Warum unsere Sinfonieorchester gerade jetzt spielen sollen ­– auch vor 50 Leuten

Die erlaubten 50 Leute im Saal sind nicht zu wenig, um Musik zu machen. Sinfonieorchester und Opernhäuser sollen nicht auf bessere Zeiten warten, sondern auftreten.

Christian Berzins
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Der grosse Probesaal im neuen Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters wird in diesem Monaten zum kleinen KKL.

Der grosse Probesaal im neuen Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters wird in diesem Monaten zum kleinen KKL.

Urs Flueeler / KEY

Dieser Tage kommt sich der Musikkritiker wie der Tatort-Kommissar vor: Gesucht wird allerdings kein Mörder, sondern ein Konzert. Wer spielt noch? Wer darf überhaupt spielen?

Bei einem Homepage-Besuch des Luzerner Sinfonieorchesters kriegen wir glänzende Äuglein: Neben «Abgesagt» und «Verschoben» sehen wir, dass am 1. und 2. Dezember Klavierlegende Martha Argerich im KKL auftreten soll!

Aber der Kulturtempel ist doch zu? 50 Leute in einem Saal mit 1890 Plätzen? «Wirtschaftlich unmöglich!», jammert der Verwaltungsratspräsident. Seit 1. März hat man Kurzarbeit, eine zusätzliche Million floss aus dem Hilfspaket des Bundes, weitere «Hilfe» wird erwartet.

Das ist in Ordnung, aber eine Zwischenbemerkung sei erlaubt: Das Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt bietet Musikern der Freien Szene seine Säle im kommenden Jahr für zwei Monate kostenlos an.

Besser bzw. schlechter als das KKL kann man den Stellenwert der Kultur nicht zeigen. Derweil die zwei KKL-Restaurants und das Kaffee offen sind, bleiben die zwei Konzertsäle geschlossen. Im Restaurant «Le Piaf» dürfen sich 50 (oder mehr) Leute ohne Maske aufhalten, derweil in den Konzertsälen nicht mal 50 Besucher mit Maske eingelassen werden.

Wen wunderts: Die Gastronomie lobbyierte vor dem Teil-Lockdown enorm, die Kultur erwachte zu spät, trat nicht geschlossen auf, nickte den Bestimmungen zu. Aber es ist an den Sinfonieorchestern, Ensembles und Solisten, Lärm zu machen – oder konkret: zu spielen.

Will man bis Januar schweigen? Bis April? Was einst Grundversorgung war, droht im Frühling Beigemüse in unserem geistigen Menüplan zu werden. Viele werden dann gemerkt haben, dass es bequemer und billiger ist, beim Brotbacken Netflix zu schauen, als am Abend einen Konzertsaal aufzusuchen.

Im Juni hofften wir das Thema Klassik-Livestreams abhaken zu können. Denkste! Es geht wieder los. Und wie... Erbärmlich war der Stream-Auftritt des Zürcher Kammerorchesters diese Woche. Darum der Aufruf: «Spielt!». Wagt es, vor 50 Leuten aufzutreten. Die Schutzkonzepte hielten den Kontrollen bestens stand.

Sterben ist teurer als nicht spielen

Wie im Festivalsommer sieht man auch jetzt, dass eher die Kleinen dazu bereit sind. Das Künstlerhaus Boswil etwa. Oder Konzertveranstalter Jürg Hochuli: Er war einst der erste, der wegen eines Dutzends nicht verkaufter Karten die Redaktionen anrief und um eine Vorschau bat. Jetzt geht er mit Schweizer Kammerensembles in die Zürcher Kirche St. Peter, lässt vor 50 Leuten spielen. «Wir machen Konzert!» heisst die neue Reihe.

Der Normalpreis für eine Karte beträgt 48 Franken, es können aber auch «Solidaritätstickets» à Fr. 120.– gekauft werden: Die Differenz ermöglicht eine ermässigte Studentenkarte für dieses Konzert und/oder wird anteilig auf Musiker und Konzertveranstalter aufgeteilt. Geld macht Hochuli mit den «Wir machen Konzert!» nicht, aber er sagt: «Sterben ist noch teurer».

Die Musiker finden sein Engagement toll, auch wenn die Honorare wegen der Beschränkung auf 50 Besucher kleiner ausfallen – ausfallen müssen.

Das Tonhalle-Orchester hingegen hat kapituliert, bis 10. Januar geht nichts. Bei so wenigen Besuchern lohne es sich wirtschaftlich nicht. Aber was heisst das, dieses Lohnen? Klar, man ist ein Dampfer, hat wegen des Umzuges in die Tonhalle Maag Schulden, ist in Kurzarbeit, weiss nicht mal, ob das Geld dafür auch fliessen wird. Aber jetzt werden die Musiker fürs Schweigen bezahlt, üben hoffentlich täglich ihre Tonleitern.

In der Tonhalle Maag in Zürich gibt es bis 10. Januarkeine Konzerte.

In der Tonhalle Maag in Zürich gibt es bis 10. Januar
keine Konzerte.

