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Was bleibt vom Flügelschlag der Utopie

Wer ist Dr. Armand Gruber? Für Mario ein Mensch, an dem er sich orientiert und reibt. Der strenge, unnahbare Deutschlehrer, der ihm einmal zu nahe kommt, als er die literarischen Schreibversuche seines Lieblingsschülers brüsk ablehnt. Dessen Schwiegersohn Mario später wird.
Bettina Kugler
Lukas Hartmann: Auf beiden Seiten, Diogenes 2015, 331 S., Fr. 33.–

Lukas Hartmann: Auf beiden Seiten, Diogenes 2015, 331 S., Fr. 33.–

Wer ist Dr. Armand Gruber? Für Mario ein Mensch, an dem er sich orientiert und reibt. Der strenge, unnahbare Deutschlehrer, der ihm einmal zu nahe kommt, als er die literarischen Schreibversuche seines Lieblingsschülers brüsk ablehnt. Dessen Schwiegersohn Mario später wird. Der selbst sein Leben lang an einer uferlosen Biographie des Dichters Adalbert Stifter schreibt. Als Gruber mit Kehlenschnitt tot im Altersheim gefunden wird, liegt das Manuskript verstreut in seinem Zimmer, zerrissen in kleine Papierfetzen.

«Keiner hat mich stärker beeinflusst als er, von niemandem musste ich mich so entschieden distanzieren wie von ihm», schreibt Mario in einem ersten Anlauf, das Leben Grubers in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Am Ende wird er mit seiner Ex-Frau Bettina sogar beginnen, mühsam das Stifter-Manuskript zusammenzupuzzlen. Und aufgeben. Auf seinen Sohn hören, der den Grossvater «ein Buch mit sieben Siegeln» sein lässt.

Endstadium einer Diktatur

Aus Grubers gut verborgenem Doppelleben – in den Jahrzehnten des Kalten Krieges war er Mitglied der geheimen Widerstandsorganisation P-26 – lässt sich viel über eine Zeit erfahren, die im allgemeinen Bewusstsein mit dem Fall der Mauer vor 25 Jahren geradezu restlos ausgelöscht wurde.

Die Ereignisse im November 1989 bilden eine unsichtbare Achse in Lukas Hartmanns heute erscheinendem neuen Roman «Auf beiden Seiten». Aus dieser historischen «Glühzone», ihrer einzigartigen Umbruchs-euphorie bezieht das Buch seine Kraft, auch wenn die Wende nur einen episodischen Teil des Romans ausmacht.

Kurz zuvor hat Mario als Reporter in Ostberlin das Endstadium einer Diktatur besichtigt – was keiner der Künstler und Funktionäre, die er dort trifft und interviewt, ahnen kann. Den Mauerfall dagegen erlebt er nur aus Distanz, nachts vor dem Fernseher.

Hartmann interessiert sich für die auf den ersten Blick unspektakulär erscheinenden, ideologisch starr gefügten Jahre des Kalten Kriegs in der Schweiz und ihre Auswirkungen. Er bewegt sich in steten Perspektivenwechseln «auf beiden Seiten» – ohne Partei zu ergreifen.

Die Sprachlosigkeit der Väter

Zu Wort kommen zu unterschiedlichen Zeitpunkten neben Dr. phil. Gruber vor allem Mario und Bettina. Ausserdem Karina, ihre Freundin, die als Tochter des Hauswarts beim Geheimdienst die diffuse Paranoia jahrelang hautnah miterlebt. Der Generationenkonflikt erhält durch Grubers geheime Tätigkeit zusätzlich Sprengstoff und Brisanz. In erster Linie aber ist «Auf beiden Seiten» ein berührender, klug angelegter Roman über die Beziehung zu zwei Vätern. Über Liebe, die keine Worte findet, und alles, was unerkannt und unverstanden bleibt am anderen.

Lukas Hartmann liest am 20.4. in der Kellerbühne St. Gallen.

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