferne gerichtet wie immer schon, ein langes Leben lang. Ein Leben, das so gar nicht dem Frauenbild der Nachkriegsjahre entsprach. Die 1936 in Basel geborene Germaine Winterberg bereiste in den Fünfzigern und Sechzigern alleine den Süden Europas und den Maghreb, später Indien und halb Asien. Begeisterte sich für Kunsthandwerk und für die rituellen Gesänge und Tänze etwa der Sufis. Für die Textilien, die Germaine Winterberg heimbrachte, interessierte sich das Basler Völkerkundemuseum – und schickte die junge Frau gleich wieder los.

Künstlerischer Zugriff auf ein reiches Leben

Das Leben der heute 82-Jährigen zeigt das Kunstmuseum des Kantons Thurgau in einer dreischichtigen Ausstellung. «L’univers de Germaine» passe genau ins Programm, sagt Direktor Markus Landert. Denn zeitgleich ist die Malerin Helen Dahm zu sehen, eine Wegbereiterin der Schweizer Moderne. Die Thurgauerin habe sich nie sagen lassen, wie sie zu leben habe, sagt Landert, auch sie habe diese Sehnsucht nach Ferne und Spiritualität in sich gehabt – eine «perfekte Parallele».

Eine Frau bricht aus der ­bürgerlichen Welt aus

Mit ihrer Partnerin Sus Zwick und ihrem Bruder Hipp Mathis hat sich Muda Mathis des Lebens der Germaine Winterberg angenommen. In drei unterschiedlichen Räumen taucht der Besucher in das «Univers de Germaine» ein. Hipp Mathis ist Ethnologe und Dokumentarfilmer. In seinem Videoporträt fasst er Stationen und Statements aus Germaine Winterbergs Leben zusammen und geht streng chronologisch vor: Wie sie in Basel aufwächst, wie sie aus der bürgerlichen Welt ausbricht mit ihrem Mann Sigi.

«Sigi war nie eifersüchtig, wir führten eine offene Ehe sechs Jahrzente lang».

Germaine Winterberg (tanzend), Jugoslawien 1963. (Bild: Archiv Sigi und Germaine Winterberg)

Germaine Winterberg (tanzend), Jugoslawien 1963. (Bild: Archiv Sigi und Germaine Winterberg)

Wie die zweifache Mutter fast immer allein reist, oft nach Indien, und dazwischen in Basel Textilkunst unterrichtet und mit Sigi die Boutique «Indigo» führt. «Wir haben quasi die Rollen getauscht», sagt sie. «Sigi pflegte das Innen, ich das Aussen.»

Mit 62 Jahren zum ersten Mal LSD

Wie sie mit 60 in die Technoszene eintaucht und zu raven beginnt und mit 62 ein Erweckungserlebnis mit LSD hat. «Ich hatte immer Energie und Kraft in Hülle und Fülle», sagt Germaine Winterberg, «und ich hatte nie Angst vor neuen Erfahrungen.»

Die Performance- und Videokünstlerinnen Muda Mathis und Sus Zwick haben Erfahrung mit Oral-History-Projekten. Aus Germaine Winterbergs Erzählsträngen und Erinnerungssplittern haben sie ein Gesamtbild gewoben, das reich an Farben und Facetten ist, sehr direkt und persönlich; das alles zusammenrückt: Handwerk und Religion, Postkolonialismus, Zufall und Schicksal; das voll ist von glühenden Plädoyers, Lebensweisheiten und praktischen Ratschlägen.

Wie kraftvoll, schonungslos und doch voller Humor diese Frau erzählt – aus der Erinnerung, ohne je Tagebuch geführt zu haben. «Mir ist über das Projekt vieles klar geworden von meinem Leben.» Und man erkennt sogleich: Solche Erfahrungen wie ihre in den Fünfzigerjahren sind heute nicht mehr möglich.

Tanzt mit 82 noch Techno in der Küche

Hat Germaine Winterberg nie Angst gehabt unterwegs? Sie lacht. «Man kann ja nur sterben.» Hat sie etwas bereut in ihrem Leben? «Dass ich nie Englisch gelernt habe.» Sogar das Völkerkundemuseum Basel war erstaunt, wie gut sie dennoch Kontakte knüpfen konnte. «Mein Strassenenglisch hat mir geholfen, mit andern Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren», sagt sie. «Und manchmal sprach ich ein französisches Wort einfach englisch aus.»

Germaine Winterberg, Videostill, "L'univers de Germaine", 2017

Germaine Winterberg, Videostill, "L'univers de Germaine", 2017

Die dritte Herangehensweise inszeniert Germaine Winterberg als Performerin. Gemeinsam mit den beiden Künstlerinnen feiert sie eine Art Zeremonie aus tranceartiger Musik, Tanz und sinnlicher Performance samt einem Schuss Selbstironie. Ein wuchtiges Projekt ist «L’univers de Germaine» geworden aus zahlreichen Stunden Erzählungen. Man tauche ein, schwimme darin – oder nehme die Edition zur Hand, der ein Stick beigelegt ist, und erlebe dieses Leben mit.

Vernissage: So, 19.5., 11.30 Uhr; bis 8.3.2010

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