Warja Lavater
Sie war Miss UBS und tanzte mit dem bösen Wolf – jetzt wird die vergessene Warja Lavater endlich gewürdigt

Über 80 Jahre alt ist das weltweit bekannte UBS-Logo der drei Schlüssel. Doch wer steckt eigentlich dahinter, wer hat es erfunden? Es ist Zeit, das Geheimnis zu lüften.

Daniele Muscionico
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Warja Lavater und ihr Werk «Dialogue» 1985. Die Künstlerin schöpfte ihr Papier selber, hier für Künstlerbücher der anderen Art.

Warja Lavater und ihr Werk «Dialogue» 1985. Die Künstlerin schöpfte ihr Papier selber, hier für Künstlerbücher der anderen Art.

Bild: PD

Mit achtzig Jahren lässt sie sich scheiden. 1993 ist das, ihr Mann ist der berühmte Künstler Gottfried Honegger. Seine Werke sind in der Stadt Zürich und weit darüber hinaus Teil des Kunstkanons. Welche Frau dieses Alters mutete sich den Mut zu, so einen zu verlassen?

Warja Lavater war diese Frau, auch mit achtzig Jahren ist sie ihrer Zeit voraus. Zwar hatte sie schon in den 1930-ern als Grafikerin, was für ein unweiblicher Beruf dannzumal, ihr eigenes Geld verdient; in der Wahrnehmung der Schweizer Öffentlichkeit allerdings blieb die erste international erfolgreiche Grafikerin der Schweiz stets die «Frau von». Anders in den USA, dort war der Blick weiter und auch Honegger nicht die Institution, als die er in der Schweiz galt.

Das Moma New York verlegte 1962 Lavaters berühmtestes Künstlerbuch, «Wilhelm Tell». Und in Paris kümmerte sich ab 1963 der Verleger von Alberto Giacometti und anderen zeitgenössischen Kunstpionieren, Adrien Maeght persönlich um das Werk der Schweizerin. Doch in ihrer Heimat teilte die Künstlerin das Schicksal vieler Geschlechts­genossinnen. Sie stand zeitlebens im Schatten ihres Mannes.

Sie erfindet ein universelles Kunst-Esperanto

Nun ist die Perle Warja Lavater (1913–2007) ans Licht gekommen. «Sing-Song-Sing & Folded Stories» heisst die Ausstellung ihres Gesamtwerks, und das ist eine Entdeckung mit Witz, Ironie und tieferer politischer Bedeutung. In der Zentralbibliothek Zürich, die ihren Nachlass verwahrt, holt die junge Kunsthistorikerin Carole Ribi die ganze Lavater aus dem Dunkel der Missachtung. Anspielungsreich und sozialkritisch ist das Ergebnis, ein pures Vergnügen.

Bücher als künstlerische Experimente sind zu sehen, «Faltbücher» nannte sie Lavater in den Sechzigerjahren, sie sind die Vorgänger von Artist’s Books, Künstlerbücher, wie die man heute sammelt. Und auch ein neues universales Alphabet wird uns durch Lavater beliebt gemacht, ein Kunst-Esperanto als eine Art konstruktiv-konkreter Zeichenschrift aus nichts anderem als geometrischen Formen; genauso aber schuf sie Stoffbilder oder Filme.

Bei Lavater erhält der denkwürdige Gründungsmythos der Schweiz, das Märchen «Wilhelm Tell», buchstäblich einen Knick, oder sogar viele Knicke, es wird als «Faltbuch» erzählt. Sein Betrachter soll auch sein Benutzer, er selbst bestimmt die Perspektive auf unseren Helden und den Verlauf der Erzählung. Teilhabe und politische Bildung ist das im Grunde.

Und so ist es, als flöge man in Lavaters «Wilhelm Tell» in der Ausstellung lesenderweise über ein Kriegsgebiet, in dem feindliche Ameisen oder hysterische Kopffüssler eine überaus sinnfreie Geschichte bestreiten. Und das ist der Freiheitskampf der Schweiz? Herrlich kleinlich kommt er daher, doch als Inszenierung erzählt sich schrecklich opulent.