Gaetan Bally

Diese Zeitung erschien im Lockdown – trotz Kurzarbeit. Gewisse arbeiteten mehr, gewisse weniger. Man müsste in einer solchen Krise die Orchester-Gesamtarbeitsverträge überdenken. Vereinfacht gesagt: Möchte die Tonhalle-Intendantin, dass gewisse Orchestermitglieder Kammermusik spielen, müssten sie laut Vertrag extra bezahlt werden. Würden sie hingegen Mahler-Sinfonien spielen, wäre das im Monatslohn inbegriffen.

Mahlers Sinfonien, für die es 80 Musiker braucht, gehen zurzeit nicht, Schuberts «Oktett» aber wartet darauf, endlich in der Maag zu erklingen. 50 Leute würden sich freuen, 60 Franken für eine Karte zu bezahlen. Mit den 3000 Franken bezahle man nicht mal die Angestellten in der Tonhalle Maag? Dank 20 Subventionsmillionen sollte noch Spielraum da sein. Auf die Garderobe kann man verzichten, auf den leeren Nebensitzen liegt der Mantel bequem. Blumen muss niemand überreichen, Platzanweiser braucht es kaum, jeder sitzt, wo er will.

Bin ich ein Träumer?

Das Sinfonieorchester Basel spielt jedenfalls weiter. Die Basler haben begriffen, dass diese Zeit ein Umdenken verlangt. Am 2./3. Dezember gibt es anstelle eines Sinfoniekonzertes ein Ersatzprogramm für Abonnenten und Ticketinhaber: Es werden zwanzig (!) Konzerte an zwei Tagen für jeweils maximal 50 Zuhörer im Stadtcasino Basel zu erleben sein.

Der Grillmeister wird zum Platzanweiser

Das Opernhaus Zürich spielt derweil Himmel und Hölle. Man konnte zwar zu Saisonbeginn mit einem Orchester ausser Haus schutztechnisch (nicht künstlerisch) auftrumpfen, spielte dann aber vier Stunden lang «Boris Godunow»: Riesenorchester, Riesenchor, zwei Pausen, dreimal Gequetsche in den Gängen. Dümmer, als das BAG erlaubt. Als dann auch noch das Ballett-Corps in Quarantäne musste, kam der Teil-Lockdown zur rechten Zeit.

Einst beim Eröffnungsfest 2012 zeigte sich Intendant Andreas Homoki noch als Grillmeister, jetzt lässt er den Vorhang runter.

Einst beim Eröffnungsfest 2012 zeigte sich Intendant Andreas Homoki noch als Grillmeister, jetzt lässt er den Vorhang runter.

Walter Bieri / KEYSTONE

Jetzt schweigt man, probt und überträgt die nächste Premiere auf «Arte». Internationales Prestige ist wichtiger, als ein Dienst am Kanton, der die Subventionsmillionen zahlt. Man besteht darauf, für die grosse Oper da zu sein.

Warum nicht Liederabende bieten, schutzkonzeptgemäss kleine Ensembles auftreten lassen? Wegen dem Garderobenproblem? Einst beim Eröffnungsfest2012 zeigte sich Intendant Andreas Homoki als Grillmeister: Warum jetzt nicht als Platzanweiser? Sein Vorgänger hätte die Karten mit Lust kontrolliert.

Aber was ist nun mit dem Luzerner Sinfonieorchester? Argerich/Dutoit spielen am 1./2. Dezember tatsächlich, allerdings im famosen Probesaal des neuen Orchesterhauses: Das Konzert wird exklusiv für Abonnenten und diejenigen, die bereits eine Karte gekauft haben, gestreamt. Diese Aktion ist eine einmalige Sache, denn Intendant Numa Bischof hat dafür ein spezielles Sponsoring gefunden.

Wie es in Luzern weitergeht mit den Sinfoniekonzerten, die bereits im Abo verkauft wurden, entscheidet der Vorstand heute Freitag. Auf jeden Fall stellt das LSO ein Kammermusikprogramm auf die Beine und führt das Konzertleben coronatauglich weiter: «Dank dem grossen Probesaal im neuen Orchesterhaus können wir spannende Kammerkonzerte bieten. Aber ich betone: Es muss ökonomisch aufgehen und künstlerisch sinnvoll sein», sagt Bischof.

«Dank dem grossen Probesaal im neuen Orchesterhaus können wir spannende Kammerkonzerte bieten», sagt Numa Bischof, Intendant des Sinfonieorchesters Luzern.

«Dank dem grossen Probesaal im neuen Orchesterhaus können wir spannende Kammerkonzerte bieten», sagt Numa Bischof, Intendant des Sinfonieorchesters Luzern.

Zvg

Nie hätte man gedacht, dass der neue Probesaal Ersatz für das KKL sein würde. Auch das Zürcher Kammerorchester ist nun froh über das eigene Haus draussen im Tiefenbrunnen. Und das Kammerorchester Basel nutzt jetzt den Saal im neuen Musik- und Kulturzentrum «Don Bosco» häufiger als geplant.

Das sind schöne Aussichten in trüben und stillen Tagen.