Was bleibt vom Leben

LESBAR LEBEN

Bettina Kugler
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U1_978-3-498-05803-6.indd (Bild: Bettina Kugler)

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LESBAR LEBEN

Früher oder später landet auch das Feuilleton der «Zeit» im Altpapier – die Interviews von Literaturredaktorin Iris Radisch allerdings sind meist zu schade zum Wegwerfen. Zumal, wenn sie, wie diese 17 zwischen Herbst 1990 und Frühjahr 2015 dokumentierten Gespräche, um letzte und vorletzte Dinge kreisen und von sehr persönlichen Begegnungen mit grossen Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts erzählen: mit Literaturnobelpreisträgern wie Claude Simon, Patrick Modiano und Imre Kertész, mit George Tabori, Friederike Mayröcker und Ilse Aichinger, mit Marcel Reich-Ranicki und – ein besonderer Genuss – mit den Titanen Grass und Walser, zu Hause bei Günter Grass. Im Mittelpunkt stehen der Lebensrückblick, die Qualen und Wonnen des Altseins, das andere Zeitgefühl und die, wie Martin Walser es formuliert, «Verlängerung des Lebens in die Kunst».

Iris Radisch: Die letzten Dinge. Lebensendgespräche, Rowohlt 2015, 300 S., Fr. 26.90

Vergänglichkeit zulassen

«Noch nie waren Menschen dem Tod so hoffnungslos ausgeliefert wie heute», davon sind Reimer Gronemeyer und Andreas Heller überzeugt. Beide sind Soziologen und Theologen und befassen sich seit Jahren mit den Veränderungen im Pflege- und Hospizbereich. In ihrer Streitschrift «In Ruhe sterben» warnen sie vor Technik, Wirtschaftlichkeitsdenken und Bürokratie am Lebensende, vor einem «qualitätskontrollierten Sterben». Sterben und Tod, so plädieren die Autoren, gehören zum Leben: Statt das verbreitete Multioptionsdilemma noch auf den «perfekten Tod» auszudehnen, täten wir gut daran, den Gedanken an die Vergänglichkeit in unseren Alltag zu integrieren. In ihrer Analyse gegenwärtiger Sterbeformen – der Zulauf von Sterbehilfeorganisationen ist dabei nur ein Aspekt unter vielen – scheuen Gronemeyer und Heller nicht vor dem Wort «Euthanasie» zurück und geben zu bedenken: «Der Druck auf Selbstentsorgung steigt, je deutlicher das Ideal der Fitness, der Jugendlichkeit und der Gesundheit unser Empfinden beherrscht und jeden, der pflegebedürftig oder sterbend ist, zum Outcast macht.»

Reimer Gronemeyer, Andreas Heller: In Ruhe sterben. Pattloch 2014, 304 S., Fr. 28.90

Bild: Bettina Kugler

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