«Was darf Satire? Alles!»

Kurt Tucholsky war ein schillernder Mensch mit vielen Berufen. Als Satiriker und Romancier wird er geliebt. Als Journalist schrieb er unermüdlich gegen Machtmissbrauch und Militarismus an. Heute wäre er 125 Jahre alt geworden.

Sabine Göttel & Olaf Neumann
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Selten sieht man ihn so übermütig: Kurt Tucholsky lieferte viele der Sprüche, die dieser Tage zitiert werden. (Bild: edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/81000112)

Selten sieht man ihn so übermütig: Kurt Tucholsky lieferte viele der Sprüche, die dieser Tage zitiert werden. (Bild: edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/81000112)

1921 schrieb Kurt Tucholsky in «Die Verteidigung des Vaterlandes»: «Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.» Zeit seines Lebens hat er den Mut gehabt, «Nein» zu sagen, liess sich auch Provokation nicht verbieten. Auch der dieser Tage vielzitierte Satz «Was darf Satire? Alles» ist von Kurt Tucholsky.

Selbstmord der Demokratie

Zwei Jahre nach Erscheinen seines berühmtesten Romans «Schloss Gripsholm» übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Tucholsky, der bereits 1930 nach Schweden emigriert war, konnte den Selbstmord der Demokratie nur noch beschreiben, aber nicht mehr verhindern.

Kurt Tucholsky wird am 9. Januar 1890 in Berlin geboren. Zeit seines Lebens leidet er unter dem frühen Verlust seines Vaters und unter der Lieblosigkeit seiner Mutter. Diese Erfahrungen sind Antriebskraft für seine geistige Eigenständigkeit und Kreativität. Mit einem Artikel gegen die Zensurbestrebungen im Kaiserreich beginnt seine journalistische Laufbahn. Das Ziel seiner scharf formulierten Polemiken sind Bünzli, korrupte Beamte und Leute, die sich mit Betrügereien durchschlagen wollen.

«Nie wieder Krieg»

Bald schreibt der promovierte Jurist auch Theater-, Buch- und Filmkritiken, Glossen und Satiren, in denen er sich gegen die Todesstrafe ausspricht oder Politiker aufs Korn nimmt. Zu seinen zentralen Themen werden Militär und Krieg. Gegen die «Massenschlächterei» des heraufziehenden Ersten Weltkriegs fordert er: «Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!/Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!/Wenn ihr nur wollt: Bei euch steht der Sieg!/– Nie wieder Krieg –!»

Wie viele seiner Generation kehrt Tucholsky an Leib und Seele verwundet aus dem Krieg heim. Aufgrund eines stattlichen Erbes ist der überzeugte Pazifist in der Lage, das Berliner Nachtleben zu geniessen und ausgedehnte Reisen zu unternehmen. Doch der Autor ist ein empfindsamer und verletzlicher Mensch, ein tragischer Clown, in dem es aber, wie er Claire Goll einmal anvertraute, «innen weint». Vor allem der inflationäre Gebrauch, den Tucholsky von Namen macht, kündet von dieser Zerrissenheit – seine bekanntesten Decknamen sind Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger und Kaspar Hauser. Auch gegenüber Freunden und in seinen zahlreichen Beziehungen zu Frauen benutzt er Pseudonyme; erfindet sogar einen «Sohn» mit Namen Ludolf, den er in krakeliger Kinderschrift Briefe schreiben lässt.

Der Freigeist und Querdenker verfasst politische Leitartikel, Gerichtsreportagen, Glossen und Satiren, Gedichte und Buchbesprechungen. Kabarettbühnen beliefert er mit Liedern und Couplets; schreibt brillante Conférences, pointierte Sketche, kess-erotische Couplets und klassenkämpferische Chansons.

Streitbarer politischer Chronist

Vor allem aber begleitet Kurt Tucholsky die erste deutsche Demokratie als streitbarer politischer Chronist. Unerbittlich prangert er den nationalistisch-militaristischen Geist an, der den Untergang des Kaiserreichs unbeschadet überdauert hat. Er ist Prozessbeobachter in Verfahren gegen die Mörder pazifistischer und liberaler Politiker wie Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Walther Rathenau und klärt die Öffentlichkeit darüber auf, dass die Richter in aller Regel die nationalistischen Ansichten der Angeklagten teilen und mit ihnen sympathisieren.

Doch so gnadenlos Tucholsky andere auf Fehlverhalten hinweist, so unerbittlich geht er auch mit sich selbst ins Gericht. Immer wieder stellt er Sinn und Zweck seiner journalistischen Arbeit in Frage; immer öfter kulminieren seine Zweifel in schweren Depressionen.

Korrespondent in Paris

Um seinem Weltschmerz zu entfliehen, verlässt Kurt Tucholsky das von der Inflation geschüttelte «Gefängnis Deutschland» und lässt sich 1924 als Korrespondent in Paris nieder. Der Kampf für die deutsch-französische Verständigung wird zu seiner Herzensangelegenheit; mit seinem Engagement für die «Vereinigten Staaten von Europa» kann Tucholsky als ein Pionier der europäischen Einheit gelten. 1930 zieht er nach Schweden; zwei Jahre später wird ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.

In seinen letzten Jahren quält ihn vor allem ein persönliches Versäumnis. Es steht im Zusammenhang mit dem Satz «Soldaten sind Mörder», mit dem er bis heute von Bewunderern und Gegnern identifiziert wird. Wegen dieses Ausspruchs, den er in der «Weltbühne» veröffentlichte, wird deren Verleger Carl von Ossietzky verhaftet. Tucholsky reist nicht nach Deutschland, um seinem Weggefährten beizustehen: «Ich habe damals versagt, es war ein Gemisch aus Faulheit, Feigheit, Ekel, Verachtung.» Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky stirbt 1938 im Alter von 48 Jahren an den Folgen seiner KZ-Aufenthalte.

Bücher auf dem Scheiterhaufen

1933 werden Tucholskys Bücher wie die Ossietzkys auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. In Deutschland hat er Schreibverbot; zudem plagt ihn eine chronische Nasen- und Atemwegskrankheit. Er hat kaum noch Kraft zum Leben und Arbeiten. Kurt Tucholsky stirbt am 21. Dezember 1935 in einem Göteborger Krankenhaus an einer Überdosis Schlaftabletten. Man vermutete, dass es sich um Selbstmord handelte; doch heute wird auch Suizid aus Versehen in Betracht gezogen. Er wird nahe Schloss Gripsholm beigesetzt. Für sein Pseudonym Ignaz Wrobel hatte er 1923 als Grabspruch vorgeschlagen: «Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – gute Nacht!»