Was «Das Buch» in St. Gallen mit Erlösung zu tun hat

Podium

Christoph Keller
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Unlängst ist in der amerikanischen Universitätsstadt Mankato, Minnesota, die Installation «Scaffold» des weissen Künstlers Sam Durant entfernt worden. Die massstabgetreue Replik einer Hinrichtungsstätte mit sieben Galgen ist eine begehbare Skulptur: Erwachsene sollten mit der blutigen Geschichte, die sie beschwört, «interagieren», Kinder lud sie zum Spielen ein. «Scaffold» stand im Skulpturgarten des Walker Art Center, auf ehemaligem Dakota-Land, in der Nähe des Originals, wo 1862 38 Dakota erhängt wurden. Es ist die grösste Massenhinrichtung in der US-Geschichte.

Was den Weissen künstlerische Erbauung, Geschichtsunterricht und gar Kinderspielplatz war, weckte bei den Dakota alte Ängste: Für sie stand da wieder die Vorrichtung, die ihre Vorfahren getötet hat. Sie sahen in der Hinrichtungsstätte einen Ausdruck der Vorherrschaft der Weissen. Reicht es nicht, die Urbevölkerung praktisch ausgerottet zu haben, muss man sich auch noch deren Geschichte aneignen?

In St. Gallen steht die Installation «Das Buch». Derzeit ist sie bei der Bibliothek der Universität zu Gast, dann kommt sie an drei weitere «buchnahe» Plätze im öffentlichen Raum. Das Werk von Josef Geier ist eine 6 m hohe, 22 Tonnen schwere, begehbare Skulptur in Buchform. Sie wurde von der evangelischen Landeskirche und Allianz zum 500. Jahr der Reformation in Auftrag gegeben. «Das Buch», das sich natürlich auf das Buch der Bücher bezieht, stellt nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen hohen moralischen Anspruch. Im Innern des «Buches» befinden sich 14 Stufen, die laut Künstler den Leidensweg Jesu symbolisieren. Wer kann, betritt das Objekt, wird von Dunkelheit umhüllt – Jammertal –, gelangt aber dank Muskelkraft stufenweise ins Licht. Wer nicht kann, nun, der bleibt im Dunkeln. Keine Erlösung für Menschen im Rollstuhl, mit einem Rollator, für viele Betagte u. v. a. (Im Rollstuhl ist einem gar der Weg zur Installation vom Gehweg her mit einem Bordstein versperrt.)

Hier steht ein Werk im öffentlichen Raum, das das Gefühl der Erlösung verspricht, tatsächlich aber Menschen auf Grund ihrer physischen Natur in solche einteilt, die in den Himmel gelangen und solche, die es nicht können. Wie kann man so gedankenlos sein? Das Buch steht für den offenen Zugang zu andern Leben, andern Welten, andern Kulturen. Hier aber wird es zum Symbol der Ausgrenzung: Stufen statt Seiten. Josef Geiers «Buch» teilt Menschen wie mir mit: nicht für dich. Die Sprache dieses minimalistischen Werks ist mittelalterlich: Du, Krüppel, bist hier nicht willkommen. Ist das wirklich die Absicht? Ich habe versucht, es herauszufinden. Als Antwort auf die Berichterstattung im «St. Galler Tagblatt» über die (geschlossene) Eröffnungsfeier der Installation habe ich, auch im «St. Galler Tagblatt», ein Gedicht veröffentlicht, in dem ich auf die Problematik der Aussage dieses Werkes aufmerksam gemacht habe. Obwohl sich doch Kirche wie Künstler Reaktionen wünschen, bekam ich keine.

Nachdem der Dialog allzu lange mein Monolog geblieben war, sandte ich Briefe an die Universität St. Gallen, die evangelische Landeskirche, die Evangelische Allianz und Josef Geier:«Um die Symbolik Ihres Werkes aufzunehmen: Als jemand, der mit einer progressiven Gehbehinderung, die schliesslich in den Rollstuhl geführt hat, aufgewachsen ist, waren mir Bücher stets der wichtigste Weg ins Licht. Bücher sind gerade für uns Menschen mit einer Behinderungdie vielleicht idealste Weise, mit unserer aussergewöhnlichen Art zu leben, umzugehen. Das alles wird uns durch Ihr ‹Buch› symbolisch genommen.» Auf meine Bitte um eine Stellungnahme reagierten die Universität, die sich mit mir zu Gesprächen treffen will, aber natürlich erst nach den Ferien, wie auch die evangelischen Institutionen. Letztere geben mir überraschend recht; noch überraschender aber ist, dass man mir mitteilt, man habe sich bewusst gegen einen «behindertengerechten Zugang» entschieden, weil das Werk ja nur temporär – zwei Jahre lang – zu sehen sei. Der bibelfeste Künstler selber antwortete nicht. Ihm möchte ich mit Matthäus 24:40, natürlich in Luthers Übersetzung, zurufen: «Und der König wird antworten […]: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.»

Sam Durant sah schliesslich ein, dass er den Dakota mit seinem Werk enormen psychischen Schmerz zugefügt hatte. Die Lösung, die man im Dialog fand, sieht so aus: Eine Firma, die den Dakota gehört, hat die Installation abgebrochen, die Holzteile wurden in einer Dakota-Zeremonie feierlich dem Feuer übergeben. Auch das Walker Art Center begriff: Es hat bei einem Dakota-Künstler eine neue Skulptur in Auftrag gegeben. Ob man in St. Gallen auch zu dieser Einsicht kommen wird? Ich stelle mir vor: Mit Hilfe von St. Galler/innen brechen Menschen, die nicht gehen können, «Das Buch» zeremoniell ab. (Gerade die Kirche hat ja ein offenes Ohr für Zeremonien.) Statt es jedoch dem Feuer zu übergeben, wird es Holzplatte für Holzplatte, Stahlverstrebung für Stahlverstrebung umfunktioniert. Allmählich wird aus den begehbaren Stufen ein begeh- und berollbarer Pfad, einer, der genauso durch die Dunkelheit ins Licht führen wird. Nichts von der Aussage des Kunstwerkes ist verloren gegangen, doch können nun alle daran teilnehmen. Was für eine – spirituelle – Kunstperformance das wäre!

Christoph Keller