Ausstellung
Was bedeutet es, schwarz zu sein?

Das Kunstmuseum Basel zeigt Theaster Gates – und eröffnet damit einen längst fälligen Diskurs.

Naomi Gregoris
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In den Augen von Theaster Gates auch eine «Black Madonna»: Die Popsängerin Corinne Bailey Rae.

In den Augen von Theaster Gates auch eine «Black Madonna»: Die Popsängerin Corinne Bailey Rae.

david sampson

«So», Theaster Gates faltet seine Hände. «Bevor ihr geht, möchte ich, dass ihr den walking prayer macht. Eine Reihe reicht, solange ihr es laut sagt. Lasst die Wörter euren Mund verlassen. Sagt es heraus. Und hört zu. Thank you!» Der Künstler aus Chicago steht im Kunstmuseum Basel Gegenwart und hat gerade anderthalb Stunden lang von seiner Ausstellung erzählt, die hier und im Hauptbau aufgebaut ist.

Mit «walking prayer» meint er das lange Regal mit schwarzen Büchern, die bibelgleich an der Wand hinter ihm aufgereiht sind. Über hundert Exemplare, jedes genau gleich – bis auf die goldenen Titel auf den Rücken. Diese Titel sind die Bestandteile des Gebets, das der Künstler den Besuchern ans Herz gelegt hat. Es lässt sich ganz einfach ablesen, indem man die Buchreihe Schritt für Schritt abläuft.

Sofort bei Tizian

Also los. Erstaunliche 15 Minuten dauert so ein Regal – vielleicht auch, weil man mehr als einmal innehält. Denn das Gebet lässt sich nicht einfach so runtermurmeln, sondern stellt Fragen, mit denen man noch nie konfrontiert war. «Wenn du ihn dir vorstellst, ist Jesus ein wütender Jesus? / Ein Baby Jesus? / In Windeln? / Ein freier Jesus? / Ein protestierender Jesus? / Ein sichtbarer Jesus? Schwarz aus Rage?»

Die eigene Antwort fällt da geradezu banal aus: Tizians Jesus, der mit Siegesfahne über seinem Grab schwebt. Jung und busper und weiss.

Nicht nur zum Anschauen

Wer «Blackness» hört, verbindet damit nicht unbedingt die Schweiz. Hierzulande wird wenig über Hautfarbe gesprochen. Wenn überhaupt, dann in Zusammenhang mit Menschen, die in die Schweiz geflüchtet sind. Was es aber bedeutet, sich mit schwarzer Haut in einer weissen Welt zu bewegen, wird kaum thematisiert. Ganz anders in Amerika: Dort wird seit Jahren für die Anerkennung der schwarzen Bevölkerung und ihrer Kultur gekämpft.

In dieser Welt bewegt sich Theaster Gates. Auch er ist schwarz und interessiert sich für Fragen, die seine Hautfarbe auslöst und der politischen Implikationen, die auf ihr lasten. «Blackness» ist für ihn ein gesellschaftlicher Zustand, und er reagiert mit einer Kunst darauf, die nicht nur dasteht und Aussagen macht, sondern die Gesellschaft prägen soll. Die Ausstellung soll nicht nur zum Anschauen sein, sondern als Plattform für Kontemplation, Forschung, Debatten und Konzerte dienen. Das «Laufgebet» ist Teil dieser Plattform. Und bringt es mit seinen Fragestellungen auf den Punkt: Was bedeutet Religion? Wie ist sie gefärbt? Woran glauben wir? Und was hat das mit unserer Herkunft zu tun?

Vergötterung vs Blackfacing

Für Gates ist die schwarze Madonna ein ganz zentraler Punkt. Bereits vor Jahren hörte er bei einem Besuch in der Schweiz von der schwarzen Madonna von Einsiedeln und fing an, seine eigenen Assoziationen zu spinnen. Etwa zum schwarzen Verlagshaus Johnson Publishing Company. Dessen Verlegerin hat Gates 3 000 Bilder aus dem Archiv zur Verfügung gestellt, anhand denen Gates die Entwicklung der schwarzen amerikanischen Frau im Bild untersuchte.
Die Bilder hat er auch ins Kunstmuseum gebracht, wo sie säuberlich sortiert in einem Korpus in der Mitte des Ausstellungsraumes stehen.

Theaster Gates Der 44-jährige Künstler beschäftigt sich mit den Implikationen, sie seine Hautfarbe mit sich trägt.

Theaster Gates Der 44-jährige Künstler beschäftigt sich mit den Implikationen, sie seine Hautfarbe mit sich trägt.

Kunstmuseum Basel

Einige hat Gates aufgehängt, neben einer klassischen Mariadarstellung aus dem 16. Jahrhundert und einem Filmausschnitt mit Shirley Temple. Sie alle seien Teil eines Prozesses, den er «deification of the black body» nennt, einer Vergötterung des schwarzen Körpers, die Gates mit seiner Kunst feiern will. Was eine blackgefacte Shirley Temple mit der Feier des schwarzen Körpers zu tun hat, will sich jedoch auch nach dieser Erklärung nicht erschliessen, ja, sie mutet sogar zynisch an.

Und damit ist man bei der einzigen Schwierigkeit dieser hochpolitischen Ausstellung angelangt: Der Künstler ist schwarz, ich bin es nicht. Es gibt Exponate, die sich einem sofort erschliessen (das «Laufgebet»), solche, die man nur mit einer Erklärung des Künstlers versteht (wie der gekachelte Eingang zu den oberen Ausstellungsräumen – Gates’ Mutter hat immer im Bad gebetet) und solche, für die man sich schämt, sie nicht zu verstehen. Was ist schwarz sein? Wie fühlt es sich an?

Das werde ich auch nach dieser Ausstellung nicht wissen. Einerseits, weil ich weiss bin, andererseits, weil in meinem Land der «Blackness»-Diskurs nicht stattfindet und die historischen Bedingungen ganz andere sind. Das ist aber kein Argument – und zack sind wir wieder bei der Scham. Allein für dieses Gefühl muss man Gates dankbar sein. Sich in einem Schweizer Museum solche Gedanken machen zu dürfen ist ein Privileg, das man hierzulande in kaum einer Ausstellung hat.

Theaster Gates: Black Madonna, Kunstmuseum Basel, noch bis zum 21. Oktober.