Literatur
Salman Rushdie erklärt, was die Welt von der Literatur lernen könnte

Im neuen, mit viel Autobiografie gespickten Essayband, zeigt Salman Rushdie amüsant und brillant, wie Literatur einem die Diversität und das Provisorische von Wahrheiten nahe bringen kann. Unter anderem erzählt er, worum es ihm im Roman «Die Satanischen Verse» eigentlich gegangen sei.

Hansruedi Kugler
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Auch nach Jahren mit Morddrohungen wegen seines Romans «Die Satanischen Verse» lässt sich Salman Rushdie Engagement und Humor nicht nehmen.

Auch nach Jahren mit Morddrohungen wegen seines Romans «Die Satanischen Verse» lässt sich Salman Rushdie Engagement und Humor nicht nehmen.

David Levenson / Getty Images Europe

Seinen Humor verliert dieser Schriftsteller wohl nie. Jahrelang gejagt von islamistischen Mordkommandos lebt er nun relativ frei in New York. Vielleicht deshalb nicht erstaunlich, quittiert Salman Rushdie seine Coronadiagnose vom 16. März 2020 mit einem schwarzhumorigen Vergleich: Das sei ein Tag nach den Iden des März, dem Tag der Ermordung von Julius Cäsar, «allerdings bin ich nicht Julius Cäsar». Zum Glück hat Rushdie die Todeskommandos überlebt, sozusagen auch Cäsar überlebt (was für ein grossartiger Humor!) – und gleich noch Corona überlebt. Denn am Leben gefährdet ist er seit jeher. Als kleiner Junge habe er in Bombay Typhus nur dank einem noch nicht zugelassenen Antibiotikum überlebt.

Nun also wieder: Seine 72 Jahre und sein Asthma hätten ihn «zu einem erstklassigen Ziel» dieses Virus gemacht, schreibt er. Und dankt seinem Arzt, der ihm vor Jahren das Kettenrauchen ausgeredet hatte, als Rushdie mit einer Lungenentzündung zu ihm kam. Ebenfalls mit einem grossartigen Vergleich habe dieser Arzt zu ihm gesagt: «Denken Sie an Lungenkrebs wie an einen Spielfilm. Was mit ihnen gerade geschieht, ist, als ob Sie den Trailer betrachten.»

Keiner kann besser über Kunstfreiheit schreiben

Nur schon diese paar Abschnitte aus dem neuen Essayband machen deutlich, was für ein begnadeter Erzähler Salman Rushdie ist: Hochgebildet, süffig fabulierend, den erzählerischen Reichtum mehrerer Kulturen verbindend, mit scharfem Blick jeglichen rigiden Fundamentalismus verspottend, gesättigt von der Liebe zur Literatur. Ja, auf unheimlich sympathische Art redselig ist dieses Buch. Im Fragebogen am Ende des dicken Bandes antwortet Rushdie denn auch auf die Frage, welche seiner Neigungen er bedauere: «Meine Redseligkeit.» Aber was für ein Glück für uns Leser, hält er sich nicht zurück! Gerade indem Rushdie seine grundsätzlichen Überlegungen zu Kunst und Politik, zu Meinungsfreiheit und Migration nicht in bleischwere Reflexionen, sondern elegant und amüsant in autobiografische Episoden verpackt, macht dieses Buch so genial.

Denn womöglich gibt es in der Gegenwartsliteratur keinen, der besser über Kunstfreiheit schreiben kann: Seit Khomeinis Ausrufung der Fatwa 1989 jahrelang im Versteck lebend, später als Präsident des amerikanischen Schriftstellerverbands PEN andere verfolgte Autorinnen und Autoren unterstützend.

Migration stellt die eigene Person radikal in Frage

Seine Essays gehen deshalb weit über reine Autobiografie und Kunstanalyse hinaus. In Bombay geboren, dann als Student und Jungschriftsteller in England und nun in New York lebend, definiert er sich als migrantischer Schriftsteller. Die Einsichten aus dieser Erfahrung seien für ihn sowohl für das Schreiben wie für ein zeitgenössisches Bewusstsein zentral. Er erklärt dies am Roman «Die Satanischen Verse», das eigentlich ein Buch einer migrantischen Identitätskrise sei: «Migration bringt ein radikales Infragestellen der eigenen Person mit sich, also muss der Roman diese Fragen zum Thema machen.» Dazu gehöre auch die Frage, ob der eigene Glauben rechtens sei. Das Provisorische aller Wahrheiten, die Veränderlichkeit des eigenen Charakters und die Ungewissheit aller Zeiten und Orte müssten deshalb auch Voraussetzungen sein für das politische Bewusstsein. Man muss kein globaler Migrant sein, um das zu verstehen. Wir alle sind Migranten: Mindestens zwischen sozialen Milieus, die im Kleinen solche Identitätskrisen auslösen.

Gewiss: Rushdie hat vor allem die zensurwütigen Regierungen in China oder Iran im Visier, zudem Lügen à la Trump oder Brexit. Er kritisiert aber auch Zensurforderungen von Aktivisten linker Couleur («dass es zu weit gehe, wenn man die Gefühle anderer verletzt») als religionsähnlich. Der gefährliche Vorwurf der Blasphemie sei dann nicht mehr weit.

Was das für sein Verständnis für Literatur bedeutet, umkreist Rushdie mit Lieblingsbüchern: «Don Quichotte» von Cervantes, «Die Blechtrommel» von Günter Grass, «1001 Nacht», die Romane von Franz Kafka und Philip Roth, das indische Epos Mahabharata. Das Surreale, Magische, das Fabulierende, märchenhafte Comic-Superhelden hält er dem autofiktionalen Realismus für überlegen. Grandios verwirklicht hat er dies im Roman «Quichotte»: Ein moderner Quichotte zieht durch ein rassistisches, drogenverseuchtes, TV-irres Amerika. Romane könnten nicht mehr von rein privatem Leben erzählen: «Wir leben in einer Zeit, in der öffentliche Ereignisse so unmittelbar auf unser privates Leben einwirken, dass die Literatur zeigen muss, wie das geschieht.»

Salman Rushdie: Sprachen der Wahrheit. Texte 2003-2020. C.Bertelsmann, 480 S.

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