Warum die eigene Geschichte zum Roman wird

Regisseur Eric Bergkraut erzählt in seinem ersten Roman die bewegte Geschichte seiner Eltern. Ein Gespräch im Filmatelier.

Florian Bissig
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Filmer Eric Bergkraut ist jetzt auch Autor. Fotografiert am 3. September 2019 in seinem Atelier in Zürich Binz. (Bild:Sandra Ardizzone)

Filmer Eric Bergkraut ist jetzt auch Autor. Fotografiert am 3. September 2019 in seinem Atelier in Zürich Binz. (Bild:Sandra Ardizzone)

Im Frühling erschien Ruth Schweikerts Buch «Tage wie Hunde», in dem die Schriftstellerin ihre Brustkrebserkrankung aufarbeitet. Im Sommer wurde in Locarno der Film «Wir Eltern» vorgestellt, den Schweikert mit ihrem Mann Eric Bergkraut produziert hatte. Die Familienkomödie wurde in der eigenen Wohnung gedreht, die drei Söhne des Paares standen mit dem Vater vor der Kamera. Jetzt erscheint Eric Bergkrauts Buch «Paradies möcht ich nicht», in dem er seine Familiengeschichte erzählt.

Ist im Hause Bergkraut-Schweikert die kollektive autobiografische Ausdruckslust explodiert? Das fragen wir Bergkraut in seinem Atelier im Zürcher Binz-Quartier. Hier gibt es eine Leinwand, Filmrollen und -plakate. Hier hat der 61-jährige Regisseur und Produzent an seinen Dokumentarfilmen gearbeitet, etwa über Peter Bichsel oder Michail Chodorkowski. Heute lässt er sich erstmals als Schriftsteller interviewen.

Die Ballung ist Zufall

Der Zusammenfall dieser Projekte sei zufällig, sagt Bergkraut. Die Erkrankung seiner Frau war natürlich unvorhergesehen, und sie reagierte literarisch darauf. Bergkrauts Beschäftigung mit seiner Herkunft gärte dagegen schon 25 Jahre in ihm. Und letztes Jahr ergab es sich, dass er sich Zeit nehmen konnte, seine Notizen zu sichten, zu ergänzen und zu einem Buch zu gestalten. Dass nun wenige Wochen nach der Buchveröffentlichung am 10. Oktober der Film «Wir Eltern» in die Schweizer Kinos komme, sei ein Zufall, der ihn selber überrumple.

Der Film «Wir Eltern» sei indessen kein Selbstporträt der Familie Bergkraut-Schweikert, präzisiert er. Ausserhalb der Schweiz finde der Film als normaler Spielfilm Beachtung und man interessiere sich höchstens am Rand für den Umstand, dass Bergkrauts Söhne mitspielten oder dass die Dreharbeiten in der eigenen Wohnung entstanden.

Familiengeschichte mit Zugaben

Auch bei Bergkrauts Buch ertappt sich der Leser dabei, die Episoden umstandslos als nichtfiktionale Wiedergabe aus der Familiengeschichte zu nehmen. Erst bei den Anekdoten zur Tochter Juliette des Ich-Erzählers dämmert es einem plötzlich… eine Tochter hat er doch gar nicht! Was ist denn sonst noch alles hinzugedichtet? Bergkraut freut sich über diese Reaktion, denn sie zeigt, dass sein Amalgam von Recherche, Erinnerung und literarischer Gestaltung zu einem bruchlosen Ganzen funktioniert.

Bergkrauts «Roman einer Familie», wie sein Buch im Untertitel heisst, erzählt die Geschichte seiner Eltern. Sein Vater war als Wiener Jude auf der Flucht und trat der französischen Fremdenlegion bei. Als Internierter traf er in der Schweiz auf seine zukünftige Frau, die in Albisrieden im Restaurant ihres Grossvaters aufwuchs. Die 30 Episoden des Buchs versammeln Geschichten aus der Schweiz und verschiedenen Schauplätzen von Krieg und Flucht und stellen sie einander in einem Kaleidoskop gegenüber.

So weit die Themen in die Weltgeschichte hineinreichen, so fassbar sind sie oft an konkreten Gegenständen festgemacht. Es sei das Konzept des Buchs gewesen, sagt Bergkraut, etwa vom alten Opel Kapitän seines Onkels auszugehen, oder von der weissen Fliege, welche der Leichnam seines Vaters in der Aufbahrungshalle getragen habe.

Bergkraut hatte mit seinen Eltern ausführliche Gespräche geführt. Beim Vater, der 1997 gestorben war, liegen sie länger zurück. Die Mutter besuchte er in ihren letzten Lebensjahren regelmässig im Altersheim, spielte Halma mit ihr und bekam so manches zu hören. Hier fiel auch der titelgebende Satz «Paradies möcht ich nicht». Bergkraut versteht ihn nicht als theologische Absage, sondern als Bekenntnis zum Diesseits: Seine Mutter wollte leben – auch wenn es nicht immer einfach war.

Wie der Filmer Autor wurde

Ein Buch zu schreiben bedeutete für den Filmemacher, sich einen Luxus zu gönnen. «Als Dokumentarfilmer muss man die Kunst des Zuhörens beherrschen. Nun wollte ich mir einmal selber zuhören», sagt Bergkraut. Er nahm sich Zeit, und konnte – anders als im Teamwork der Filmproduktion – in der einsamen Schreibtätigkeit ganz seiner eigenen Intuition folgen.

Bergkraut ist sich bewusst, dass die Erinnerungen durch das Erzählen beschädigt werden. Aus dieser Not macht er eine Tugend. «Das Ich ist eine Figur: Wie mache ich mich selber produktiv?» Diese Frage hatte ihn schon als Schauspieler beschäftigt. Doch trotz der Absage an einen dokumentarischen Anspruch ist die Grundfrage des Buches persönlich: Wer bin ich? Bergkraut ist überzeugt, dass im Grunde jeder Mensch ein solches Buch schreiben möchte und auch könnte.

Die eigene Geschichte wird Weltgeschichte

Indessen ist nicht jedermanns Herkunft derart geschichtsträchtig. Dass sich die eigenen Eltern nur kennen lernen, weil ein Regime eine Religion ausrotten will – das verbindet die persönliche Herkunftsgeschichte in drastischer Weise mit der Weltgeschichte. Auch nach dem Krieg musste das junge Ehepaar, das sich nach Jahren in Paris in Aarau niederliess, stark sein: Die Christin erfuhr von den jüdischen Schwiegereltern Ablehnung, der Jude von den christlichen. Für den Sohn spielt das Judentum in religiöser Hinsicht keine Rolle mehr, umso mehr aber kulturell. «Dennoch war es eine Art Arbeit», sagt Bergkraut, «meine Identität in dieser gemischten Herkunft zu finden.»

Auf alle Nachfragen gibt Bergkraut bereitwillig und wohlüberlegt Auskunft. Sein Buch ist jedoch keineswegs mit Selbstdeutungen oder gar Didaktik überfrachtet. Gerade durch die Zurückhaltung und Auslassung entstehen starke Bilder. Könnte das Buch zur Filmvorlage werden? «Eher nicht», sagt Bergkraut. Die Filmrechte hat er dennoch bei sich behalten.

Eric Bergkraut, «Paradies möcht ich nicht. Roman einer Familie», Limmat Verlag 2019.