Warhols gezeichnete Zeitungsfotos

Ein Sensationsfund: Die Graphische Sammlung der ETH Zürich zeigt bislang unbekannte frühe Zeichnungen der Pop-Art-Ikone Andy Warhol. Die Vorlagen stammten aus dem «Life»-Magazin.

Florian Weiland
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Andy Warhols Zeichnung aus dem Jahr 1955 und seine Vorlage, einem Foto aus dem Magazin «Life» vom 2. April 1951. (Bilder: The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts Inc./The Jewish Federations of North America, Inc.)

Andy Warhols Zeichnung aus dem Jahr 1955 und seine Vorlage, einem Foto aus dem Magazin «Life» vom 2. April 1951. (Bilder: The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts Inc./The Jewish Federations of North America, Inc.)

Das ist keine grosse Kunst – oder etwa doch? Ein Foto aus einer Illustrierten, ein Stück Pauspapier – und fertig ist das Bild. Genau so hat es Andy Warhol gemacht. Einfach ein Foto aus der Zeitschrift «Life» abgepaust. Und nicht nur einmal, sondern hundertfach. Doch Warhol hat sich nicht mit der blossen Kopie zufrieden gegeben. Hier beginnt es, interessant zu werden: Zunächst einmal konzentriert er sich ganz auf die Silhouette, was zu einer radikalen Vereinfachung der Motive führt. Einzig die Gesichtszüge werden noch herausgearbeitet. Die Augen haben keine Pupillen und wirken leer und abwesend. In diesen frühen Zeichnungen hat Warhol den Grundstein für sein gesamtes weiteres Schaffen gelegt, erklärt Alexandra Barcal, die Kuratorin der Graphischen Sammlung der ETH Zürich. Es finden sich bereits Motive, die in seinem späteren Werk wichtig werden. Entscheidender aber ist: Warhol entwickelt die sogenannte «Blotted-Line»-Technik: Eine einfache, aber effektive Reproduktionstechnik, deren Hauptmerkmal eine charakteristische, unsaubere Linie aus Punkten und Klecksen ist.

Sensationeller Kunstfund

Es war eine Sensation, als im Jahr 2011 im Nachlass von Andy Warhol (1928–1987) ein umfangreiches Konvolut von Zeichnungen aus den 1950er-Jahren entdeckt wurde. Der Künstler, der einmal zur Ikone der Pop Art aufsteigen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch ganz unbekannt. Warhol hat gerade sein Kunststudium abgeschlossen und ist nach New York gezogen. Er schlägt sich als Schaufensterdekorateur durch. Erste Illustrationen werden veröffentlicht.

Zeitreise in die 50er-Jahre

Heute, gut vier Jahre später konnte der Grossteil der fotografischen Vorlagen ausfindig gemacht werden. Die meisten Bilder, auf die Warhol zurückgriff, stammen aus der amerikanischen Zeitschrift «Life». Einzelne Werke fussen auf Aufnahmen bekannter Fotografen wie zum Beispiel Edward Steichen. Aus dem Bildfundus dieser und anderer Illustrierten bezog Warhol nicht nur seine Inspiration, sondern schärfte auch sein künstlerisches Vokabular, betont Barcal. Durch gezieltes Reduzieren und Transformieren gelingt Warhol, wie der Vergleich mit den fotografischen Vorlagen zeigt, eine eindrückliche Intensivierung des Motivs. Im langen Korridor vor dem Ausstellungsraum kann man im Vorbeigehen in mehrere Ausgaben des «Life»-Magazins Einblick nehmen. Eine kleine Zeitreise in die goldenen 50er-Jahre und eine optimale Einstimmung, denn in der eigentlichen Ausstellung wurde bewusst darauf verzichtet, die Fotovorlagen neben Warhols Zeichnungen zu hängen. So wird der Blick nicht abgelenkt. Allerdings können an einem Monitor die entsprechenden Vorlagen eingesehen werden.

Warhols Fingerübungen

Der Transfer zwischen den beiden Medien Fotografie und Zeichnung ist überaus faszinierend. In der Ausstellung ist sehr gut zu sehen, worin die Stärken und Vorteile der Zeichnung bestehen. Eines der interessantesten Beispiele beruht auf der Fotografie eines kleinen Mädchens. Es ist einer der wenigen Fälle, bei dem sich auch das fragile Pauspapier erhalten hat. Warhol reduziert auch hier auf eine blosse Umrisszeichnung und spiegelt das Motiv. Alle Arbeitsschritte lassen sich nachvollziehen. Schliesslich dient die «Blotted-Line»-Zeichnung als Illustration einer Kurzgeschichte in einem anderen Magazin.

Damit findet ein Bild, das ursprünglich aus einem Massenmedium stammt, erneut in einem gedruckten Massenmedium Verwendung. Es bleibt eine Ausnahme. Die meisten Zeichnungen, von denen in Zürich nun eine kleine Auswahl vorgestellt wird, blieben unveröffentlicht. Es ist bezeichnend, welche Fotografien Warhol so sehr ansprachen, dass er sie adaptierte. Die Vorliebe für attraktive junge Männer ist nicht zu übersehen. Auffallend oft finden sich auch Kinder, ältere Menschen oder Szenen, die in Restaurants spielen. Es ist ein Erlebnis, auch wenn die frühen Fingerübungen des Künstlers nicht die Plakativität und Attraktivität seiner späteren Pop-Art-Werke erreichen.

Andy Warhol – The «Life» Years 1949–1959, Graphische Sammlung ETH Zürich, Rämistrasse 101, Zürich. Bis 17. Januar, täglich 10–16.45 Uhr www.gs.ethz.ch

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