Wandern in filmreifer Kulisse

Die Wissenschaftsjournalistin Antoinette Schwab hat ein Wanderbuch geschrieben, das zugleich ein Stück Schweizer Filmgeschichte ist. Sie erzählt Geschichten und Anekdoten zu 35 Filmen und beschreibt Wanderungen zu den Drehorten.

Beda Hanimann
Merken
Drucken
Teilen
Die Sehnsucht nach Freiheit treibt ihn an: Knecht Pipe erklimmt in «Les petites fugues» mit seinem Moped den Suchet im Waadtländer Jura. (Bild: Faro Verlag)

Die Sehnsucht nach Freiheit treibt ihn an: Knecht Pipe erklimmt in «Les petites fugues» mit seinem Moped den Suchet im Waadtländer Jura. (Bild: Faro Verlag)

Im Film «Le Milieu du Monde» von Alain Tanner schlendert ein Liebespaar über eine Brücke des Canal d'Entreroches, dazu sagt eine Frauenstimme: «Die Geschichte und die Form eines Films hängen stark davon ab, wo und wann der Film gedreht wird und unter welchen Umständen.» Tanners Film aus dem Jahr 1974 illustriert die Aussage auf kongeniale Weise.

Der Ort Le Milieu du Monde am Fuss des Waadtländer Jura ist eine Wasserscheide, das Wasser des Flüsschens Nozon fliesst in die Nordsee, jenes der Venoge ins Mittelmeer. Ein Kanalsystem aus dem 16. Jahrhundert verbindet die beiden Flüsschen und macht Le Milieu du Monde zu einem Ort, von dem aus das Wasser in zwei Meere fliesst. Norden und Süden sind gleichzeitig emotionale Himmelsrichtungen der Liebesgeschichte, in deren Mitte ein aufstrebender Waadtländer Bauernsohn und eine Kellnerin aus Italien stehen.

Siebzig Jahre Filmgeschichte

In der gleichen Region südwestlich von Yverdon drehte fünf Jahre später auch der Dokumentarfilmer Yves Yersin seinen ersten Spielfilm «Les petites fugues». Die zugleich abgeschiedene wie weite Landschaft wird zum Sinnbild des braven Knechts, der sich mit einem Moped seine stille Sehnsucht nach Freiheit befriedigt.

Die Suche nach solchen Zusammenhängen zwischen Film und Drehort steht hinter dem Buchprojekt der Wissenschaftsjournalistin und Geographin Antoinette Schwab. Sie stellt darin 35 Filme aus über siebzig Jahren und ihre Drehorte vor, von Hans Trommers Keller-Verfilmung «Romeo und Julia auf dem Dorfe» von 1941 bis zu Olivier Assayas' «Sils Maria» von 2014.

Säntismord auf dem Pilatus

Ähnlich symbiotisch wie in den Filmen der beiden Westschweizer Regisseure überlagern sich Ort und Handlung in Franz Schnyders Gotthelf-Verfilmungen, in Wilfried Bolligers «Riedland» nach dem Roman von Kurt Guggenheim, in Alain Gsponers «Akte Grüninger» oder in Markus Imhoofs «Das Boot ist voll».

Oft aber wurden die Schauplätze nach ihrer ästhetischen Typizität oder funktionalen Tauglichkeit gewählt, etwa wenn «Der Berg» über den Säntismord auf dem Pilatus gedreht oder die Wahlheimat des Spaniers Carlos Iglesias in «Un franco, 14 pesetas» von Uzwil nach Schwellbrunn verlegt wurde. Und oft haben die Filme «ihre eigene Geographie», wie Schwab schreibt: «Tatsächlich wurde kaum ein Film an einem einzigen Ort gedreht, und oft liegen die Drehorte weit auseinander.» Man komme deshalb auf einer Wanderung kaum an allen Drehorten eines Filmes vorbei.

Wanderungen als Zeitreise

Die Bemerkung zielt auf den zweiten Aspekt des Buches. Es erzählt nicht nur Hintergründe und Anekdoten zu den Filmen, sondern schlägt zu jedem eine Wanderung vor. Antoinette Schwab weist dabei auf Details wie Häuser, Grenzposten, Brücken oder Sitzbänke hin, die in den Filmen eine Rolle spielen.

Die Wanderungen durch die Filmkulissen werden so auch zu Zeitreisen. Etwa im Glatttal, wo «Romeo und Julia auf dem Dorfe» verfilmt wurde – fünf Jahre bevor dort die Bauarbeiten für den Flughafen Zürich begannen. Zeitgeschichte wird aber auch anderweitig spürbar. Zum Beispiel indem beim Dreh einer Liebesszene für den gleichen Film die Dorfkinder weggeschickt wurden, während man sie bei einer Gewaltszene bedenkenlos zuschauen liess, wie Schwab erzählt.

Kino für die Füsse

Antoinette Schwabs Buch versammelt Schweizer und internationale Klassiker wie «Gilberte de Courgenay», «Heidi» oder «Goldeneye», es erweist aber auch weniger bekannten Produktionen wie «Marie-Louise», «Clara und das Geheimnis der Bären» oder «Halb so wild» die Ehre. Das ergibt eine spannende Sammlung kleiner Filmgeschichten und erlaubt Einblicke in die Arbeit der Filmcrews, es ist aber auch eine originelle Zusammenstellung von Wanderrouten aus allen Teilen der Schweiz. «Drehort» ist Kino für die Füsse und weckt zweifach Lust: Jene, die Filme wieder einmal zu sehen, wie jene, sich mit Wanderschuhen aufzumachen.

Antoinette Schwab: Dreh-Ort – Wandern in Schweizer Filmkulissen, Faro-Verlag 2015, 223 S., Fr. 34.–

Antoinette Schwab: Dreh-Ort – Wandern in Schweizer Filmkulissen, Faro-Verlag 2015, 223 S., Fr. 34.–