Waris Diries Wüstenblume: «Das Musical ist Drama, ist Poesie»

Dem kleinen Theater St. Gallen gelang ein grosser Coup: Es bekam den Zuschlag für die Uraufführung des Musicals« Wüstenblume». Die Autobiografie von Supermodel Waris Dirie war ein Millionenbestseller. 

Rolf App/Julia Nehmiz
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Waris Dirie freut sich, dass ihre Geschichte auf die Bühne kommt. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Waris Dirie freut sich, dass ihre Geschichte auf die Bühne kommt. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Das Datum kann man sich schon mal merken: Am 22.2.2020 wird am Theater St. Gallen das Musical «Wüstenblume» uraufgeführt. Auch das Datum der Pressekonferenz – einen Tag vor dem Weltfrauentag – war keineswegs zufällig gewählt. Waris Diries Autobiografie «Wüstenblume» erzählt nicht nur das aussergewöhnliche Schicksal eines somalischen Nomadenmädchens, das vor der Zwangsverheiratung flieht und auf den Laufstegen der Welt Karriere macht. Sondern auch, wie diese Frau erst im Kontakt mit Menschen ausserhalb ihres eigenen Kulturkreises realisiert, wie barbarisch die an ihr vorgenommene Genitalverstümmelung ist.

All dies soll nun Thema eines Musicals werden. Das Buch dazu hat Gil Mehmert verfasst, der auch Regie führt, und der gerade in St. Gallen mit «Priscilla» bewiesen hat, dass Unterhaltendes und Ernstes durchaus im selben Musical nebeneinander Platz haben können. «Das Musical ist Drama, ist Choreografie, ist Poesie, ist grosse Oper», sagt er. «‹Wüstenblume› schreit geradezu danach, so vielschichtig erzählt zu werden.»

Zwei Welten, die aufeinander treffen

Noch weit länger als Gil Mehmert verfolgt Uwe Fahrenkrog-Petersen das Projekt, von dem etwa die Musik zu «99 Luftballons» und anderes Nena-Songs stammt, ausserdem zahlreiche Filmmusiken, und der seit 2012 vor allem an der Entwicklung von Musicals arbeitet. Zu «Wüstenblume» ist er seit sechs Jahren im Gespräch mit Waris Dirie, er hatte das exklusive Vorrecht, sich mit dem Stoff zu beschäftigen.

Für die Produktion hat das Theater St. Gallen Stars verpflichtet: Uwe Fahrenkrog-Petersen (rechts) komponiert, Alberto Mompellio erarbeitet die Orchestrierung. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Für die Produktion hat das Theater St. Gallen Stars verpflichtet: Uwe Fahrenkrog-Petersen (rechts) komponiert, Alberto Mompellio erarbeitet die Orchestrierung. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Musikalisch treffen in ihrer Geschichte mindestens zwei Welten aufeinander – die afrikanische und unsere westliche. Zwei Nummern waren an der gestrigen Medienkonferenz bereits zu hören, gesungen von Francisca Urio.

Das Musical soll den Broadway erobern

Man muss sich die Arbeit an einem neuen Musical als einen langen Diskussionsprozess zwischen den Beteiligten vorstellen. «Einiges war schon da, als ich angefangen habe», erzählt Gil Mehmert. «Ich habe dann zuerst eine Buchstruktur entwickelt und geschaut, wo man die Songs platzieren könnte, zu denen Frank Ramond die Texte schreibt. Jetzt wird das umgearbeitet und weiterentwickelt.» Dabei würden die Ebenen der Geschichte – Somalia und die Laufstege der Welt – durch Zeitsprünge miteinander verzahnt.

Haben noch viel Arbeit vor sich: (von links) Komponist Uwe Fahrenkrog-Petersen, Werner Signer (kaufmännischer Direktor Theater St. Gallen), Aktivistin Waris Dirie und Songtexter Frank Ramond. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Haben noch viel Arbeit vor sich: (von links) Komponist Uwe Fahrenkrog-Petersen, Werner Signer (kaufmännischer Direktor Theater St. Gallen), Aktivistin Waris Dirie und Songtexter Frank Ramond. (Bild: Michel Canonica / TAGBLATT)

Die Ambition sei, dass das Musical nach St. Gallen in die Welt hinausgeht, «Westend, Asien, Broadway», sagt Komponist Uwe Fahrenkrog-Petersen. Er schätzt es, dass das Theater das Risiko auf sich nehme, einen Stoff zu entwickeln. Grosse Musical-Häuser wie die Stage-Bühnen würden keine Neuproduktionen wagen, nur fertige Produktionen übernehmen.

Doch noch ist es nicht so weit, noch ist «Wüstenblume»im Entstehen. Der Rohbau sei fertig, sagt Songtexter Frank Ramond. Jetzt folge der Innenausbau.