Konzertsänger allein zu Hause: «Wahrscheinlich werden wir aus der Armut heraus neu starten»

Freischaffende Sänger wie die Sopranistin Miriam Feuersinger aus Vorarlberg und der Teufner Bariton Manuel Walser haben in der Passions- und Osterzeit normalerweise besonders viele Konzerte. Doch denken sie derzeit nicht nur über den Wegfall ihrer finanziellen Grundlage nach.

Bettina Kugler
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Noch mehr als sonst erinnert sich Miriam Feuersinger an das letzte Konzert: Es war vor genau einem Monat, mit dem Freiburger Barockorchester. Den Termin hat sie in der Agenda ihrer Website nicht gelöscht, auch nicht die anderen, die folgen sollten, aber wegen der Coronakrise abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben wurden.

Nun wartet die viel beschäftigte Sopranistin mit Schwerpunkt geistliche Musik zu Hause in Bregenz auf offene Grenzen, offene Kirchen und Säle. Nur Telefonieren ist möglich. Wenn sie singt, dann zur «Leistungserhaltung»: Die Stimme soll nicht einrosten, die feinen Muskeln, die beim Singen und Stützen zusammenspielen, müssen geschmeidig bleiben. «Das ohne Ziel und nur für mich allein zu tun, bin ich nicht gewohnt», sagt sie. «Ich singe sonst, ob nun in Proben oder im Konzert, aus Herz und Seele heraus; es ist ein Dialog mit den Menschen, die zuhören, und mit den anderen Musikern. Ein gesungenes Gebet, das ich mit anderen teile.»

Miriam Feuersinger zählt nicht, wieviele Konzerte ausfallen

Damit ist sie derzeit allein; wenn sie nicht singt, geht sie auf einsamen Pfaden spazieren, sie liest und versucht, in seelischer Balance zu bleiben. Nebenbei arbeitet sie auf, was durch das viele Reisen liegengeblieben ist: die Buchhaltung. Wie viele Konzerte schon ausgefallen sind, zählt sie lieber nicht. Täglich kommen neue Absagen: auch von Festivals, die erst im Juni oder später stattfinden.

«In den ersten Wochen war ich in einem Schockzustand», sagt Miriam Feuersinger; «es war ein Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Die Musik sichert mir ja keineswegs nur den Lebensunterhalt. Sie hat mir stets Kraft gegeben, mit den Erschütterungen in meinem Leben zurechtzukommen. Auch durch die Erfahrung, damit die Herzen anderer Menschen zu erreichen.»

Zwar springe der Staat jetzt ein und gewähre den Künstlern eine Basissicherung, die Bank stunde Kredite. Doch zeige sich derzeit gleichwohl, dass Kunst und Kultur nicht als systemrelevant betrachtet würden, «obwohl sie gerade in Krisenzeiten stärken». «Wir werden wahrscheinlich aus der Armut heraus neu starten», glaubt die Sopranistin.

Manuel Walser stürzt sich auf selten gesungene Werke

Ähnlich sieht es Bariton Manuel Walser. Den Sänger aus Teufen trifft die Krise besonders hart: Erst vor wenigen Monaten hat er sein Engagement an der Wiener Staatsoper gekündigt, um mehr Freiraum für Konzerte und eigene Projekte zu haben, besonders im Liedbereich. Da ist er zwar nicht abhängig von Chören und grösser besetzten Ensembles.

Doch selbst mit seinem liebsten Klavierbegleiter, der in München wohnt, kann er gerade nur Aufnahmen per Whatsapp hin und her schicken. Ernsthaftes Arbeiten ist so nicht denkbar. «Dem Hobby-Walser geht es aber nicht schlecht», sagt er am Telefon. Er hat jetzt Zeit für Bücher, zum Velofahren. «Das ist besser, als zu grübeln und sich Sorgen zu machen.» Er sei sparsam, das müsse er in diesem unsicheren Job sowieso.

In der Krise sieht er eine Gelegenheit, über den Wert und Sinn des Singens nachzudenken, wieder zum Wesentlichen der Kunst zu kommen. Musikalisch nimmt er sich jetzt Zeit für Sachen, die ihm Veranstalter gerne ausreden: So singt er wieder mit der Entdeckungslust von einst, als Jugendlicher.

LIED: «Ich suche auch positive Farben»

Der aus Teufen stammende Bariton Manuel Walser singt am Sonntag in St. Gallen Schuberts «Winterreise». Die dunklen Lieder verlangten nach Einfachheit, sagt der Sänger der Wiener Staatsoper.
Martin Preisser