Was die Schweiz zusammenhält

Die Schweiz ist auf den ersten Blick ein unlogisches Gebilde. Der Berner Politologe Michael Hermann zeigt nun aber in seinem neuen Buch, dass gerade die vielschichtigen Konflikte sie immer wieder zusammenschweissen.

Arno Renggli
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Nationaler Geist: Was sich gerne in schönen Bräuchen feiert, entsteht in Tat und Wahrheit aus Konflikten. (Bild: Ralph Ribi)

Nationaler Geist: Was sich gerne in schönen Bräuchen feiert, entsteht in Tat und Wahrheit aus Konflikten. (Bild: Ralph Ribi)

Ohne eindeutige kulturelle und ethnische Basis wird die Schweiz oft als Willensnation bezeichnet. Aber trotz ihrer Vielfalt samt ebenso vielfältiger Konflikte scheint der Zusammenhalt ohne allzu mühsame Beziehungsarbeit zu funktionieren. Diesem Phänomen geht Michael Hermann in seinem Buch «Was die Schweiz zusammenhält» nach. Entstanden ist eine scharfsinnige, erhellende Tour durch Politik und Gesellschaft unseres Landes, über Stadt und Land, mit Blick auf gestern und heute.

Gegenpol zum Nationalismus

Die moderne Schweiz entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Phase des ethnischen Nationalismus ringsum. Diesem Zeitgeist widerstand die Schweiz als Vielvölkerstaat. So ging das Tessin nicht etwa an Italien verloren, obwohl es von dort starke derartige Tendenzen gab. Und im Unterschied zu anderen Ländern oder Reichen führte die fehlende ethnische Homogenität nicht zum Zerfall. Die Schweiz zeigt, dass eine Nation auch auf Institutionen, gemeinsamen Erfahrungen und eben dem Willen basieren kann.

Hermann schreibt: «Die Schweiz existiert und verkörpert eine zunächst unsichtbare Idee, die sie selber mit Inhalten füllen muss.» Dabei spielen Narrative und Mythen eine wichtige Rolle. Eine geographische Basis sei das Gebirge, eine ideologische etwa die Neutralität.

Zum Beispiel das Réduit

Hermann zeigt, wie etwa General Guisan und seine Erfindung des Réduits 1940 eine direkte Fortsetzung der Widerstandsgeschichte von 1291 darstellte. Dies, obwohl da die grösste Kriegsgefahr bereits vorüber war. Aber zu diesem Zeitpunkt war ein Narrativ der Stärke für die Schweiz wichtig. Es passte auch zum Umstand, dass 1291 in unseren Geschichten bis heute eine viel grössere Rolle spielt als die bedeutendere Staatsgründung von 1848.

Dass unser Land den Zweiten Weltkrieg praktisch unbeschadet überstand, aus vielfältigen und umstrittenen Gründen, kräftigte den Glauben, ein Sonderfall zu sein. Das bestärkte auch das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Stabiler Flickenteppich

Hermann attestiert der Schweiz eine Mischung aus Überlegenheitsgefühl und Minderwertigkeitskomplex gegenüber den viel grösseren Nachbarn. Die Schweizer Mythen und Überzeugungen schienen in den letzten Jahrzehnten zu verblassen, der Bergier-Bericht beerdigte 1990 die Réduit-Idee. Laut Hermann zeigte indes die Schulden- und Europakrise ab 2010, dass der Fundus früherer Narrative im Bedarfsfall rasch wieder aktivierbar ist. Und der Kampf um die Deutungshoheit war gerade letztes Jahr wieder aktuell, anlässlich der «Jubiläen» von Morgarten und Marignano.

Natürlich sind es nicht nur Mythen, Selbstbilder und Abgrenzungsrhetorik, welche die Schweiz bis heute zusammenhalten. Michael Hermann ortet ein feinmaschiges Gewebe. Erstaunlicherweise seien es gerade die Gegensätze und Konflikte, die jenes ausmachen.

