Literatur
Warum das Totenbett eine Lebensschule sein kann

Nein, die Rede ist nicht von Coronatoten. Dass aber gleich drei Schweizer Romane, die als Debüts an den Solothurner Literaturtagen vorgestellt wurden, an einem Totenbett spielen, ist mehr als ein Zufall.

Hansruedi Kugler
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Patricia Büttiker
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Ilia Vasella
Annina Haab

Patricia Büttiker

Bild: Ayse Yavas

Grossmutter, Mutter, Ehefrau: Diese drei Frauen sterben in den drei aktuellen Romanen. Der Tod als erschütterndes Moment ist zwar ein zeitloses Thema. Aber ein Satz wie dieser macht das Sterben gegenwärtig: «Unvermittelt ging ihr Blick wieder zum offenen Mund. Er schien die dunkelste Stelle im Zimmer zu sein», heisst es in Patricia Büttikers «Nacht ohne Ufer». Der langsame Tod im Altersheim ist bisher wenig thematisiert in der Literatur.

Der Tod löst aus: Streit, Liebessehnsucht, Erstarrung

Alle drei Romane stellen die drängende Frage, was der Tod bei den Hinterbliebenen auslöst: In Büttikers bildstark-klaustrophobischem Roman bricht am Sterbebett der Mutter ein lange unterdrückter, hasserfüllter Streit zwischen ihren Töchtern aus; in Annina Haabs «Bei den grossen Vögeln» klammert sich eine junge Frau an ihre sterbende, schwarzhumorig-lebenslustige Grossmutter, schmückt deren Leben mit eigenen Wunschszenarien aus und verbindet eine grosse Liebeserklärung mit einer klugen Reflexion auf das Erzählen; in Ilja Vasellas «Windstill» lässt ein Unfall aus Zerstreutheit mit Todesfolge eine Reisegesellschaft betäubt mit der unlösbaren Frage zurück, wie mit diesem schuldlosen Unglück weiter zu leben sei. Was wiederum Raum für makabren Alltagshumor lässt – wenn etwa eine Figur fragt, ob Mücken auch tote Körper stechen.

Schreiben Frauen anders als Männer?

Romane also wie aus dem Leben gegriffen. Geschrieben von drei Frauen. Was die Frage aufwirft: Schreiben Frauen anders als Männer? Anders etwa als Albert Camus, der in «Der Fremde» einen emotionslosen Sohn an das Totenbett seiner Mutter gesetzt und so seinen philosophischen Existenzialismus in Szene gesetzt hat? Anders auch als Peter Handke, der im Buch «Wunschloses Unglück» den Tod seiner Mutter zur bitteren Abrechnung mit der österreichischen Nachkriegsgeneration benutzt hat? Nach der Lektüre der drei Schweizer Schriftstellerinnen sagt man sich: Zumindest diese Frauen schreiben anders, nämlich einladend und zugänglich: feinfühliger, persönlicher, warmherziger, lebensnaher.

Die Überforderung wegen fehlenden Ritualen

Da wird das Sterben nicht für philosophische Höhenflüge oder Gesellschaftskritik benutzt. Fein dosiert ist trotzdem beides in ihren Büchern drin. Bei aller Kunstfertigkeit und stilsicherer Sprache sind diese Romane gerade wegen ihrer unsentimentalen Empathie, Bildfülle und Perspektivenvielfalt als Lebensschule lesbar. Sie füllen eine Leerstelle: die gegenwärtig fehlenden Angebote und Rituale, wie mit dem Tod umzugehen sei. Denn überfordert sind ihre Romanfiguren allesamt: mal versteinert und sprachlos, dann gelangweilt oder rührselig, Teilnahmslosigkeit vorspielend, von Selbstvorwürfen geplagt oder schlicht den Tod nicht wahrhaben wollend.

Romane der Wahrhaftigkeit

Keine Coronaromane also, und das Gegenteil von literarischen Schnellschüssen. In jedem von ihnen stecken bis zu zehn Jahre Arbeit. Ob Zeugnisse von Anhänglichkeit über den Tod hinaus, Leere und Ratlosigkeit oder Geschwisterstreit: Es sind Romane der Wahrhaftigkeit.

Annina Haab: Bei den grossen Vögeln. Berlin Verlag, 278 S.
Ilia Vasella: Windstill. Dörlemann. 160 S.
Patrica Büttiker: Nacht ohne Ufer. edition Bücherlese. 125 S.