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Wald-Retreats für Theatergänger

Zwei Theaterproduktionen in Bern und Luzern schicken ihr Publikum zur Schärfung der Sinne in den Wald. Warum das eine gute Idee ist.
Julia Stephan
Mit dem Performance-Kollektiv Showcase beat le mot im Könizer Wald. (Bild: Janosch Abel)

Mit dem Performance-Kollektiv Showcase beat le mot im Könizer Wald. (Bild: Janosch Abel)

Das Theater war in den letzten Jahrzehnten auf einem atemberaubenden Raumeroberungsfeldzug: In den leeren Kellern der Innenstädte hat es gemütliche Kellertheater eingerichtet. Industriebrachen hat es zu Kulturleuchttürmen gemacht. Und auf öffentlichen Plätzen und in Privatwohnungen demonstriert es seine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit.

Aber der Wald? Der war bisher eindrucksvolle Kulisse von Freilichtspielen oder von Kindertheaterstücken auf dem Kita-Waldspielplatz. Doch Achtung: Jetzt wo der öffentliche Raum abgegrast ist und der Urwald am Schwinden, haben auch die Theater den Wald für sich entdeckt.

Eine theatrale Gehmeditation

In Luzern führt noch bis Sonntag das Zürcher Theater- und Performancekollektiv Mercimax Theatergänger, die für einmal diese Bezeichnung im wahrsten Wortsinn auch verdienen, in «Ouverture dans la nuit» auf einen knapp eineinhalbstündigen Spaziergang.

Das geht so: Man bahnt sich mit Laternen schweigend den Weg den Gütschwald hoch. Von der eindunkelnden Stadt aus sieht das dann aus, als habe sich eine okkulte Gruppe zum Ritual verabredet. Was ja auch zutrifft, irgendwie. Jemand grummelt von verschwendeten 60 Franken. Aber nicht mehr lange.

Denn die Gehmeditation im theatralen Kontext funktioniert. Die Zuschauer begreifen sich gehend als Einheit, werden sensibilisiert für die Symphonie der Stadt- und Waldgeräusche. Statt mit langen Dramaturgentexten im Programmheft und einer komplexen Bühnendarbietung sich die Köpfe zu füllen, wird man entleert und mit jedem Schritt empfänglicher. Bis irgendwann der Letzte vergessen hat, dass die Aktion eigentlich ein Ziel hatte – das Luzerner Sinfonieorchester erinnert später wieder daran, als es auf einer Lichtung in Wanderschuhen eine Neukomposition des Westschweizer Komponisten Christian Garcia-Gaucher spielt. Das alles ist von den Machern des Kollektiv Mercimax so gewollt. In einer Gegenwart, in der man von A nach B sprintet, ohne Sinn für das, was auf der Strasse liegt, wollen sie die angeblich verschwendete Zeit dazwischen wieder lebendig werden lassen, von der ja auch das Theater als Ort des Verweilens zehrt.

Waldbaden, um die Sinne zu schärfen

Einen ähnlichen Waldretreat bot die deutsche Performancegruppe Showcase beat le mot letztes Wochenende am Konzert Theater Bern an. Aufbauend auf der Philosophie des Waldbadens, das in Japan seit den 1980er-Jahren wegen seiner wohltuenden Wirkung auf Körper und Geist sogar von den Krankenkassen bezahlt wird, schickt das Kollektiv die Theatergänger in den Könizer Wald zum selbstständigen Spazieren – dass ab und zu Zuschauer verloren gehen, gehört zum Risiko dieser Spielanordnung mit dazu.

Kein szenischer Spaziergang - nur fast!. Keine klugen Sätze von klugen Literaten übers Spazieren. Keine botanische Blütenlese. Wenn man nicht wie der Künstler Klaus Littmann mit seinem Projekt «For Forest» in Klagenfurt gerade einen Wald in ein Stadion verpflanzt, ist der Wald schlicht nicht inszenierbar. Er rauscht und raschelt, wie er will. Und genau das haben die beiden Kollektive für sich beherzigt.

Mit geschlossenen Augen wird man in «Walden» von anderen Theatergängern durchs Berner Unterholz geführt. Später wird man blind einen Baum umarmen, um ihn dann mit offenen Augen wieder zu finden – was erstaunlich gut funktioniert. Statt Tee gibt’s in Bern Birken- und Fichtenschnaps. Sonst ist das Ziel der Übung dasselbe: Man soll in die richtige Stimmung gebracht werden für eine eineinhalbstündige Performance in den Vidmarhallen danach.

Hier wird ein echtes Bedürfnis befriedigt

Dass man hier für etwas bezahlt, das man jederzeit auch kostenlos tun könnte, und es dann auch noch gut findet, beweist, dass das Theater hier ein echtes Bedürfnis befriedigt. Beide Produktionen zeigen einen Mangel auf: Es ist nicht die Ablehnung von Zuschauern, Kunst zu konsumieren, der viele vom Theater fernhält. Man hat schlicht verlernt, sich in diesen ungerichteten Zustand zu versetzen, den es braucht, um Kunst wirklich geniessen zu können.

Fünfstündige Inszenierungen sind für Menschen, die durch den Wald joggen, eine Zumutung. Vielleicht haben diese beiden Produktionen ja tatsächlich Pioniercharakter. Sie bringen wache und interessierte Theatergänger in die Häuser zurück. Die Institutionen sollten sich überlegen, ob sie zwischen den Pausen und vor längeren Theaterabenden ihr Publikum künftig nicht mal in den Wald zum Spielen schicken.

«Ouverture dans la nuit»: heute, Fr., 13.9., sowie So., 15.9., Luzerner Theater. www.luzernertheater.ch

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