Was ein Garten auch noch ist

Der Künstler Ueli Torgler, ursprünglich aus Glarus stammend und seit dreissig Jahren in Hamburg lebend, arbeitet als Artist in Residence etappenweise im Sitterwerk an seinem «Lehmgarten». Erstaunlich, was dort so gedeiht.

Brigitte Schmid-Gugler
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Der Glarner Künstler Ueli Torgler in seinem «Lehmgarten», den er am Rand der Kunstgiesserei im Sitterwerk seit letztem Sommer anlegt. (Bild: Urs Bucher)

Der Glarner Künstler Ueli Torgler in seinem «Lehmgarten», den er am Rand der Kunstgiesserei im Sitterwerk seit letztem Sommer anlegt. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Lehm und Garten – zwei Begriffe, die sich schlecht zu vertragen scheinen. Wo doch Lehm so ein schwerfälliges, zähes, nicht gerade pflanzentaugliches, wenn auch durchaus brauchbares Baumaterial darstellt. Aber daraus einen Garten gestalten? Ueli Torgler muss es wissen. Er war, bevor er sich der Kunst zuwandte, und das ist ziemlich lange her, selber Gärtner – und: er ist es im herkömmlichen Sinne immer noch. Nur, dass er eben das, was man so gemeinhin unter Garten versteht, mit seinem künstlerischen Blick weiterdenkt.

Er geht den Besuchern voraus in einen Teil des Sitterwerks, den man als Gast in dem Areal sonst kaum betritt. Über den Seitenkanal der Sitter an den südlichen Rand, wo bald einmal die neue Giessereihalle zu stehen kommen sollte und, untermalt von Kuhgeläut, der zerlegte Lämmlerbrunnen auf der Wiese lümmelt. Nebenan sieht es aus wie auf einer Baustelle – oder noch besser, wie auf einer archäologischen Grabungsstätte.

Bauen wie ein Gärtner

Da, wo sich früher, es war vermutlich um die Zeit der alten Färberei herum, ein Gemüsebeet befand, hat Ueli Torgler die ursprünglich vertikal gesetzten Randsteine wieder schön aufgerichtet und darin im vergangenen Jahr erste Versuche lanciert. Um seine Labors herum goss er ein Betonplateau, damit man ohne Lehmklumpen an den Schuhen um die Anlage herum- gehen kann. In deren Zentrum befindet sich das nur noch als Metallgerüst vorhandene Gewächshaus. Hier baut der Künstler an seinem «Lehmgarten». Er möchte ihn modellieren, wie ein Gärtner seinen Garten anlegt und bepflanzt, und dabei beobachten, wie er sich im Verlauf der Jahreszeiten verändert und entwickelt. Zu sehen sind Erhebungen, höhlenartige Einbuchtungen, aus Ziegelscherben angedeutete «Besiedlungen», eine grosse Pfütze, Trockengebiete. Archaisch anmutende «Sandkastenspiele», die von der ältesten Kultur des Bauens (Lehmbehausungen) erzählen. Doch Ueli Torglers künstlerische Lehm-Forschungstätigkeit dehnt sich bis zum Gilgamesch-Epos, niedergeschrieben auf Tontafeln.

Es braucht Geduld und Zeit

Er hat sein «Büro» in einem Blachenzelt am Rande des «Lehmgartens» eingerichtet, hebt Lehmklumpen aus Kübeln, teilweise bereits angereichert, teilweise «roh» aus der Lehmgrube gehoben, und erklärt deren Zusammensetzung. Vor einem Jahr hatte er, der Einladung von Felix Lehner folgend, mit dem er seit ihrer gemeinsamen Zeit in Beinwil befreundet ist, seinen «Lehmgarten» in Angriff genommen. Es sollte, musste ein Langzeitprojekt werden, denn Torglers Absicht gilt dem Prozesshaften, wie es zu jedem kultivierten, von Menschenhand «geordneten» Garten gehört. «Man muss warten können und die Bedingungen kennen», sagt der Künstler.

Im Sitterwerk beschaute er sich das Terrain und wurde im noch nicht überbauten Brachland fündig für sein Projekt, das, wie er unterstreicht, «auch ohne festgelegte Detailplanung keinesfalls beliebig ist». Die Lehmhaufen, seinerzeit von einem ETH-Forschungsprojekt als Teil der Materialstudien vor Ort liegengelassen, taten ihren Teil dazu: Ueli Torgler, ein Künstler der Gattung zigerschlitziger Erd-Erkunder, war begeistert.

Moose und Wurmballen

Er setzt seinen «Lehmgarten» zeitweise der Witterung aus, so dass gewisse Stellen erodieren, andere sich verfestigen und von Pflanzen neu besiedelt werden können. Im Mooscontainer, der sich seit dem Moos-Projekt des chinesischen Künstlers Paul Chan auf dem Areal des Sitterwerks befindet, forscht er an Lehm-Moos-Kulturen herum. Der feuchte Raum lässt eine Vielfalt von Moosarten spriessen – Torgler übernimmt auch hier den Part des beobachtenden und eingreifenden «Gärtners». Er stammt aus einer Glarner Gartenbau-Dynastie und besuchte nach seiner Lehre den Vorkurs, belegte danach für zwei Jahre die Bildhauerklasse in Luzern und zog schliesslich nach Hamburg. Dort begann er als freier Künstler zu arbeiten, nicht, ohne die Gartengestaltung ganz aus den Augen zu verlieren. «Wurmgold» nennt er denn auch eine frühere Arbeit, einen in Originalgrösse aus Gold gegossenen Wurmballen, den er im Sitterwerk im Kleinformat als Multiple 2, gegossen aus feuervergoldetem Messing, herausbringt.

Di, 1.9., 18 Uhr, gibt Ueli Torgler im Sitterwerk Einblick in sein Schaffen.