Wahnsinnstrompeter spielt Zukunftsmusik

Hörbar

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Ambrose Akinmusire

«A Rift in Decorum», Blue Note

Ambrose Akinmusire ist nicht nur ein phänomenaler Trompeter, sondern auch ein visionärer Bandleader. Akinmusire kombiniert virtuosen Postbop-Jazz mit avantgardistischem Furor und Anleihen bei populären zeitgenössischen Sounds und kreiert eine Musik, die aus der Zukunft zu kommen scheint. Als Trompeter scheint Akinmusire fast keine Limiten zu kennen – er kann rasend schnell und blitzgescheit spielen wie Woody Shaw, er kann sein Instrument aber auch seufzen, grunzen und schreien lassen wie Lester Bowie. Dabei geht es ihm nicht darum, sein Können auf selbstverliebte Art vorzuführen. Ihm geht es um echte Emotionen. Und um intellektuelle Abenteuer. Mit dem Pianisten Sam Harris, dem Bassisten Harish Raghavan und dem Schlagzeuger Justin Brown bildet Akinmusire seit vielen Jahren eine verschworene Einheit. Nun legt der Wahnsinnstrompeter eine Doppel-CD mit Live-Aufnahmen vor: ein zwischen wütender Raserei und trauriger Nachdenklichkeit oszillierendes Meisterwerk. Ambrose Akinmusire liefert den Soundtrack zu Ta-Nehisi Coates Essay «Between the World and Me», in dem der Autor seinem Sohn und allen, die es wissen wollen, davon berichtet, dass die Afroamerikaner in den USA nach wie vor sehr weit von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung entfernt sind.

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Kirk Knuffke

«Cherryco», Steeple Chase

Wunderbare Hommage an Don Cherry

Kirk Knuffke ist ein Kornettist, der sich stilistisch nicht festnageln lassen will – sein Spektrum reicht von Swing bis Avantgarde. Die befruchtende Begegnung zwischen den Generationen liegt ihm auch am Herzen. Auf «Poundcake» trifft der 1980 in Denver, Colorado geborene Kirk Knuffke auf den 53 Jahre älteren Tenorsaxophonisten Ted Brown, auf «Chorale» auf den 40 Jahre älteren Schlagzeuger Billy Hart: Diese zwei wunderbaren Alben entstanden für das dänische Label Steeple Chase, das nun auch eine sehr gelungene Hommage an den freigeistigen Trompeter und Weltenbummler Don Cherry veröffentlicht. Mit den enorm einfallsreichen Allroundern Jay Anderson (Bass) und Adam Nussbaum (Schlagzeug) improvisiert der US-Amerikaner Knuffke, dessen warmherziger Sound an Ruby Braff erinnert, über melodiös-unorthodoxe Stücke von Cherry und Ornette Coleman, wobei eine koboldhafte Beschwingtheit dominiert.

Tom Gsteiger