Warum Sie den neuen Schweizer Tatort lieber in der ARD statt auf SRF schauen sollten

Warum Sie den neuen Schweizer Tatort lieber in der ARD statt auf SRF schauen sollten

Bild: SRF

Der Zürcher «Tatort» «Züri brännt» hat aus Fehlern gelernt. Doch die Dialoge in Schweizerdeutsch überzeugen nicht.

Julia Stephan
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«Nieder mit den Alpen, Gubser und Luzern! Freie Sicht auf Züri!» Was für eine Symbolkraft steckt im Namen der ersten Zürcher «Tatort»-Folge «Züri brännt»! Im vierzigsten Jubiläumsjahr der Jugendkrawalle sind die neuen «Tatort»-Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) zur Mission angetreten, den Schweizer «Tatort» vom angestaubten Image seines Luzerner Vorgängers zu befreien.

Es geht also um viel für das Zürichbergkind Ott und die ehrgeizige Arbeitertochter Isabelle Grandjean aus La Chaux-de-Fonds. Und es geht um viel für das Schweizer Fernsehen, das mit seinen stylish-urban gekleideten Kommissarinnen den Deutschen beweisen will, dass man in der Schweiz nicht nur Rohrkrepierer produziert. In seinem ersten Fall «Züri brännt» trifft das Duo Grandjean/Ott auf die «Bewegten» der 1980er und auf ihre damaligen Widersacher von der Zürcher Polizei. Gemein ist ihnen allen, dass sie heute Arrivierte sind, die in Chefsesseln sitzen und von ihrer Vergangenheit trotzdem nicht loskommen.

Bevor eine Brandleiche beim Kulturzentrum Rote Fabrik Anlass für eine Recherche-Reise in die Vergangenheit gibt, fährt dieser «Tatort» mit Power und einer Ästhetik drein, die sich von mancher deutschen Routine-«Tatort»-Produktion bravourös abhebt.

Die Tatort»-Debütantin, die Schweizer Regisseurin Viviane Andereggen, hat ein Gespür für Stimmungen.

Viviane AndereggenSchweizer Regisseurin

Viviane Andereggen
Schweizer Regisseurin

Bild Wiki / Hartsig2000

Sie lässt die Originalaufnahmen von den Strassenprotesten aus dem Kultexperimentalfilm «Züri brännt» von 1981 mit Szenen der auf ihrem Velo durchs heutige Zürich fahrenden Tessa Ott gegenschneiden. Das Gestern und das Heute treffen scharf konturiert zusammen. Und man freut sich, dass in Folge eins (Folge zwei handelt leider vom Mord an einem Schoggifabrik-Patron am Zürichberg) noch kein Klischeealarm herrscht.

Verheddert im unausgegorenen Plot

Eine symbolschwere Bilderverbrennung, zwei Selbstmorde (mit einem opfert man einen der besten Namen des Casts) und ein rollender Totenkopf schüren Pathos. Das in der Vergangenheit liegende Verbrechen, das zum Schlüssel des Falls wird, hätte man in Zürich wohl eher weggekokst als so theatralisch inszeniert. Ja, da drohen die Tauben wieder aufzufliegen, die einst aus einem Luzerner Hotelzimmer flatterten, als Flücki im ersten Luzerner «Tatort» seine CIA-Agentin liebte – mit allen schlechten Erinnerungen daran.

Besser wäre, der Film würde seine maximal gegensätzlichen Ermittlerinnen nicht wie Kampfhennen aufhetzen (Ott: «Zynisches Arschloch»/«Grandjean: «Ferme ta geule»). Jedenfalls zieht man beim dritten ironisch hochgezogenen Mundwinkel von Isabelle Grandjean selbst die Augenbrauen hoch.

Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) verhören die Protagonisten der Vergangenheit: Was weiss der ehemalige Polizist Max Alpiger (Hans Hollmann), was verschweigt er?

Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) verhören die Protagonisten der Vergangenheit: Was weiss der ehemalige Polizist Max Alpiger (Hans Hollmann), was verschweigt er?

Bild: Sava Hlavacek

Okay, SRF, verstanden, die zwei sind sich nicht grün. Aber die zwei Charakterdarstellerinnen verstehen etwas von ihrem Fach. Auch in der Figur der ehrgeizigen Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) steckt Potenzial. Doch das Drehbuch sondert für alle bislang recht kümmerliche Dialoge ab.

Warum das SRF nicht auf neue Drehbuchschreiberinnen gesetzt hat, bleibt ein Rätsel. Das Duo Lorenz Langenegger und Stefan Brunner verantwortete bereits die erzählerisch ungelenken Luzerner Beiträge «Kleine Prinzen» (2016) und «Kriegssplitter» (2017). Damals wie heute verheddern sie sich in ihren unausgegorenen Geschichten, um sich dann grobschlächtig mit allerlei Twists aus der erzählerischen Sackgasse zu helfen.

Vermutlich war ihr gefeierter KKL-Tatort «Die Musik stirbt zuletzt» die Eintrittskarte für Zürich gewesen. Vergessen hat man beim SRF, dass die Story in diesem Experimentalfilm nicht so entscheidend war wie seine Machart – sie war das Verdienst von Regisseur und Kameramann. Merkwürdigerweise hören sich die laschen Dialoge auf Hochdeutsch sogar besser an. Das liegt am astreinen Bühnendeutsch von Carol Schuler, das ihrer Ermittlerinnenfigur Tessa Ott etwas von ihrer Einfältigkeit nimmt.

Die Ott wirkt einfach weniger bekloppt, als wenn das Drehbuch sie buddhistische Namen auf Schweizerdeutsch mit einem krachenden Kratzlaut hinrotzen lässt («Akuma»). Und weil Isabelle Grandjean ohnehin in französisch eingefärbtem Hochdeutsch parliert, hier unsere Empfehlung: Schalten Sie in die ARD. Dann wird zwar nicht alles gut. Aber besser.

«Tatort» – «Züri brännt». So, 18. 10., SRF 1, 20.05 Uhr. Trailer hier.