Entscheidend dabei sei, dass die politischen, die wirtschaftlichen, die religiös-weltanschaulichen, die sprachlich-ethnischen oder die städtisch-ländlichen Gegensätze praktisch nirgends miteinander übereinstimmen. Dies führt, verstärkt noch durch den Föderalismus, zu einem bunten Flickenteppich, in welchem kaum ein Gegensatz den anderen unterstützt. Hermann zeigt als Gegenbeispiel Belgien, wo die Zweigeteiltheit des Landes auf jeder Ebene fast identisch verläuft und dadurch stetig verschärft wird.

Nicht nur der «Röstigraben»

Die Schweiz besteht also aus vielen Gegensätzen und Konflikten, aber die Parteien und Allianzen sind immer wieder anders zusammengesetzt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Erste Weltkrieg, wo Loyalitäten der Deutsch- und Westschweiz gegenüber Deutschland beziehungsweise Frankreich die Schweiz einer Zerreissprobe unterzogen. Ausgerechnet die von der Oktoberrevolution inspirierten sozialen Unruhen mit dem Generalstreik von 1918 wirkten stabilisierend, weil sie mit ihren Gegensätzen die kultur-sprachliche Frontlinie durchkreuzten.

Zwar tauchte in den 1970er-Jahren der Begriff «Röstigraben» auf. Und das Gefühl der Romands, der Deutschschweizer Mehrheit ausgeliefert zu sein, kulminierte bei der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum von 1992, als die meisten Westschweizer für den Beitritt waren. Aber auch dies konnte den Zusammenhalt der Schweiz nie gefährden. Nicht zuletzt, weil andere «Gräben» existieren, etwa die Brünig-Napf-Reuss-Linie, die sich etwa in der Entscheidung zwischen Frühenglisch und Frühfranzösisch zeigt. Oder der Konflikt zum Finanzausgleich, wo es mit Genf und Waadt auch zwei Westschweizer Geberkantone gibt.

«Es ist auch der Reichtum»

Es ist also nicht der Wille, der die Schweiz zusammenhält. Sondern ein vielfältiges «Gewebe, das Unterschiede und Konflikte zulässt, weil diese sich nicht stets an den gleichen Bruchstellen treffen», wie Hermann schreibt. Nüchtern hält er aber fest: «Es ist auch der Reichtum, der die Schweiz zusammenhält.» Und: «Die Schweiz existiert, weil sie funktioniert.»

In einem längeren Kapitel geht Michael Hermann auf den Gegensatz Stadt/Land ein, der auch stabilisierend ist, weil er etwa den Sprachgrenzen zuwiderläuft. Hermann zeigt, dass das «epische Duell» keinen eindeutigen Sieger hat. So sei heute das soziale Kapital der Landschaft nicht mehr so überlegen, zumal auch hier selbst gewählte Freundeskreise gegenüber festen dörflichen Strukturen an Bedeutung gewännen. Und in urbanen Gegenden gebe es neue Formen von sozialem Kitt, zu dem auch ein Fitnessclub gehören könne.

Mahnende Worte auch ans Volk

In der Politik diagnostiziert Hermann nach Jahrzehnten hoch gehaltener Konkordanz eine zunehmende Polarisierung mit Parteien, welche intern mehr Wert auf geschlossene Fronten legen. Die Wahlen von 2015 hätten mit der Mehrheit von Mitte-Rechts zu einer Klärung der Verhältnisse geführt. Diese Mehrheit habe nun einen Anreiz, mehr Verantwortung zu übernehmen, woran sie sich bei den nächsten Wahlen messen lassen müsse. Das Wiedererwachen einer breit abgestützten Verantwortungskultur, welche die Schweiz einst stark gemacht habe, sei dringend nötig.

Michael Hermann nimmt aber auch das Volk selber in die Pflicht. Auch es müsse die politischen Strukturen respektieren. So geschehen, als es die Durchsetzungs-Initiative, welche darauf abgezielt habe, das Parlament zu erniedrigen, abgelehnt habe. Das klassische politische System der Schweiz sei gerade dank dem Prinzip der Machtbegrenzung und der föderalistischen Einbindung einer Vielfalt von Sichtweisen weiterhin von enormem Wert.

Michael Hermann: Was die Schweiz zusammenhält, Zytglogge 2016, 211 S., ca. Fr. 32.–

Michael Hermann: Was die Schweiz zusammenhält, Zytglogge 2016, 211 S., ca. Fr. 32.–

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