Rotkäppchen und der geometrische Wolf

Ähnlich im grimmigen Märchen vom «Rotkäppchen». Es ist als Leporello gestaltet und in einer universalen Sprache verfasst. Formen rechnen auch hier miteinander ab, der böse Wolf ist ein gefrässiger schwarzer Kreis, andere Kreise, grüne nun, stehen unbeteiligt in der Landschaft – sie symbolisieren den schweigenden Wald.

Warja Lavater erzählt das Märchen «Rotkäppchen» in einem universellen Kunst-Esperanto (New York, 1960). Wer findet hier das Käppchen nicht?

Warja Lavater erzählt das Märchen «Rotkäppchen» in einem universellen Kunst-Esperanto (New York, 1960). Wer findet hier das Käppchen nicht?

Bild: PD

Die Ausstellung «Sing-Song-Sings & Folded Story» ist eine Zeitreise und ein Stück Schweizer Kunst- und Frauengeschichte. Die Künstlerin nämlich ist auch ein Missing Link. WarJa Lavater ist ein Spross aus dem grossen Geschlecht der Zürcher Lavaters, ihre Mutter war die Schriftstellerin Mary Lavater-Salomon. Aus diesem Schatten ins Licht der öffentlichen Anerkennung zu treten, misslang der Tochter; einer der beiden Töchter von Warja allerdings ist es geglückt: Die Insektenbilder der Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger werden in vielen internationalen Museen gesammelt.

Die Schau beginnt im Hauptgebäude der Bibliothek mit Lavaters grossem Wandbild, das sie für die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit, die Saffa (1958), schuf. Auch das Saffa-Emblem, «Die Linie» stammt von ihr. Man folgt ihr gerne in die «Turicensia Lounge» des Hauses, wo Fotos die Künstler-Clique um das Ehepaar Honegger und Lavater zeigen; weinselige Gelage mit Max Frisch, Max Bill, Hermann Hesse und anderen - männlichen - Geistesgrössen.

Später aber wird es still, intim, denn Warja tritt zutage, im obskur dunklen Raum unterhalb der Predigerkirche, der sich «Schatzkammer» nennt. Hier tut sich Lavaters Reichtum an weiblicher Fantasie, ungehörigen künstlerischen Experimenten und unbotmässigem Talent auf, der zu entdecken ein Genuss ist.

Lavaters Schlüsselwerk ist ein Schlüsselbund

Denn nur wenigen in der Schweiz ist bewusst: Warja Lavater, 2007 in Zürich gestorben, ist noch heute in der Welt jedem Kind bekannt. Sie ist die Schöpferin des omnipräsenten Logos der Bank UBS, drei sternförmig angeordnete Schlüssel, aufgefächert zum ästhetischen Bukett. Lavater schuf es 1937 für den damaligen Bankverein im Grafikbüro, das sie mit Gottfried Honegger betrieb; als Partnerin von «Honegger-Lavater» war sie allerdings die Kreative.

Und wäre das Schlüsselsymbol nicht das ideale Signet für Vertrauen – für eine Schweizer Bank, das (damalige) Bankgeheimnis und für vieles, was das Wesen einer Finanzinstitution ausmacht – , es wäre ein Leichtes und über 80 Jahre Zeit gewesen, das Markenzeichen neu zu erfinden.

Und so ist alles, was um diese vergessene Künstlerin ist, ein gefundenes Fressen für zeitgenössische Kunsthistorikerinnen. Über sie zu reden, heisst Geschichte aus Frauenperspektive schreiben. Denn dass Warja Lavater noch heute als Geheimtipp gehandelt wird, ist ein Versäumnis, für das man nur Kopfschütteln übrig hat.

«Sing-Song-Sings & Folded Stories» bis 19. Juni in der Zentralbibliothek Zürich.

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